Süddeutsche Zeitung

München:Ein Zuhause auf Zeit

"Die gute Stube" hat sich innerhalb von nur zwei Jahren zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt im Viertel entwickelt. Vorübergehend ist das Projekt in einem alten Kloster an der Schleißheimer Straße untergekommen - und hofft, nach der Corona-Krise wieder öffnen zu können

Der Schoko-Kokos-Kuchen von Angelika ist ein Traum. Mit einem Riesentablett der süßen Leckerei kommt die 66-Jährige am ersten Donnerstag nach der Winterpause in "Die gute Stube": Die Freude, endlich wieder hier sein zu können, hat sie backen lassen und steht ihr jetzt förmlich ins Gesicht geschrieben. Kurze Zeit später sitzt Angelika mit Renate, Gerti, Brigitte und Rudi am Tisch, der Kaffee dampft, es wird geplaudert und geschäkert und nebenher werden Zwiebeln geschnippelt. Für das Abendessen um halb sechs, dann gibt es Spaghetti mit Thunfisch.

"Die gute Stube" ist Schwabings öffentliches Wohnzimmer "für Münchner Senioren und alle, die es werden wollen". Ein Treff im Gebäude eines alten Klosters an der Schleißheimer Straße 278, direkt am U-Bahnhof Petuelring gelegen und, in Nicht-Corona-Zeiten, immer donnerstags, freitags und feiertags von 15 Uhr an geöffnet. Schon am Eingang heißen ein Strauß Tulpen neben der Tür und fröhliche Schneewittchen-Zwerge über dem Briefkasten den Besucher willkommen.

Noch heimeliger wird es, ist man erst mal drinnen: Orientteppiche liegen auf dem dunklen Fußboden der "Stube", Mid-Century-Schränke zieren die Wände, eine flippige Leuchte, bestehend aus vielen bunten Lampenschirmen, hängt von der Decke. Dazwischen gemütlich Sofas, große Holztische mit Vasen voller frischer Blumen, ein scheinbar prasselnder Kamin, vor dem den ganzen Nachmittag Promenadenmischling Chili auf einer Decke döst. "Sie chillt eben gerne", meint Hunde-Frauchen Steffi Leitz und lacht. Steffi ist das Herz der guten Stube. "Gefühlte 23" und tatsächliche 40 Jahre alt, ehemals Redakteurin beim Fernsehen, später als On-Off-Jobberin Szenenbildnerin für das deutsche Kino- und Fernsehprogramm.

Steffi - wie alle hier wird sie nur bei ihrem Vornamen gerufen und geduzt - wohnt "in einem dieser Hochhausbunker" ganz in der Nähe. Jeden Tag kann sie in dem Haus beobachten, wie sich ihre älteren Nachbarn, kaum dass sie in Rente sind, immer mehr zurückziehen. "Sie gehen nicht mehr raus, haben kaum noch Kontakte, vereinsamen zunehmend."

Dafür gibt es viele Gründe. Das liege, sagt Steffi, zum einen daran, dass vielleicht der Partner schon verstorben ist, Freunde weggezogen und die Kinder, falls es noch welche gibt, längst aus dem Haus sind. Eine Rolle spiele aber auch die Angst vor der Altersarmut in einer so teuren Stadt wie München: "Gerade die gutbürgerliche Mittelschicht", weiß die Künstlerin, "leidet still im Fernsehsessel vor sich hin." Nach dem Motto: Ich brauch' doch keine Almosen. "Die Angst vor Altersarmut wird meist auch vom Rückzug aus dem sozialen Leben begleitet", ist Leitz' Erfahrung.

2017 reichte es Steffi Leitz, sie mochte diese Trostlosigkeit nicht mehr länger mitansehen. Die Macherin griff zum Stift - und entwickelte über Weihnachten und Silvester ein Konzept für einen Verein, dessen Angebot mittlerweile Menschen aus ganz München anzieht. War die gute Stube anfangs noch ein "Stüberl" in Form eines zu einem mobilen Treffpunkt umgebauten Fahrradanhängers im Grünen, samt Bänken, Solarzelle für Ventilatoren, Kaffee in Thermoskannen und Spiel- und Bastelzeug, ist sie heute als Zwischennutzung in einem historischen Gebäude zuhause. Finanziert wird das Projekt über Sponsorengelder. Bis das Kloster in einigen Jahren abgerissen werden soll, darf der Verein einige Räume dort unentgeltlich nutzen - lediglich die Nebenkosten muss "Die gute Stube" bezahlen. "Ein Glücksfall, den wir noch immer nicht fassen können", sagt Steffi.

Etwa 15 bis 20 Leute, die meisten zwischen 65 und 85 Jahre alt, sind an den Öffnungstagen in der Regel da. Sie kommen, weil sie sich in der "guten Stube" wohler fühlen als zuhause. Gerti zum Beispiel, 68 Jahre alt: Sie ist "sehr froh, dass es das hier gibt". Angelika, 66, liebt "das Warmherzige, Gemütliche, Persönliche" der Stube. Immer da ist auch Brigitte: Die fröhliche 65-Jährige lobt die Stube als "Superprojekt", für das sie sich "mit Freude" engagiert. "Es passt hier alles, ich bin zufrieden und glücklich."

Gerne kommen aber auch Jüngere wie der 40-jährige Dennis aus Köln oder die 44-jährige Coralie aus Berlin. Dennis hat lange seinen Vater gepflegt, er genießt es, dass sich in der Stube Jung und Alt begegnen. "Die Nutzung hier ist wie ein Sechser im Lotto." Coralie ist erst seit Herbst in München, sie war am Theater für die Ausstattung verantwortlich und hat alles an Dekomaterialien gespendet, was sich nun im Atelier der "guten Stube" befindet.

Denn auch das ist "Die gute Stube": eine Anlaufstelle für aktive Senioren, die sich einbringen, die mitgestalten wollen. Oder, wie Steffi es formuliert, ein "Projekt abseits der angestaubten Tanz- und Flötenkreis-Veranstaltungen". Am Donnerstagnachmittag zeigt die 77-jährige Ex-Berlinerin Christa dem beinahe nur halb so alten Dennis im Atelier, wie man mit Nadel und Faden umgeht. Gerti bemalt derweil mit der 14-jährigen Anastasia alias Stasi Vogelhäuschen. Im Verein ist ständig etwas los. "Wie in einer WG, wo keiner schläft", sagt Steffi: Während in der Stube gekocht und diskutiert wird, kann im Atelier jeder kreativ werden, der Lust dazu verspürt. In dem Zimmer stehen mehrere Nähmaschinen, es gibt ein Riesenarsenal an Stoffen, Farben und Bastelzubehör, das jederzeit kostenlos genutzt werden kann - sogar Brillen in verschiedenen Sehstärken zum Ausleihen stecken in einer Box beim Eingang.

Im Sommer werkeln viele außerdem im fußballfeldgroßen Schrebergarten, der zum Verein gehört - und genießen den geselligen Sommer in der Stadt. Jeder kann etwas Besonderes, der Hobbykoch war früher Hoteltester, ein Automechaniker kümmert sich um die Werkstatt, repariert Fahrräder und Möbel. Bankkaufmann und Gründungsmitglied Micha (45) kümmert sich als Schatzmeister um die Finanzen, Renate, die gerne strickt, hat für den Weihnachtsmarkt vergangenen Dezember Schals und Socken gefertigt. "Wir sind wie eine kleine Familie", erklärt die junge Stasi und lacht. Sogar jemanden, der berufsbedingt ein offenes Ohr bei Problemen hat, gibt es: Sozialpädagoge Daniel Musizza. Er steht dem Verein "Sehbehindert - aber richtig" vor, der Vorträge und Workshops für Menschen mit einer Sehbehinderung und Fortbildungen für Lehrer an Schulen anbietet. Musizza wie auch seine Stellvertreterin Vanessa Manders sehen selbst nur eingeschränkt, sie wissen also, mit welchen Unsicherheiten Menschen mit Sehbehinderungen zu kämpfen haben. Bisher hatte der Verein nur eine Postadresse, jetzt ist er als Untermieter der "guten Stube" - ohne Miete zu zahlen - mit einem Workshop-Raum im Kloster untergebracht. "Ein Glücksfall", sagt Musizza. "Eine Win-Win-Situation", bestätigt Steffi. Denn jeden Freitag ist Daniel da und hilft mit Fachwissen, wo er kann.

Als nächstes soll "Die gute Stube" eine richtige Küche bekommen, mit Herd statt wie bislang Kochfeldern und mit Mobiliar, das ein ehemaligen Schreiner anfertigt. Das Essen bleibt aber wie bisher kostenlos, um niemanden auszugrenzen. "Denn viele Senioren", weiß Schatzmeister Micha, "sind nicht auf Rosen gebettet." Das Ziel für 2020 ist zudem, die Öffnungszeiten zu verdoppeln - von zwei auf vier Tage inklusive Samstag und Sonntag. Und von täglich vier auf acht Stunden. Bis auf weiteres bleibt die "Stube" aber erst mal wegen der Corona-Pandemie geschlossen. "Wie lange, wissen wir noch nicht", sagt Chefin Steffi. Auf der Homepage www.diegutestube-muenchen.de wird nachzulesen sein, wann der Treff wieder öffnet.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4886003
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.04.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.