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München:Ein Vormittag Angst

  • Der Messerstecher, der am Samstagmorgen im Münchner Osten mehrere Menschen angegriffen hat, konnte bereits wenige Stunden nach der Tat festgenommen werden.
  • Hinweise auf ein politisches oder religiöses Motiv gibt es nicht. Die Polizei glaubt, dass der Verdächtige psychisch krank sein könnte.

Der Mann mit dem Messer radelte aus der Stadt heraus, als ihn Fahnder entdeckten. Er versuchte noch zu fliehen und sich zu verstecken. Vergebens, wie ein Anwohner an der Ottobrunner Straße vom Balkon aus verfolgt hat. "Sie kamen mit mehreren Wagen, Zivilfahrzeuge mit Blaulicht obendrauf. Dann ging alles wahnsinnig schnell", sagte er. "Die Polizisten stiegen aus, sprangen über einen Gartenzaun und eine Hecke." Dahinter müsse sich der Verdächtige verkrochen haben. "Ich hab dann nur noch gesehen, wie sie ihn ins Auto geladen haben", erzählt der Mann.

Exakt um 11.44 Uhr hätten die Fahnder zugeschlagen, bestätigt gut zwei Stunden später der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä. "Es gibt keine Gefahr mehr", die Menschen im Münchner Osten könnten aufatmen. Denn die Ermittler hätten "keine ernsthaften Zweifel mehr", den Messerstecher festgenommen zu haben, der zuvor in der Au, Haidhausen und in Berg am Laim einen zwölf Jahre alten Jungen, sechs Männer und eine Frau angegriffen habe. Vier von ihnen verletzte der mutmaßliche Täter mit Stichen und in einem Fall mit einem Schlag leicht. Sie wurden ambulant behandelt.

Der in Deutschland geborene Mann ist in München gemeldet, die Polizei kennt ihn bereits: Er war durch gefährliche Körperverletzungen, Drogendelikte und Diebstahl auffällig geworden. Bis zum Nachmittag weigerte sich der Mann, Fragen der Ermittler zu beantworten. Diese gehen jedoch aufgrund erster Erkenntnisse davon aus, dass der mutmaßliche Täter psychisch krank sein könnte. Ein Muster bei den Opfern war nicht festzustellen, sie seien wahrscheinlich zufällig ausgesucht worden, vermutet die Polizei. Es lägen "keinerlei Hinweise" auf politische oder religiöse Motive vor, sagte Sprecher Marcus da Gloria Martins.

Der Täter löste einen Polizeieinsatz von gewaltiger Dimension aus. Hubschrauber kreisten über den Stadtvierteln, Streifenwagen und zivile Einsatzfahrzeuge jagten durch die Au und Haidhausen in alle Richtungen. Die Polizei brachte etwa 500 Beamte auf die Straßen, gleichzeitig forderte sie die Menschen im Osten der Stadt auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. Am Rosenheimer Platz blinkten die Lichter von etwa einem Dutzend Rettungsfahrzeugen. Polizisten mit schweren Waffen standen an der Kreuzung. Die ersten Täterbeschreibungen wurden offiziell - und erwiesen sich im Nachhinein als zutreffend. Der Mann, der Passanten wahllos mit einem Messer attackierte, sei mit einem schwarzen Fahrrad unterwegs, hieß es. Dazu mit einem Rucksack und Isomatte. Daran erkannten ihn die Fahnder in der Ottobrunner Straße. Bei der Durchsuchung fanden sie zudem ein Messer.

Damit soll der mutmaßliche Täter am Paulanerplatz in der Au gegen halb neun seine erste Attacke unternommen haben. Die weiteren Angriffe erfolgten schnell darauf unter anderem in der Lilienstraße, am Auer Mühlbach, in der Schleibinger Straße und an der Ständlerstraße. Der Täter fuhr wohl mit seinem Fahrrad von Tatort zu Tatort, mit den Opfern gab er sich wohl nur kurz ab. Die letzte Messerattacke unternahm er um kurz nach halb zehn. Die Münchner Polizei informierte über Twitter und Facebook die Öffentlichkeit zwischenzeitlich im Minutentakt. Wohl auch, um zu verhindern, dass sich falsche Informationen verbreiten und Panik geschürt wird - wie es nach dem Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum im Juli 2016 der Fall gewesen war.

Unter dem Hashtag #RosenheimerPlatz gab die Polizei am Vormittag auch eine detaillierte Personenbeschreibung bekannt: Einige Nutzer warfen den Beamten vor, Haut- und Haarfarbe und die mutmaßliche Nationalität absichtlich nicht zu nennen und äußerten Spekulationen über einen islamistischen Terroranschlag. Als die Polizei daraufhin die Beschreibung konkretisierte (blonde Haare, korpulent, unrasiert) mutmaßten Einzelne, die Haare seien nur blond gefärbt, auch das werde absichtlich nicht mitgeteilt. Die Münchner Polizei ließ sich weder auf Spekulationen noch auf Diskussionen ein und twitterte innerhalb einer halben Stunde gleich zweimal: "Bitte haltet euch mit Spekulationen zurück", gesicherte Informationen würden - sobald verfügbar - umgehend über die diversen Kanäle weitergegeben werden.

Solche Auswüchse blieben jedoch die Ausnahme. Polizeipräsident Andrä lobte die Münchner ausdrücklich für ihre besonnene Reaktion. Panik sei nie aufgekommen, trotz der unübersichtlichen und alarmierenden Situation. Während sich die Lage im Münchner Osten Schritt für Schritt normalisierte, liefen die Ermittlungen der Polizei weiter. Der Verdächtige sollte einem Alkoholtest unterzogen werden. Beamte suchten die Adresse auf, an der er seinen Wohnsitz gemeldet hat. Gleichzeitig wurden Opfer und Zeugen befragt, um lückenlos aufzuklären, wie der mutmaßliche Täter den Münchner Osten mit seinen Messerattacken einen Vormittag lang in Schrecken versetzt hat.

Kriminalität Polizei fasst Verdächtigen nach Messerattacke in München

München

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