Süddeutsche Zeitung

München:Ein kleines Reich im Grünen

Die Schrebergärten sind dieses Jahr für ihre Besitzer ein besonders kostbarer Rückzugsort. Doch es gibt auch Widrigkeiten: Weil die Gartencenter geschlossen sind, ist es zum Beispiel schwierig, an Pflanzen zu kommen

Von Jutta Czeguhn, Anita Naujokat und Jürgen Wolfram

Es grünt und sprießt in den Kleingärten der Stadt. Einige Hobbygärtner haben schon fast alle ihre Beete bepflanzt, andere wollen erst noch vorsichtshalber die Eisheiligen abwarten und genießen dieser Tage vor allem die Sonne. Manche Häuschen verharren im Winterschlaf, doch stapeln sich auch dort schon Säcke mit neuer Erde. Für viele ist ihr kleines Reich auch zum besonderen Erholungs- und Rückzugsort geworden, jetzt, wo man nicht mehr überall entspannt hinkann. Doch auch Gartenbesitzer haben ihre Probleme, und die sind nicht nur Corona-bedingt.

Stark gedrosselt wirkt der sonst lebhafte Betrieb im "Sonnengarten Solln", einer 1400-Quadratmeter-Anlage des Vereins Ergon an der Littmannstraße. Auf gerade mal drei der 25 Parzellen wird an diesem sonnigen Nachmittag gearbeitet. Eine Hobbygärtnerin berichtet, was sie gerade sät und in mehreren Durchgängen begießt: "Jetzt ist die Zeit für dicke Bohnen, Kohlrabi und Radieschen." Für sie ist das Wühlen in der Erde eine willkommene Abwechslung, denn sie arbeitet in einem Krankenhaus, und macht dort gerade angespannte Zeiten durch.

Die "Sonnengarten"-Gemeinschaft, sie besteht seit dem Frühjahr 2014, hat sich den Wahlspruch "Gemeinsam.Ökologisch.Gärtnern.Neues erproben" ausgesucht. Für das Gemeinsame gelten gegenwärtig eine Reihe von Einschränkungen. "Kein Besuch möglich, Treffen und Veranstaltungen ausgesetzt", heißt es auf einer Hinweistafel. Und bei "Gesprächen über den Gartenzaun" sei unbedingt ein Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten. Der Aufenthalt im Garten sei "auf das Notwendige" zu beschränken, gemeinsames Gärtnern nur "mit Angehörigen aus dem eigenen Hausstand" erlaubt - "keine Gruppenbildung". Gartenhandschuhe seien "durchgehend" zu benutzen, für Gartengeräte stünden Desinfektionsmittel bereit. Das meistgenutzte Gerät in diesen Tagen: die Gießkanne. "Wässern ist fast täglich notwendig", erläutert die Hobbygärtnerin. Nach den strengen Nachtfrösten Ende März, die manche Pflanzbemühung zunichte gemacht haben, soll jetzt nicht auch noch die Trockenheit ihren Tribut fordern.

Auf der Kleingarten-Anlage des Vereins Bahn-Landwirtschaft am Sollner Bahnhof ruhte der Betrieb bis vor Kurzem sogar komplett. Denn wegen Leckagen hatten die Stadtwerke das Wasser abgedreht. Jetzt kehrt allmählich wieder Leben ein in die Schrebergärten. Aber auch über ihnen prangt eine Warnung: "Nettes Beisammensein mit weiteren Personen darf keinesfalls stattfinden."

Auch in den Schaukästen entlang der Kleingartenanlage der Bahn-Landwirtschaft München an der Pasinger Haberlandstraße liest man aktuelle Hinweise zu Corona. Die für den 25. April geplante Gemeinschaftsarbeit ist abgesagt. "Diese Stimmung, diese Stimmung, die ist anders", sagt Margarete Fellner, als man ihr - in gebührendem Abstand - durch ihren Garten folgt. Sie hat die Parzelle in der Anlage seit 15 Jahren, seit sie in Rente ist. Es ist ein kleines Reich, höchst liebevoll gestaltet, mit viel überraschendem Dekor. Margarete Fellner wird diesen sonnigen Frühlingstag nutzen, um in ihrem Garten Blumen zu pflanzen. "Gestern hab' ich einer Friedhofsgärtnerei vier Paletten Blumen abgenommen, die machen grad ja enorme Verluste", sagt sie und lädt zum Rundgang durch ihr Reich ein.

Über die Corona-Verhaltensregeln sei sie vom Vereinsvorstand per E-Mail informiert worden, erzählt Fellner. Ob sich alle daran halten würden? Fellner zuckt mit den Schultern. Es geht weiter zum Nutzgarten, sie zeigt auf ein vorbereitetes Beet. "Normalerweise wären hier jetzt schon Folien drüber, es wäre schon was drinnen, auch mein Frühbeet wäre schon bestückt, aber es gab kein Salatpflänzchen, nirgends".

Aber Margarete Fellner ist eine erfahrene Gärtnerin, eine die aus der Not eine Tugend macht. So hat sie selbst gesät, sie zeigt auf ein Hochbeet, wo sie schon sprießen, winzige grüne Blätter von Radieserl, Kohlrabi, gelben Rüben und Salat. "Da muss ich halt jetzt abwarten, is alles a bissi später dran, aber alles kein Problem", sagt Margarete Fellner. Gärtner haben eben Geduld, eine Gabe, die jetzt alle brauchen können.

Die Gärtner in den Kleingartenanlagen an der Borstei und neben Gut Nederling erweisen sich als überwiegend bodenständig. Angst vor Versorgungsengpässen haben weder Hilde Piontek noch Marion Gaßner. Wen man auch fragt: Dieses Jahr werde auch nicht mehr angebaut als sonst, lautet die überwiegende Auskunft. Er baue schon mehr an, sagt dagegen Wolfgang Glatz, der in der Anlage Nordwest 19, an diesem Nachmittag gerade die Beete vorbereitet. Aber nicht wegen Corona, sondern weil er jetzt in Rente gehe und viel mehr Zeit für seinen Garten habe. Sorgen bereitet ihm vielmehr, wie man jetzt an Pflanzen kommt. Die Baumärkte und Gartencenter seien geschlossen. Er habe sich online zwar schon was schicken lassen, aber langsam brauche er Gemüsepflanzen. "Im Notfall eben auch online. Aber jetzt warten wir erst mal noch ab", sagt er.

Das Problem mit den Pflanzen hat auch eine andere Hobbygärtnerin, die gemeinsam mit ihrem Sohn, an den Beeten werkelt. Sie liebe es, sonst durch die Reihen der Setzlinge in den Centern zu streifen. Gehe jetzt nicht, und die kleinen Läden böten nur eine geringe Auswahl, sagt sie. Die Zeit, in der sie nicht arbeiten und ihr Sohn nicht zur Uni könne, nutzen die beiden, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten: den Steingarten entfernen, Unkraut am Rand jäten, sich um neue Beerensträucher kümmern. Den Sohn plagen dabei durchaus Zukunftsängste: Ein Jahr Uni werde er wahrscheinlich verlieren. Und wie geht es mit der ganzen Landwirtschaft, den Ernten weiter? Und wenn dann noch irgendein Naturereignis Felder vernichtet?

Marion Gaßner ist vor ihrem "Pumuckl-Gartenhäuschen", in dem 1986 für eine Pumuckl-Folge gedreht worden sei, bereits mit Nachpflanzen beschäftigt. Die Schnecken hätten schon die ersten Salatpflanzen gefressen, sagt sie. Nein, sie baue auch nicht mehr an als sonst, habe aber in ihrer Nachbarschaft in Neuhausen beobachtet, dass plötzlich viele 30- bis 40-Jährige auf ihren Balkonen pflanzten.

Mit Säen und Pflanzen haben Alfons und Helga Wegele noch nichts am Hut. Sie wollen bis nach den Eisheiligen damit warten. Beide haben es sich in der Sonne gemütlich gemacht, er mit geschlossenen Augen und Strohhut, sie Zeitung lesend. Ein Anblick wie aus der Sommerfrische des 19. Jahrhunderts.

Froh sind jedenfalls alle, überhaupt noch raus zu dürfen, und doppelt froh, mit dem Garten einen solchen Rückzugsort zu haben. "Es ist schön zu wissen, wo man hinkann", sagen Lola und Hans Ogal. Und auch ihren Humor haben die Gartler nicht verloren. "Unkraut zu verkaufen", steht auf einem Schild. "Wegen der hohen Nachfrage nur an Selbstpflücker."

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Quelle:
SZ vom 16.04.2020
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