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Ehrenamt:Wie Münchner mit wenig Geld ins Theater und in Konzerte kommen

Verein KulturRaum, der kostenlos Eintrittskarten zu Kulturveranstaltungen an Bedürftige vermittelt, Zenettistr. 2

Elisabeth Heyssler (links) und Ulrike Thiessen vermitteln für den Verein Kulturraum kostenlose Tickets an Arme in der Stadt.

(Foto: Florian Peljak)

Ulrike Thiessen vermittelt kostenlose Karten an Menschen, die sonst keine kulturellen Angebote wahrnehmen könnten. Manche weinen vor Freude, andere sind so arm, dass sie sich nicht einmal eine Fahrkarte leisten können.

Der direkte Kontakt, von Angesicht zu Angesicht, "nein, das ist nicht meins", sagt Ulrike Thiessen, 62, zwischen zwei Telefongesprächen und schüttelt den Kopf. Aber anderen Menschen "etwas Gutes zu tun", das finde sie "total toll". Ulrike Thiessen, 62, wollte "etwas Ehrenamtliches machen". Seit einem Dreivierteljahr sitzt sie nun zweimal pro Woche für gut zwei Stunden im Büro des Vereins Kulturraum und telefoniert mit Menschen, die wenig Einkommen haben. Denen das Geld nicht reicht, um mal ein Konzert zu besuchen, eine Theatervorstellung oder ein Kino.

Ulrike Thiessen ruft einen der mehr als 11 000 registrierten Kulturgäste an, um ihm kostenlos Eintrittskarten anzubieten, die von 280 Kulturveranstaltern zur Verfügung gestellt werden. Sie ist eine von 60 ehrenamtlichen Vermittlerinnen und Vermittlern, die jeden Monat im Schnitt 1800 Tickets an Menschen mit geringem Einkommen weitergeben. Seit seiner Gründung vor acht Jahren hat der Verein inzwischen mehr als 100 000 Tickets vergeben.

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Am liebsten vermittelt Ulrike Thiessen klassische Konzerte, "da hat jeder so seine Favoriten". Je nachdem, welche Interessensgebiete die Kulturgäste angegeben haben, können es auch Karten für Kabarett, Vorträge und Führungen. Am Bildschirm kann Ulrike Thiessen sehen, welches Kontingent für welche Veranstaltung noch zu vergeben ist. Sagt der Angerufene zu, werden zwei Karten auf seinen Namen an der Abendkasse hinterlegt, damit er noch jemanden mitnehmen kann.

Es handelt sich dabei keineswegs um schlechte Plätze, betont Ulrike Thiessen, sondern "um wirklich gute", etwa für die Oper, die Kammerspiele, das Residenztheater. Sagen die Kulturgäste zu, "rutschen sie im Computer nach hinten", alle sechs Wochen haben sie wieder eine neue Chance.

Es sei schön, etwas zu vermitteln, was Freude macht, sagt Ulrike Thiessen, die selbst gern in die Oper und zu Matineen geht. Gefragt ist natürlich vor allem Musik. Das muss nicht immer nur ein Konzert sein, es kann auch eine Klangwanderung durch das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst sein. "Wenn man nicht so viel Geld hat, heißt das nicht, dass man kein Wissen hat", sagt Ulrike Thiessen. "Viele unserer Kulturgäste sind extrem belesen und kennen sich gut aus." Wenn der Termin passt, dann bucht Ulrike Thiessen die Karten, automatisch geht dann auch ein E-Mail mit allen Daten an den jeweiligen Kulturgast. Wer kein Internet besitzt, bekommt alles zum Mitschreiben erklärt und wird auf Verwechslungsgefahren hingewiesen - etwa dass die Allerheiligenhofkirche und die Hofkapelle zwei unterschiedliche Veranstaltungsorte sind.

"Ältere wollen nicht so gerne abends aus dem Haus"

"Etwas Gutes, Sinnvolles" wollte auch Elisabeth Heyssler, 63, tun. Noch bevor sie in Rente ging, informierte sie sich deshalb auf der Freiwilligenmesse 2015 über Tätigkeiten für Ehrenamtliche. Der Verein Kulturraum sagte ihr zu. Sie schaute sich das schließlich in der Praxis an, "da habe ich beschlossen, das ist etwas für mich". Jetzt ist sie schon viereinhalb Jahre dabei, jede Woche sitzt sie zweieinhalb Stunden am Telefon. Nicht alle Wünsche lassen sich erfüllen: "Die Männer fragen immer wieder nach Sportveranstaltungen, wie etwa ein Vater von vier Söhnen, der mit ihnen in die Allianz-Arena wollte. Aber damit konnte ich nicht dienen." Und zur Oktoberfestzeit wird schon auch mal nach Wiesn-Gutscheinen gefragt - aber da gibt es nichts. Inzwischen kennt Elisabeth Heyssler die Vorlieben der Kulturgäste: "Ältere wollen nicht so gerne abends aus dem Haus, aber wir haben auch Matineen." Bei Gästen mit russischen Wurzeln seien vor allem Oper und Ballett sehr gefragt.

Der Verein Spielraum hat auch Karten der Staatsoper im Angebot. Hier ein Foto der Premiere von "Karl V.".

(Foto: Florian Peljak)

Immer wieder erfährt Elisabeth Heyssler, wie eng das Budget für viele Menschen ist. Etwa, wenn jemand das Kartenangebot ablehnt mit den Worten, "für diese Woche habe ich keine Fahrkarte und für das Radl ist es zu weit". Um so dankbarer sind die Menschen, denen der Kulturraum ein Konzerterlebnis vermitteln kann. "Unsere Gäste bedanken sich, dass es uns gibt", sagt die Vermittlerin. Oft bekommt sie zu hören: "Das war so toll." Ein Ehepaar, dem sie ein Weihnachtskonzert im Herkulessaal bescheren konnte, habe sogar geweint vor Freude. Das Angebot sei "echt super", da sei für jeden etwas dabei, vom Theater über Ausstellungen, etwa in der Hypohalle, dem Lenbachhaus, der Villa Stuck oder dem Haus der Kunst, bis hin zum Kino am Olympiasee oder dem Sommernachtstraum. Für das Spielart Theaterfestival gibt es extra eine Einführung für die Vermittler, damit sie es registrierten Kulturgästen nahebringen können, die sich darunter noch nichts vorstellen können.

Älteren Menschen, die Begleitung wünschen, aber auch Geflüchteten vermittelt der Kulturraum ehrenamtliche Kulturpaten, die Veranstaltungen für einen gemeinsamen Besuch aussuchen. Fast jeder sechste Münchner lebt unter der Armutsgrenze. Da bleibt oft kein Geld mehr, um unter andere Leute zu gehen, häufig führt das zu Isolation und Vereinsamung. "Wir möchten mit unserem Angebot diese Isolation überwinden und den Menschen ein positives gemeinschaftliches Erlebnis ermöglichen", sagt Sabine Ruchlinski, Kulturraum-Vorsitzende und eine der Gründerinnen des Vereins. "Das Erlebnis im Theater, Konzertsaal und anderswo kann Inspiration sein, zum Nachdenken anregen und für Unterhaltung in einem ansonsten nicht immer leichten Alltag sorgen."

Kulturbesuche wirken sich gesundheitsfördernd aus

Kulturgäste begegnen Menschen, die sie sonst nicht getroffenen hätten, gelangen an Orte, die sie vielleicht zuvor gar nicht gekannt haben. Kulturbesuche, so hätten Studien ergeben, wirken sich gesundheitsfördernd aus. "Wir vom Kulturraum München wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass kulturelle Teilhabe eine wichtige Versorgungsmaßnahme für Menschen in Armut darstellt", erklärt Ruchlinski. Das diene vor allem der seelischen Gesundheitsvorsorge. Und so freut es Sabine Ruchlinski besonders, dass viele Veranstalter inzwischen ganz bewusst Karten zur Verfügung stellen.

Rund 6000 Erwachsene mit geringem Einkommen sind als Kulturgäste registriert. Bei diesem ersten Angebot ist es nicht geblieben: Kulturkinder vermittelt kostenfreie Tickets an 5000 Kinder bis zu 13 Jahren. Kulturkick richtet sich an Jugendliche von 14 bis 21 Jahre, die ihre Karten selbst buchen können. Der Online-Kalender eintrittfrei-muenchen.de listet monatlich 300 bis 400 kostenlose Veranstaltungen auf. Und mit "Kultur vor Ort" sprechen "Botschafter" seit zwei Jahren Menschen an Ausgabestellen der Münchner Tafel unmittelbar an, um jenen, die sich nicht selbst an den Verein wenden, kulturelle Angebote zu erschließen.

Zudem arbeitet der Kulturraum an einer App, die alle Informationen zur Barrierefreiheit von Veranstaltungsorten bietet. Sabine Ruchlinski und ihr Team haben aber schon wieder neue Ideen, um die Teilhabe aller Menschen zu fördern. "Unsere Gäste wünschen sich Austausch", hat Sabine Ruchlinski festgestellt und schmiedet Pläne für einen Kulturraum-Stammtisch oder ein -Café.

Unter dem Motto "100 000 Glücksmomente durch Kultur" lädt der Kulturraum München e.V. am Mittwoch, 9. Oktober, 17.30 Uhr, zu einer Podiumsdiskussion in Marias Platzl, Mariahilfplatz 4, ein. Experten aus Wissenschaft, Politik, Sozial- und Gesundheitsreferat diskutieren über die Wirkung von kultureller Teilhabe, das Gespräch moderiert SZ-Redakteur Alex Rühle.

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