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Verkehrswende:München hat eine erste komplette E-Bus-Linie

München hat eine erste komplette E-Bus-Linie.

Es ist kein Zufall, dass der 144er den Anfang macht, der Neuhausen und Schwabing verbindet: Er fährt durch die Landshuter Allee, wo die Luftqualität besonders schlecht ist.

(Foto: Robert Haas)

Stadt und Verkehrsbetriebe setzen damit Vorgaben zur Luftreinhaltung um. Doch das Millionenprojekt alleine wird nicht reichen.

Von Stefan Simon

Busse, die früher fahren als vorgesehen? Im Fall der Linie 144 ist das sogar in gewisser Weise vorbildlich. Die Verbindung vom Rotkreuzplatz zum Scheidplatz und zurück ist unerwartet die erste in München, auf der ausschließlich Elektrobusse eingesetzt werden. Ein mit Blick auf die Verkehrswende bedeutender Moment für die Stadt, kein Zweifel, und die Münchner Verkehrsgesellschaft MVG verkündete den Start vor genau einer Woche deshalb auch nicht ohne Stolz.

Geplant war es freilich anders. Eigentlich sollte die Museenlinie 100 als erste vollständig auf den Betrieb mit Ökostrom umgestellt sein. Sie wird nicht nur von Münchnern, sondern auch von Touristen genutzt. Ein sehr bewusst gesetztes Zeichen also, und das war noch nicht einmal der einzige Grund. Es gab auch politische Vorgaben. Doch die schnöde Pendlerlinie 144 war einfach schneller. Möglich machen das acht neue E-Busse, die früher zur Verfügung stehen als gedacht und von denen jeder eine Reichweite von mindestens 250 Kilometern hat. Dazu kommen zehn neue Ladesäulen im Busbetriebshof Ost.

Billig war das Ganze nicht, sechs Millionen Euro kostete die Anschaffung. Elektrobusse sind in etwa doppelt so teuer wie die konventionellen Diesel. Aber: "Wir brauchen eine Alternative zum Auto, und diese Alternative ist ein leistungsfähiger und attraktiver öffentlicher Personennahverkehr", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Die Hälfte der Rechnung übernahmen deshalb auch der Freistaat und der Bund. Dass der 144er, der Neuhausen und Schwabing-West verbindet, dabei vor anderen Strecken zum Zug kam, ist kein Zufall. Er fährt unter anderem durch die Landshuter Allee, die in den Debatten und Gerichtsverfahren über die Münchner Luftreinhaltung seit Jahren selbst so regelmäßig auftaucht wie ein Linienbus. Unentwegt werden hier die Grenzwerte für hochgiftige Stickoxide und andere Luftschadstoffe gerissen. Stadt und Regierung sind durch eine Fülle von Klagen mächtig unter Druck geraten.

In nur zehn Jahren soll die gesamte Flotte umgestellt sein, mehr als 600 Fahrzeuge

Auch der 100er muss rasch zu einer reinen E-Bus-Linie werden, das schreiben in diesem Fall sogar der Luftreinhalteplan der Regierung und ein "Masterplan" der Stadt vor. Wirtschaftsreferat und MVG hätten "die Inbetriebnahme der ersten E-Buslinie in der Prinzregentenstraße sicherzustellen", heißt es in den Dokumenten. Dafür fehlen jedoch noch zwei größere Fahrzeuge, Elektro-Gelenkbusse, die zwischen Haupt- und Ostbahnhof mehr Passagiere befördern können müssen als die normalgroßen Solobusse. Sie sind bisher schlicht nicht geliefert. Die MVG verspricht, die Linie 100 "zeitnah ebenso komplett auf E-Antrieb" umzustellen, noch dieses Jahr. Dann sind insgesamt 13 E-Busse der Hersteller Ebusco, Evobus und MAN im Einsatz - genug für einen Vollbetrieb auf beiden Linien. 2021 soll sich die Zahl der Fahrzeuge mindestens verdoppeln. Bei der Auswahl neuer E-Bus-Strecken würden dann vorrangig Straßen bedient, heißt es, an denen 2018 und 2019 die Jahresgrenzwerte für Stickoxide überschritten wurden.

Zwei komplett elektrifizierte Linien seien "ein guter Anfang", findet MVG-Chef Ingo Wortmann. Dem mag man nicht widersprechen. Gleichwohl sollte man nicht den Fehler machen anzunehmen, dass die saubere Luft in Münchens Straßen alleine von Linienbussen abhängt, eher geht es um eine Vorbildfunktion. Denn zum einen macht die Flotte der MVG gerade einmal ein Prozent des dieselgetriebenen Verkehrs aus. Zum anderen stößt ein Gelenkbus nicht viel mehr Stickoxide aus als ein durchschnittlicher Mittelklasse-Pkw; vorausgesetzt, beide erfüllen die Abgasnorm Euro-6 beziehungsweise Euro-VI; für die MVG-Dieselbusse ist das mit Frist zum Jahresende vorgesehen. Der wichtige Unterschied: Ein Bus ist nach Angaben der MVG mit durchschnittlich 20 Fahrgästen besetzt, während in einem Pkw statistisch nur 1,3 Personen sitzen.

Die Stickoxid-Bilanz der E-Busse ist natürlich noch viel besser, sie fahren schließlich komplett emissionsfrei. Bis 2030, also in zehn Jahren, will Wortmann die Busflotte "möglichst vollständig" umstellen und komplett mit Ökostrom betreiben. Da hat sich der MVG-Chef durchaus etwas vorgenommen, und nicht nur er: Nach jüngsten Zahlen besteht die Flotte aus 382 Bussen, die im Besitz der Stadtwerke München sind, hinzu kommen 238 Fahrzeuge, die Partnerfirmen gehören - und durch E- Busse ersetzt werden sollen alle. Allzu kurz ist die Einkaufsliste also nicht.

Wird es leiser in den Straßen? Das ist eine Frage von Tempo-Limits, aber nicht nur

Abgesehen vom Geld hängt das Vorhaben im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: der Leistung der Batterien und der Größe der Fahrzeuge. Es gehe darum, die neuen elektrischen Busse "auch auf Top-Linien einsetzen zu können", sagt der MVG-Chef. Der 100er war so gesehen genau richtig für den Start gewählt: Er wird von sehr vielen Fahrgästen genutzt, und die Route ist topografisch anspruchsvoll. An der Steigung beim Friedensengel zeigt sich schnell, ob die Akkus halten, was der Hersteller über die Reichweite verspricht. Der MVG-Chef stellt klar: Der Einsatz von E-Bussen dürfe nicht dazu führen, dass zusätzliche Fahrzeuge und zusätzliches Personal gebraucht werden, um den gleichen Takt und die gleiche Kapazität anbieten zu können. Da sei "noch viel zu tun", betont er. Buszüge, also Busse mit Anhänger, die in München auf mehreren Linien im Einsatz sind, gibt es zum Beispiel bisher noch gar nicht in einer elektrischen Variante.

Eine andere Frage ist die: Wird die Stadt auch leiser, wenn all die knatternden Dieselbusse erst einmal durch Nachfolger mit summenden Elektromotoren ersetzt sind? Untersuchungen der Universität Stuttgart und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zeigen, dass die Antriebsart von Bussen bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde völlig unerheblich ist - da wird jeder Motor von Roll- und Strömungsgeräuschen übertönt. Alles ist gleich laut und gleich lästig, ob Diesel oder Elektro. Beim Anfahren an Kreuzungen und Haltestellen sind E-Busse aber akustisch klar im Vorteil, und auch bei langsamer Fahrt bis Tempo 30. Diese Höchstgeschwindigkeit gilt nach Angaben des Kreisverwaltungsreferats schon jetzt auf knapp 90 Prozent des Münchner Straßennetzes. Dort fährt zwar noch jede Menge anderer Verkehr. Gleichwohl stimmt es: E-Busse können die Stadt wirklich sauberer und leiser machen - nicht im Alleingang, aber zumindest ein bisschen.

© SZ vom 12.10.2020
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