Fahrradreparatur von Biss„Die Tätigkeit mit den Händen beendet das Kopfkino“

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Polat repariert beim Verein Dynamo Fahrradservice Biss ein Fahrrad – und versucht dadurch, einen neuen Weg einzuschlagen.
Polat repariert beim Verein Dynamo Fahrradservice Biss ein Fahrrad – und versucht dadurch, einen neuen Weg einzuschlagen.
Foto: Stephan Rumpf

Seit 40 Jahren lernen Arbeitslose bei Dynamo Fahrradservice Biss, Räder zu reparieren. Über einen Verein, der Selbstbewusstsein stiftet und immer wieder auch in eine neue Zukunft führt.

Von Lena Bammert

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„Das hier ist das Wichtigste beim Zerlegen“, sagt Polat, 50, und holt eine Dose Rostlöser von seiner Werkbank. In seinen grau melierten Haaren steckt eine Brille, an seinen Händen trägt er Schutzhandschuhe. Dann begutachtet er das Fahrrad vor sich. Es sieht aus, als wäre es gerade frisch aus der Isar gefischt worden: zerfetzter Sattelschutz, kaputte Bremse und vor allem: Rost. Überall Rost. An der Kette, am Lenker, an der Sattelstütze. Rost. Rost. Rost. „Das wird ein Kampf, die rauszukriegen“, sagt Polat und zeigt auf die Pedale. Auch dort: Rost.

Aber Polat grinst trotzdem. Er sieht entspannt aus, wie er so durch die Werkstatt schaut, zu seinen Kollegen, die alle am Werkeln sind, hier in dem lichtdurchfluteten Raum mit baumelnden Fahrradreifen an der Decke und dem Geruch von Rostschutzmittel in der Luft. „Diese Arbeit“, sagt er, „hilft enorm, Fuß zu fassen.“

Polat ist einer von etwa 30 Menschen, die sich derzeit beim Verein Dynamo Fahrradservice Biss als Fahrradmechaniker, Lagerverwalterin oder Bürokraft qualifizieren lassen, die hier wieder Halt finden, Selbstbewusstsein sammeln können. Deswegen will er seinen Nachnamen auch nicht öffentlich machen. Die meisten von ihnen haben einen langen Leidensweg durch die Arbeitslosen-Bürokratie hinter sich. Hier, in der Haager Straße 11 am Ostbahnhof, soll er endlich enden.

Das Konzept ist simpel: Die alten Fahrräder der Stadt werden eingesammelt, gespendet, abgeladen. Nach Ankunft bekommen die Fahrräder eine erste Einschätzung vom Werkstattleiter, dann landen sie im dritten Stock bei Polat und seinen Kollegen, werden zerlegt, aufbereitet, repariert. Bei Erfolg ziehen sie nach unten in den Verkaufsraum.

Jedes Fahrrad, das dort ankommt, bekommt einen Aufkleber mit dem Namen der Person, die es geschafft hat, es wieder auferstehen zu lassen. „Das ist dann ein geiles Gefühl“, sagt Polat. Vor allem, wenn es schnell verkauft wird. Das Fahrrad, an dem er heute arbeitet, wird es nicht nach unten schaffen, das ist schon klar, es ist zu kaputt. Seine Einzelteile sind trotzdem wertvoll. „Das Zahnrad ist durch, aber die Nabenschaltung könnte noch gerettet werden“, sagt er fast schon liebevoll.

Polat hing irgendwann nur noch in Maßnahmen des Jobcenters

Polat ist im Februar über das Jobcenter hierhergekommen. Davor hat er jahrzehntelang in der IT gearbeitet, aber irgendwann war Schluss. Er konnte einfach nicht mehr, wollte auch nicht. Das ständige Sitzen, die Büroluft, dieselben Aufgaben, Tag für Tag, er hat es einfach nicht mehr ausgehalten. Aber einen neuen Job fand er auch nicht. Es folgten Bürgergeld, Termin nach Termin im Jobcenter, „verzweifelte Maßnahmen“, wie Polat es nennt, zermürbend.

Dann hörte er vom Dynamo Fahrradservice Biss. Davon, dass hier jeder eine Chance bekommt, der Lust auf Fahrräder hat, egal, wie seine Vergangenheit aussieht, egal, wie lange er schon nach Arbeit sucht. Am Anfang traue man sich nicht viel zu, sagt Polat, aber dann merke man, dass hier alle im selben Boot sitzen. Dass jeder einiges durchgemacht hat, bevor er hier gelandet ist. „Wir wissen, wie wertvoll es ist, sich gegenseitig zu helfen“, sagt Polat.

In der Werkstatt finden sich allerlei Gangschaltungen.
In der Werkstatt finden sich allerlei Gangschaltungen.
Stephan Rumpf

Im Raum nebenan versammeln sich jetzt drei Menschen, ohne die es den Verein gar nicht geben würde und die alle erzählen wollen, wieso das Konzept in ihren Augen funktioniert. Siegfried Benker, 69, Vorstand; Mark Gebhardt, 53, Geschäftsführer; und Katharina von Raffei, 46, Sozialpädagogin. Das Büro ist klein, der Blick auf das Riesenrad am Ostbahnhof frei, die Kaffeemaschine läuft. „Die Tätigkeit mit den Händen“, sagt Vorstand Benker, „beendet das Kopfkino.“ Vor 40 Jahren gründete er mit anderen passionierten Fahrradfahrern den Verein, seitdem fördert die Stadt München das Projekt mit knapp 430 000 Euro im Jahr.

„München braucht Dynamo“, sagt er. Es gäbe viele Menschen, die es nicht schaffen, am Arbeitsmarkt anzukommen. Damals in den Achtzigerjahren, so Benker, hätte es viele Diskussionen um Langzeitarbeitslosigkeit gegeben, um Selbsthilfe und Selbstorganisation. „Die Menschen kommen hierher und es geht nicht um Probleme“, stimmt Sozialpädagogin von Raffei zu, „sondern darum, was sie brauchen, um wieder in Struktur zu kommen.“ Für manche sei das einfach nur ein freundliches Gespräch, gutes Zureden, für andere sind es Termine bei der Schuldnerberatung oder Ambulanz. In einem normalen Fahrradladen hätten alle viel mehr Stress, hier bei Dynamo hat man vor allem Zeit.

Klar, sagt Raffei, schaffen es trotzdem nicht alle. Es gäbe einfach zu viel, was dazwischenkommen kann, die Psyche, Drogen, die Gesundheit. Aber die meisten bekommen es hin, blühen richtig auf. Viele, sagt Geschäftsführer Gebhard, finden danach einen festen Job in einem Fahrradladen oder in einem anderen handwerklichen Betrieb. Gebhardt ist erst seit Anfang des Jahres bei Dynamo Fahrradservice Biss. Als er hier ankam, sei er erst mal ganz verdutzt gewesen. „Ich habe noch nie so viele motivierte Menschen auf einem Haufen gesehen“, sagt er. Hier könne jeder sein, wie er ist. „Auch ich.“

Katharina von Raffei, Siegfried Benker (Weißes Hemd) und Mark Gebhardt.
Katharina von Raffei, Siegfried Benker (Weißes Hemd) und Mark Gebhardt.
Foto: Stephan Rumpf

Insgesamt habe der Verein ungefähr 1000 Menschen wieder in den Arbeitsmarkt gebracht, schätzt Vorstand Benker, mittlerweile gibt es sogar eine zweite Filiale in der Fritz-Winter-Straße in Schwabing-Freimann. An eine Geschichte könne er sich noch besonders gut erinnern. Ein Geflüchteter aus Afghanistan, der später selbst mal einen Fahrradladen eröffnen wollte. Bei seiner Rückkehr nach Kabul, so Benker, habe der Verein ihm einen ganzen Container mit Ersatzteilen für Fahrräder mitgeschickt. „Der wollte gerne zurück, weil er eine Starthilfe bekommen hat.“

Aus der Werkstatt dringen immer wieder Geräusche herein. Es hämmert und flext, manchmal zischt Reifenluft. Polat zeigt jetzt die Schätze, die sie hier manchmal finden und die dann fein säuberlich in einem Regal an der Wand aufbewahrt werden: eine Lampe mit eingebautem Tacho, Flickzeug im Retro-Look, solche Dinge. Dann zählt er auf, wie viele Fahrräder er mittlerweile besitzt. Insgesamt sechs: ein Mountainbike, ein Rennrad, ein Crossbike, ein Fahrrad für den Alltag, eins zum Einkaufen und ein Schrottrad. Ein Schrottrad? „Ja klar“, sagt Polat. Das sähe zwar von außen etwas mitgenommen aus, aber es funktioniert einwandfrei. Außerdem hat es einen entscheidenden Vorteil, den all die anderen Fahrräder nicht haben: Es wird komplett unterschätzt. „Dann klaut das niemand“, sagt Polat und lacht.

40 Jahre Dynamo Fahrradservice werden gefeiert an der Haager Straße 11 am Mittwoch, 23. September, von 10 bis 18.30 Uhr.

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