Die Spur führte über Freising nach Niedersachsen. Ein Großaufgebot von 17 Beamten des Staatsschutzes durchkämmte am Donnerstag um sechs Uhr einen Forstbetrieb im Landkreis Goslar. Der Inhaber, ein 67-jähriger Deutscher, steht unter Verdacht, im Februar dieses Jahres einen Drohbrief mit einer scharfen Patrone an die Israelitische Kultusgemeinde München geschickt zu haben.
Bei der Hausdurchsuchung fanden die Ermittler Schusswaffen, Munition und NS-Memorabilien, darunter ein Foto Hermann Görings, eines der Hauptangeklagten im Nürnberger Tribunal im Jahr 1946. Der antisemitische Drohbrief war mit einem Namen unterschrieben, den die bayerischen Ermittler in der Stadt Freising ausfindig machten. Rasch war aber klar, dass der Betreffende nichts mit der Tat zu tun hatte. Doch sein Name führte zu dem mutmaßlichen Täter, denn der Mann war früher einmal in dem niedersächsischen Forstbetrieb beschäftigt gewesen.
Die Generalstaatsanwaltschaft München bestätigte die Hausdurchsuchung, die wegen der Größe des Anwesens mehrere Stunden dauerte. Dabei stellten die Kriminalbeamten elf Langwaffen sicher, die der Verdächtige legal erworben hat, sowie eine weitere, unerlaubt geführte Schusswaffe. Oberstaatsanwalt Andreas Franck, zentraler Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, leitet die Ermittlungen. Er wollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch keine näheren Auskünfte geben. Informationen der SZ zufolge gleicht die Patrone in dem Drohbrief vom Februar einer Munition aus dem Arsenal des Verdächtigen. Das muss jetzt aber noch genau untersucht werden.
Die Beamten nahmen auch einen PC und Schreibproben mit, da der Täter die Absenderadresse von Hand geschrieben hatte. Ungeklärt ist auch die Frage, ob der mutmaßliche Täter aus dem Landkreis Goslar Verbindungen zur rechtsextremen Szene in Niedersachsen hat. Die NS-Memorabilien deuten auf eine Nähe zum Nationalsozialismus hin, was aber bisher nur ein Verdacht ist. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), erklärte der SZ: „Für uns als jüdische Gemeinschaft ist wichtig zu wissen, dass die Strafverfolgungsbehörden entschlossen und erfolgreich gegen antisemitische Anfeindungen, Bedrohungen und Angriffe vorgehen.“ Viel zu oft seien entsprechende Anzeigen im Sand verlaufen und gar nicht erst vor Gericht gebracht worden.
Es war ein Schock, als der Brief Anfang Februar in der jüdischen Gemeinde eintraf. Im Kuvert lag eine scharfe Patrone, dazu ein Drohbrief, in dem es unter anderem hieß: „Jeder Jude wird jetzt sterben.“ Mehr als 100 Hetz- und Drohbriefe erhält die IKG jährlich, diesmal aber war eine weitere Grenze überschritten. „Wir nehmen das sehr ernst. Es ist eine Alarmsituation“, sagte IKG-Vizepräsident Yehoshua Chmiel. Auch Politiker der Stadt München reagierten mit Entsetzen auf die unverhohlene Morddrohung.
Die Zahl antisemitischer Straftaten nimmt in Bayern enorm zu. Auslöser war das Massaker der Terrorgruppe Hamas am 7. Oktober 2023 in Südisrael. Laut Innenministerium waren es 2023 insgesamt 589 Fälle, eine Steigerung von fast 65 Prozent im Vergleich zu 2022. Auch in den beiden Folgejahren blieben die Zahlen unverändert hoch, 2025 lag der Wert bei 543 Delikten. Der 67-Jährige wurde nicht in U-Haft genommen, da keine Fluchtgefahr besteht. Wenn er den Drohbrief verfasst haben sollte, muss er wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten nach Paragraf 126 des Strafgesetzbuches mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.


