AntisemitismusDrohbrief mit Patrone gegen jüdische Gemeinde: Mutmaßlicher Täter ermittelt

Lesezeit: 2 Min.

Im Februar ging ein Brief mit einer Patrone an die Israelitische Kultusgemeinde in München, in dem „alle Juden“ mit dem Tod bedroht wurden. Sowohl Gemeindemitglieder als Behörden nahmen die Drohung sehr ernst.
Im Februar ging ein Brief mit einer Patrone an die Israelitische Kultusgemeinde in München, in dem „alle Juden“ mit dem Tod bedroht wurden. Sowohl Gemeindemitglieder als Behörden nahmen die Drohung sehr ernst. Imago/Revierfoto
  • Ein 67-jähriger Deutscher aus Niedersachsen steht unter Verdacht, im Februar einen antisemitischen Drohbrief mit scharfer Patrone an die Israelitische Kultusgemeinde München geschickt zu haben.
  • Bei der Hausdurchsuchung fanden Beamte elf Langwaffen, eine illegale Schusswaffe und NS-Memorabilien, darunter ein Foto Hermann Görings.
  • Die Zahl antisemitischer Straftaten in Bayern ist seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 stark gestiegen und blieb 2024 mit 579 Fällen auf hohem Niveau.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Im Februar soll der 67-Jährige aus Niedersachsen den Brief mit Todesdrohungen nach München verschickt haben. Was bislang über ihn bekannt ist.

Von Helmut Zeller

SZ bei Google bevorzugen

Die Spur führte über Freising nach Niedersachsen. Ein Großaufgebot von 17 Beamten des Staatsschutzes durchkämmte am Donnerstag um sechs Uhr einen Forstbetrieb im Landkreis Goslar. Der Inhaber, ein 67-jähriger Deutscher, steht unter Verdacht, im Februar dieses Jahres einen Drohbrief mit einer scharfen Patrone an die Israelitische Kultusgemeinde München geschickt zu haben.

Bei der Hausdurchsuchung fanden die Ermittler Schusswaffen, Munition und NS-Memorabilien, darunter ein Foto Hermann Görings, eines der Hauptangeklagten im Nürnberger Tribunal im Jahr 1946. Der antisemitische Drohbrief war mit einem Namen unterschrieben, den die bayerischen Ermittler in der Stadt Freising ausfindig machten. Rasch war aber klar, dass der Betreffende nichts mit der Tat zu tun hatte. Doch sein Name führte zu dem mutmaßlichen Täter, denn der Mann war früher einmal in dem niedersächsischen Forstbetrieb beschäftigt gewesen.

Ermittlungen in München
:Patrone in der Post: Unbekannter schickt Drohbrief an Israelitische Kultusgemeinde

Das jüdische Gemeindezentrum erhält einen Umschlag mit scharfer Munition und einem antisemitischen Schreiben. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt, Politiker im Stadtrat zeigen sich entsetzt.

Von Joachim Mölter und Thomas Radlmaier

Die Generalstaatsanwaltschaft München bestätigte die Hausdurchsuchung, die wegen der Größe des Anwesens mehrere Stunden dauerte. Dabei stellten die Kriminalbeamten elf Langwaffen sicher, die der Verdächtige legal erworben hat, sowie eine weitere, unerlaubt geführte Schusswaffe. Oberstaatsanwalt Andreas Franck, zentraler Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, leitet die Ermittlungen. Er wollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch keine näheren Auskünfte geben. Informationen der SZ zufolge gleicht die Patrone in dem Drohbrief vom Februar einer Munition aus dem Arsenal des Verdächtigen. Das muss jetzt aber noch genau untersucht werden.

Die Beamten nahmen auch einen PC und Schreibproben mit, da der Täter die Absenderadresse von Hand geschrieben hatte. Ungeklärt ist auch die Frage, ob der mutmaßliche Täter aus dem Landkreis Goslar Verbindungen zur rechtsextremen Szene in Niedersachsen hat. Die NS-Memorabilien deuten auf eine Nähe zum Nationalsozialismus hin, was aber bisher nur ein Verdacht ist. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), erklärte der SZ: „Für uns als jüdische Gemeinschaft ist wichtig zu wissen, dass die Strafverfolgungsbehörden entschlossen und erfolgreich gegen antisemitische Anfeindungen, Bedrohungen und Angriffe vorgehen.“ Viel zu oft seien entsprechende Anzeigen im Sand verlaufen und gar nicht erst vor Gericht gebracht worden.

Es war ein Schock, als der Brief Anfang Februar in der jüdischen Gemeinde eintraf. Im Kuvert lag eine scharfe Patrone, dazu ein Drohbrief, in dem es unter anderem hieß: „Jeder Jude wird jetzt sterben.“ Mehr als 100 Hetz- und Drohbriefe erhält die IKG jährlich, diesmal aber war eine weitere Grenze überschritten. „Wir nehmen das sehr ernst. Es ist eine Alarmsituation“, sagte IKG-Vizepräsident Yehoshua Chmiel. Auch Politiker der Stadt München reagierten mit Entsetzen auf die unverhohlene Morddrohung.

Die Zahl antisemitischer Straftaten nimmt in Bayern enorm zu. Auslöser war das Massaker der Terrorgruppe Hamas am 7. Oktober 2023 in Südisrael. Laut Innenministerium waren es 2023 insgesamt 589 Fälle, eine Steigerung von fast 65 Prozent im Vergleich zu 2022. Auch in den beiden Folgejahren blieben die Zahlen unverändert hoch, 2025 lag der Wert bei 543 Delikten. Der 67-Jährige wurde nicht in U-Haft genommen, da keine Fluchtgefahr besteht. Wenn er den Drohbrief verfasst haben sollte, muss er wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten nach Paragraf 126 des Strafgesetzbuches mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Sprengsätze an Münchner Restaurant
:Mutmaßlicher Drahtzieher des Anschlags auf das „Eclipse“ gefasst – US-Behörden erheben Anklage

Der Mann soll einer proiranischen Terrorgruppe angehören, die sich zu weiteren Taten in Europa bekannt hatte. Wie die Ermittler dem Mann auf die Spur kamen.

Von Joachim Mölter

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: