„Ich wurde verführt“, lässt der bullig wirkende Arian S. über seinen Verteidiger Thomas Pfister dem Gericht ausrichten. Er habe mit seiner kriminellen Vergangenheit abgeschlossen gehabt, habe sich um seine schwangere Freundin kümmern wollen, und dann sei er „vom Staat in ein Drogengeschäft verstrickt worden“, so drückt es Pfister aus. Folgt man der Anklageschrift, so könnte man auch sagen, dass Arian S. und vier seiner Kumpane auf einen Informanten der Polizei hereingefallen sind und diesem auf einem McDonalds-Parkplatz mehrere Kilogramm Kokain zum Preis von 210 000 Euro verkaufen wollten. Was V-Männer der Polizei nun dürfen, ob dieser Prozess so geführt werden kann und wer von den fünf Angeklagten wie beteiligt gewesen sein soll, das muss die 3. Strafkammer am Landgericht München I ergründen.
Schon am ersten Prozesstag geht es hoch her: Anwalt Florian Wurtinger will die Verlesung der Anklageschrift mittels eines Antrages verhindern, Anwältin Julia Weinmann beantragt, dass das ganze Verfahren als unzulässig beendet wird. Es handle sich um „eine dreiste Tatprovokation“. V-Männer seien „Verräter, die gegen Geld oder persönliche Vorteile“ Informationen preisgäben. „Unser Staat erschafft sich damit Straftaten.“
Gegenüber den Anwälten sitzt Staatsanwalt Jakob Schmidkonz, zupft an seiner Unterlippe, und antwortet ruhig, dass drei der Angeklagten mit der VP (Vertrauensperson der Polizei) „nichts direkt zu tun hatten, und darum hier selbstverständlich auch keine Provokation einer Tat vorliegen kann“. Stand heute sei hier „keinerlei unzulässiges Verhalten erkennbar“, sagte Schmidkonz der SZ.
Laut der Anklageschrift war der Ablauf wie folgt: Im September 2024 meldete sich Arian S. bei der VP und vereinbarte ein persönliches Gespräch über den Deal von Marihuana „im dreistelligen Kilobereich“. Vorausschicken muss man, dass es zuvor bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Arian S. gab, in dem ein anderer V-Mann der Polizei involviert war, und das ergebnislos verlief. Einige Zeit später soll es ein weiteres Gespräch gegeben haben, in dem es um kiloweise Kokain ging. „Die VP wollte Koks“, sagt Arian S. dazu, normalerweise sei ja Marihuana sein Ding, aber „man wollte mich anstiften“.
Dann kamen Alban S. und Petar S. noch mit ins Boot, es gab weitere Treffen in Neuperlacher Bäckereien, auf Parkplätzen oder neben dem Tierbedarfsladen in Ramersdorf. Nach einem kleinen Probeverkauf vorab sollte am 1. April 2025 der große Deal über die Bühne gehen. Auf einem Parkplatz am Peschelanger in Neuperlach ließen sich die Dealer das Geld zeigen, dann fuhr man zu einem McDonalds-Parkplatz in Obersendling, wo sechs Kilo Koks angeliefert wurden. Als man wieder zurück nach Neuperlach fuhr, um das Geld zu holen, schlug die Polizei zu.
Laut Staatsanwalt Schmidkonz betrieben drei der Angeklagten seit mindestens März 2024 einen „schwunghaften Handel“ mit Cannabis und Kokain. Petar S. hatte demnach in der Wohnung seiner Oma einen Drogenbunker mit Waffen eingerichtet: Unter der Matratze lagen drei Pistolen des Modells Glock 19 mit Munition, weil der Angeklagte gewusst habe, „dass sich die Oma nicht bücken und die Matratze anheben kann“, so führte einer seiner Anwälte aus. Ebenfalls der Oma untergejubelt hatte man Crystal Meth in der Abstellkammer, 1,8 Kilo Marihuana sowie 1,9 Kilo Haschisch im Schlafzimmer sowie knapp 90 000 Euro und 35 000 Schweizer Franken in bar. Ein weiterer Angeklagter hatte knapp 14 000 Euro in seiner Wohnung – sowie eine Rolex-Uhr. Der Prozess dauert bis 13. März an.

