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Organisierte Kriminalität:Mit Heroin im Bauch über den Brenner

Demo gegen Grenzkontrollen am Brenner, 2016

Bei Kontrollen am Brenner fliegen auch Drogenschmuggler auf.

(Foto: Sonja Marzoner)
  • Italienische Mafiajäger beobachteten 2019, dass Drogenkuriere über München Rauschgift in den Süden schmuggeln wollten.
  • Das geht aus dem aktuellen Halbjahresbericht der Direzione Investigativa Antimafia (DIA) hervor.
  • Geschnappt wurden vor allem die Kuriere. Bis zu 20 nigerianische Staatsangehörige galten in den vergangenen Jahre in bayerischen Verfahren gegen organisierte Kriminalität als Tatverdächtige.

Von Martin Bernstein

"Drogenfunde spielen bei Grenzkontrollen immer wieder eine Rolle", hat die Münchner Bundespolizeidirektion erst am Mittwoch berichtet und eine ganze Reihe von Fällen aufgeführt, in denen "ganz nebenbei" bei der Suche nach Schleusern und illegalen Immigranten Rauschgift entdeckt wurde. Durchschnittlich einmal am Tag komme das vor. Doch es gibt auch den Drogenschmuggel in die umgekehrte Richtung - von München über den Brenner nach Italien. Dann stecken meist Gruppierungen der organisierten Kriminalität dahinter. Gefasst werden aber vor allem die Kuriere. Das geht aus dem aktuellen Halbjahresbericht der Direzione Investigativa Antimafia (DIA) hervor, des italienischen Kriminalamts zur Bekämpfung organisierter Kriminalität (OK).

So verhafteten Beamte der italienischen Finanzpolizei "Guardia di Finanza" vergangenen Juni am Flughafen Catullo in Verona drei Männer und eine Frau im Alter von 22 bis 29 Jahren. Sie waren mit Flugzeugen aus München und Frankfurt gekommen und strebten nach Ansicht der Fahnder verdächtig schnell dem Ausgang entgegen.

Eine Röntgenuntersuchung im Krankenhaus bestätigte den Argwohn: In insgesamt 350 Plomben hatten sie 2,8 Kilo Heroin und 1,2 Kilo Kokain in ihren Mägen. Vier Wochen zuvor hatten Polizisten am Brenner die Fahrgäste eines aus München kommenden Eurocity kontrolliert. Dabei fiel ihnen ein ziemlich nervöser junger Mann auf. Auch er wurde nach Sterzing ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht - ein sowohl aus kriminaltechnischer als auch aus medizinischer Sicht mehr als notwendiger Schritt. Denn auch in seinem Bauch entdeckten Ärzte und Polizisten 59 Plomben mit insgesamt 900 Gramm Kokain sowie zehn Heroinplomben. Der 26-Jährige wurde festgenommen.

Die Drogenkuriere in beiden Fällen waren aus Nigeria stammende Migranten. Für welche Organisation sie unterwegs waren, blieb zunächst offen. Fest steht, dass die drei großen - auch in München aktiven - italienischen Mafia-Organisationen, die 'Ndrangheta aus Kalabrien, die Cosa Nostra aus Sizilien und die neapolitanische Camorra, Kontakte zu nigerianischen Gruppen unterhalten. Dabei geht es vor allem um Schleusung, Rauschgifthandel und Menschenhandel von illegalen Prostituierten. In Bayern seien derartige Beziehungen aber bislang nicht feststellbar gewesen, antwortete das Innenministerium auf eine Anfrage der Münchner Landtagsabgeordneten Katharina Schulze (Grüne) im April vergangenen Jahres, also noch vor den Festnahmen in Norditalien.

Die Staatsregierung bestätigt indes, dass zumindest eine Gruppe der nigerianischen Mafia, die "Supreme Eiye Confraternity", fest in Oberbayern verwurzelt ist - ebenso wie beispielsweise in der italienischen Provinz Bari. Bei einer Razzia in Norditalien Anfang Dezember nahm die Polizei 27 aus Nigeria stammende Drogenhändler fest, die für eine in Trient und Verona ansässige kriminelle Organisation arbeiteten. Bis zu 20 nigerianische Staatsangehörige galten in bayerischen OK-Verfahren der vergangenen Jahre als Tatverdächtige. Zahlenmäßig spiele die nigerianische Mafia in Bayern aber bislang keine Rolle, so das Innenministerium.

Opfer der Banden sind oft Frauen aus ihrem Heimatland. Sie werden mit dem Voodoo ähnlichen "Juju"-Schwüren gefügig gemacht und zur illegalen Prostitution gezwungen. In Bayern habe es im Zusammenhang mit der nigerianischen Mafia erst in einem OK-Ermittlungsverfahren wegen illegaler Schleusungen Hinweise auf Menschenhandel gegeben, schreibt das Innenministerium. Seit 2017 steige jedoch die Zahl der Fälle, in denen weibliche Flüchtlinge aus Nigeria in ihren Asylverfahren angeben, in Italien zur Prostitution gezwungen worden zu sein. Bezüge zu Tatorten oder Hintermännern in Bayern gebe es aber "nur in Ausnahmefällen".

Durch häufige Reisen nach München hat sich nach Angaben der italienischen Mafia-Jäger im März auch ein Mann aus dem neapolitanischen Stadtteil Traiano verdächtig gemacht. Er war nicht in einen der örtlichen Clans eingebunden, sondern bediente als Drogenschmuggler mehrere Camorra-Banden. Er soll über Genua Rauschgiftlieferungen aus Südamerika in europäischen Großstädte organisiert haben. Allein in München werden nach Berechnungen von EU und Experten wie Sandro Mattioli von der Organisation "Mafia? Nein Danke!" täglich bis zu 10 000 Lines Kokain "gezogen".

© SZ vom 27.01.2020/amm
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