DRK-Suchdienst in MünchenAuf der Spur der lang Vermissten

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Die Zahl der Vermissten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist enorm. Und noch immer hilft das Deutsche Rote Kreuz Menschen, die herausfinden wollen, was mit ihren Angehörigen geschah.
Die Zahl der Vermissten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist enorm. Und noch immer hilft das Deutsche Rote Kreuz Menschen, die herausfinden wollen, was mit ihren Angehörigen geschah. Stephan Rumpf
  • Mehr als acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gilt noch immer gut eine Million Deutsche als verschollen.
  • Der DRK-Suchdienst in München und Hamburg erhält jährlich fast 8000 Anfragen von Angehörigen und kann bei mehr als einem Drittel schicksalsklärende Informationen liefern.
  • Das DRK-Archiv umfasst Archivmaterial mit Informationen zu mehr als 20 Millionen Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg vermisst wurden.
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Zahllose Menschen gingen in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verloren, noch immer gilt gut eine Million Deutsche als verschollen. Der DRK-Suchdienst hilft Angehörigen, das Schicksal der Vermissten zu klären – und erzielt dabei beachtliche Erfolge.

Von Patrik Stäbler

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Die jahrzehntelange Ungewissheit endet für Hermann Klinger (Name geändert) an einem Septembertag 2024 – mit einem Brief des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). In dem Schreiben erfährt der damals 77-Jährige aus Hessen mehr über seinen gleichnamigen Onkel, der im Zweiten Weltkrieg als Soldat der Wehrmacht in Russland kämpfte, wo sich seine Spur jedoch 1944 verlor. Alle Nachforschungen der Familie zum Verbleib ihres Angehörigen blieben ergebnislos – bis sich der DRK-Suchdienst den Fall Hermann Klinger vornahm und nach langer Recherche dessen Geschichte zutage brachte.

Aus Akten der ehemaligen Sowjetunion gehe hervor, dass der Vermisste im Juli 1944 in Minsk gefangen genommen und in ein Lager in Kanischtschewskije verbracht wurde, heißt es in der Benachrichtigung an seinen Neffen. Dort starb Hermann Klinger „an Dystrophie des 1. Grades und Herzfehler“, woraufhin er sechs Tage später auf einem Friedhof für Kriegsgefangene nahe Spas-Klepiki begraben wurde. Der Totenschein datiert auf den 19. Dezember 1944 – auf den Tag genau drei Jahre, bevor sein Neffe geboren wird. Für diesen ist die Nachricht über das Schicksal seines Onkels eine „ganz große Überraschung“, schreibt er dem DRK in einem Antwortbrief. „Nun rundet sich alles, wenn auch in voller Tragik, ab. Es bedeutet mir unendlich viel!“

Geschichten wie die von Hermann Klinger erleben sie beim DRK-Suchdienst zur „Schicksalsklärung Zweiter Weltkrieg“ regelmäßig. „Die Nachkommen vermisster Personen sind oft in einem ruhelosen Zustand, weil sie nicht final abschließen können“, sagt Florian Neubauer. Er leitet den Münchner Standort des DRK-Suchdiensts, der vor einigen Monaten aus Giesing in ein unscheinbares Bürogebäude nahe dem Leuchtenbergring umgezogen ist. Dort fand am Freitag ein Tag der offenen Tür statt, bei dem die Einrichtung sich und ihre Arbeit vorstellte, die laut Neubauer „wissenschaftliche Bedeutung, aber auch Bedeutung in unserer Erinnerungskultur“ hat. Und die beständig hohe Zahl der Anfragen zeige, so der Standortleiter, „dass das Thema bis heute viele Menschen bewegt“.

Dem Münchner Archivleiter Florian Neubauer zufolge bewegt das Schicksal ihrer verschwundenen Verwandten viele Menschen bis heute.
Dem Münchner Archivleiter Florian Neubauer zufolge bewegt das Schicksal ihrer verschwundenen Verwandten viele Menschen bis heute. Stephan Rumpf

Tatsächlich gilt mehr als acht Jahrzehnte nach Kriegsende noch immer gut eine Million Deutsche als verschollen – allen voran Wehrmachtsangehörige, aber auch Zivilisten sowie Gefangene, Internierte und von ihren Familien getrennte Kinder. Um ihre Schicksale zu erforschen, gibt es seit 1945 den DRK-Suchdienst, der sich bei dieser „humanitären Kernaufgabe“ auf das Genfer Abkommen und das darin verbriefte Recht auf die Einheit der Familie beruft.

Am Standort München gehen jährlich fast 8000 Anfragen zu Kriegsvermissten ein, zumeist von deren Nachkommen. Sie geben hierzu entweder online auf drk-suchdienst.de oder vor Ort bei einem DRK-Landes- oder Kreisverband den Namen des Verschollenen, sein Geburtsdatum sowie weitere Informationen an, etwa die letzte bekannte Anschrift oder bei Soldaten den Dienstgrad und die Einheit. Im Falle der Schicksalsklärung und zu wissenschaftlichen Zwecken sind die Anfragen für Angehörige kostenfrei; lediglich für Auskünfte zur Familienforschung wird eine Bearbeitungsgebühr erhoben.

Ist der Auftrag einmal eingegangen, beginnt beim DRK-Suchdienst die Recherche – angefangen im eigenen Archiv, das Informationen zu den Schicksalen von mehr als 20 Millionen Menschen umfasst, die nach dem Zweiten Weltkrieg vermisst wurden. Der Grundstein hierfür sei durch systematische Befragung von Heimkehrern gelegt worden, denen man Fotos von Verschollenen vorgelegt habe, sagt Neubauer. Auf dieser Basis habe das DRK sogenannte Vermisstenbildlisten mit mehr als einer Million Aufnahmen erstellt – insgesamt 225 Bände mit mehr als 125 000 Seiten. Überdies lagern im weitläufigen Suchdienst-Archiv in München zahlreiche weitere Akten, darunter auch solche, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aus Beständen der ehemaligen DDR und der Sowjetunion übernommen wurden. „Unser Archiv ist sukzessive gewachsen“, sagt Florian Neubauer, der von insgesamt vier Kilometern Archivmaterial spricht. „Deshalb lohnt es sich oft, eine frühere Anfrage noch einmal zu stellen.“

Dem Standortleiter zufolge kann der DRK-Suchdienst bei mehr als einem Drittel aller Anfragen „schicksalsklärende Informationen“ liefern. Sie würden den Angehörigen stets per Brief zugestellt, in dem die Rechercheergebnisse zusammengefasst würden. „Meistens geht es darin um den Zeitpunkt oder den Ort des Todes, und wo sich das Grab befindet.“ Darüber hinaus könnten mitunter auch Informationen zu den letzten Lebensstationen des Vermissten recherchiert werden.

So war es etwa bei Heidi Bandusch, die seit 2020 beim DRK-Suchdienst arbeitet und dort selbst eine Anfrage gestellt hat – zu ihrem Großvater. Über dessen Verbleib sei in der Familie nie gesprochen worden, sagt die 62-Jährige aus München. „Ich habe nur gewusst, dass er als Soldat in Russland war und dort verschollen ist.“

Heidi Bandusch hatte mit einer Suchanfrage Erfolg, wenn auch anders als erwartet. Sie arbeitet auch selbst beim DRK-Suchdienst.
Heidi Bandusch hatte mit einer Suchanfrage Erfolg, wenn auch anders als erwartet. Sie arbeitet auch selbst beim DRK-Suchdienst. Stephan Rumpf

Im Falle ihres Großvaters konnte dessen Schicksal nicht rekonstruiert werden. Jedoch sei der DRK-Suchdienst bei seiner Recherche im Archiv auf Akten über eine ihrer Tanten gestoßen, erzählt Bandusch. So erfuhr die Münchnerin, dass ihre Verwandte, die sie selbst noch kennengelernt hatte, als Teenagerin festgenommen wurde, weil sie kurz nach dem Krieg Kartoffeln gestohlen hatte.

In der Folge war sie neun Jahre lang in verschiedenen Arbeitslagern in der Sowjetunion interniert – ein Schicksal, über das die Tante nach der Heimkehr kein Wort verloren habe. „Mich hat das sehr berührt, als ich gelesen habe, was ihr widerfahren ist“, sagt Heidi Bandusch. „Es bedeutet mir viel, dass ich jetzt etwas mehr über meine Tante weiß.“

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