Süddeutsche Zeitung

39. Münchner Dokumentarfilmfestival:Was das Dok-Fest zu bieten hat

Lesezeit: 6 min

109 Filme aus 51 Ländern sind im Mai in München zu sehen, ein Großteil davon auch per Stream. Schwerpunkte der 39. Festivalausgabe sind der Zustand der Demokratie, Online-Überwachung, KI und Kulturthemen. Der große Überblick.

Von Bernhard Blöchl, Josef Grübl und Barbara Hordych

Dokumentarfilmer haben es nicht leicht. Oft erstreckt sich ihre Arbeit über mehrere Jahre, Kinostarts sind die Ausnahme, Fernsehplätze rar. Dennoch boomen Geschichten, die die Realität abbilden sollen. So verzeichnen die Programmmacher des Dok-Fests Jahr für Jahr mehr Einreichungen: 1300 Filme hat das Team um Festivalleiter Daniel Sponsel zuletzt gesichtet, 109 wurden ausgewählt, darunter 28 Weltpremieren und 55 Deutschlandpremieren. Die 39. Festivaledition bietet also weniger Filme als zuletzt (2023 waren es 130), sie stammen aus 51 Ländern. Die kuratierten Filme, denen man die größtmögliche Aufmerksamkeit schenken wolle, wie Sponsel betont, laufen von 1. bis 12. Mai in vielen Münchner Kinos und Sonderspielorten wie dem Amerikahaus oder der Pasinger Fabrik. Die meisten Werke sind außerdem von 6. bis 20. Mai deutschlandweit als Stream via dokfest-muenchen.de zu sehen. Am dualen System hält man also fest, zum digitalen Charakter passt auch das VR-Pop-up-Kino, das es als Zusatzangebot von 29. April bis 12. Mai im Ruffinihaus Creative Hub gibt (Eintritt frei). Festivalpässe und Einzeltickets für die Dok-Fest-Filme sind online erhältlich oder von 1. Mai an in der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), dem Zentrum des Festivals. Beim Dok-Fest werden 16 Preise verliehen, das Preisgeld beträgt insgesamt 65 000 Euro.

Eröffnungsfilm

Sie sehen sich in die Augen, dann nach oben und unten, nach vorn, hinten oder um die Ecke: Beim Dok-Fest gibt es viele augenöffnende Momente, es wirbt mit Slogans wie "I See You" oder "Eyes Wide Open". Ganz genau hingeschaut wird bereits im Eröffnungsfilm: In "Watching You - Die Welt von Palantir und Alex Karp" geht es um den US-Unternehmer Alex Karp, dessen Firma eine ebenso erfolgreiche wie umstrittene Datenanalyse-Software geschaffen hat. Mithilfe modernster KI können Staaten ihre Bürger überwachen, die Technik wird von Geheimdiensten, Polizei und Militär genutzt, unter anderem in der Ukraine. Regisseur Klaus Stern wird den Film am 1. Mai im Deutschen Theater vorstellen. Auf KI setzen auch die Unternehmer in "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit": In diesem Film von Hans Block und Moritz Riesewieck können Verstorbene via Chat oder VR-Brille virtuell "wiederbelebt" werden. Ob dieser Blick ins Reich der Toten eher tröstend oder beängstigend ist? Das liegt ganz im Auge des Betrachters.

Schwerpunkt Demokratie

Über die Brüchigkeit unserer Demokratie wird derzeit viel diskutiert, gegen rechte Umtriebe bundesweit demonstriert. Auch das Dok-Fest setzt ein Zeichen gegen die "Remigrations"-Pläne von Demagogen und Menschenfeinden: In der Reihe "Filmmaking in Exile" laufen Filme von syrischen, iranischen oder türkischen Exilanten. In "Belarus 23.34" geht es um brutale Polizeieinsätze gegen demonstrierende Frauen, in "Exile Never Ends" wird ein Familienmitglied nach 30 Jahren in Deutschland abgeschoben. Viel verspielter geht die in München lebende Iranerin Narges Kalhor mit ihrem eigenen Exil um: In "Shahid" erzählt sie sehr lustig von sich, ihrem Urgroßvater und von bayerischen Beamten. Ressentiments gegenüber Migranten und einer liberalen Gesellschaft gibt es leider überall auf der Welt: In der Filmreihe "Democrazy" werden antidemokratische Entwicklungen in Ländern wie Ungarn, Norwegen oder auch Deutschland aufgezeigt. "Projekt Ballhausplatz" schaut zurück auf die Regierungszeit des ehemaligen österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz, in "Of Caravan And The Dogs" geht es um den Umbau der russischen Medienlandschaft kurz vor Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine im Februar 2022.

Aus aller Welt

Sie kennen sich nicht, leben auf verschiedenen Kontinenten, haben aber etwas gemeinsam: In gleich mehreren Filmen aus dem internationalen Programm geht es hinter Gitter, in "Malqueridas" aus Chile etwa müssen inhaftierte Mütter ihre Kinder abgeben. "Mina And The Radio Bandits" erzählt von einer Radiomoderatorin aus Norwegen, die Gefangene zu Wort kommen lässt, der französische Street-Art-Künstler JR geht in "Tehachapi" in einen kalifornischen Knast, um ein Kunstprojekt auf die Beine zu stellen. Das Dok-Fest ist ein Fenster zur Welt: Die Filme erzählen von Kriegen ("Hollywoodgate" über Afghanistan nach der Rückkehr der Taliban, "The Basement" über das Leben im Krieg in der Ukraine) oder von Krisen (in "A Wolfpack Called Ernesto" werden Jugendliche von mexikanischen Drogenkartellen angeheuert, "Land der verlorenen Kinder" zeigt das immer größer werdende Chaos in Venezuela). Aber auch Persönliches, Porträtierendes und Poetisches steht auf dem Programm: "Binu: A Two Stars Story" erzählt von einem spanischen Ehepaar, das ein Sterne-Restaurant betreibt, "Machtat" porträtiert drei Hochzeitssängerinnen in Tunesien. Und "Amor" ist ein Filmessay über die Liebe und den Tod in Rom.

München und Deutschland

Dokumentarfilmer zieht es oft in die entlegensten Gegenden, manchmal liegen die Themen aber auch ganz nah: Der HFF-Absolvent Maximilian Plettau hat seinen neuen Film "Waldkinder" im Herzen von München gedreht, genauer gesagt im Englischen Garten. Dort gibt es einen Waldkindergarten, dort begleitet er Jungen, Mädchen und Pädagogen durchs ganze Jahr. Am Ende ihres Lebens stehen die Menschen in "Die guten Jahre" (in dem ein Mann in sein Elternhaus zurückkehrt, um sich um die demenzkranke Mutter zu kümmern) oder in "24 Stunden" (über eine Vollzeitpflegekraft aus Rumänien). "Heute ist das Gestern von morgen" lautet der Titel eines Films, der sich um die Frage dreht, was mit Erinnerungskultur passiert, wenn immer weniger Zeitzeuginnen am Leben sind. In "Bis hierhin und wie weiter" fragen sich Klima-Aktivisten, welche Risiken, sie einzugehen bereit, sind. Und in "Bergfahrt" geht es um die Frage, wie viele Touristen die Alpen noch vertragen. Wie immer gibt es auch einen Wettbewerb, bei dem der beste deutsche Film ausgezeichnet wird.

Kultur

Künstlerporträts haben einen besonderen Reiz. Kreativen Menschen beim Kreativsein zusehen, vielleicht sogar ihren Musen auf die Schliche kommen, kann faszinierend sein. Vor allem, wenn man sich mit philosophischen Fragen nähert wie: Wer bin ich, wer will ich sein, und was treibt mich an? Sabine Lidls Film über die Schriftstellerin und Regisseurin Doris Dörrie ist so ein beflügelndes Porträt voller Esprit: "Die Flaneuse" hat am 5. Mai im Literaturhaus Premiere, mit Dörrie als Ehrengast. Eine spannende Persönlichkeit ist auch Joana Mallwitz: "Momentum" von Günter Atteln begleitet die mehrfach ausgezeichnete und sehr gefragte Dirigentin über zwei Jahre bis an die Spitze des Konzerthausorchesters Berlin. Auch Popstar Cyndi Lauper steht im Fokus eines filmischen Porträts: Alison Ellwoods "Let The Canary Sing" erzählt von einer Frau, die sich, ähnlich wie Madonna, als Künstlerin stets neu erfunden hat. Weitere Filme umkreisen den Jazz-Musiker Erroll Garner ("Misty"), Rap-Pioniere wie LL Cool J ("Hip Hop Minute") oder die Welt der Breakdancer ("2Unbreakable"). Auch das auf der Berlinale uraufgeführte Langzeitprojekt von Edgar Reitz über Filmästhetik und die Liebe zum Film steht auf dem Programm ("Filmstunde 23").

Hommage

Sie wuchs in der ehemaligen DDR auf, er stammt aus den Niederlanden. Kennengelernt haben sie sich Mitte der Siebzigerjahre in einer Wohnheimküche, beide studierten damals an der Filmhochschule in Potsdam. Petra Lataster-Czisch und ihr Ehemann Peter Lataster machen gemeinsam Filme, vorwiegend über menschliche und soziale Themen. So begleiteten sie Mediziner auf einer Frühchen-Station ("If We Knew"), Grundschullehrerinnen in einer Integrationsklasse ( "Miss Kiet's Children") oder einen autistischen Jugendlichen beim Erwachsenwerden ("Jeroen, Jeroen"). In "Not Without You" porträtierten sie seine ebenfalls als Künstlerpaar arbeitenden Eltern, in "Tales Of A River" zeigten sie ihre Heimatstadt Dessau in den Jahren der Nachwendezeit. Das Dok-Fest widmet dem Paar die Hommage: Die beiden kommen nach München und beantworten am Sonntag, 5. Mai, bei einer Masterclass in der HFF die Fragen des Publikums.

Bildung und Jugend

Sein Herzstück, die "Schule des Sehens", bietet das Bildungsprogramm Dok-Education auch in diesem Jahr wieder dual im Kino und online an: In 90-minütigen Seminaren vermitteln Filmexperten ein erstes Verständnis für die Lesbarkeit von künstlerischen Filmerzählungen und die mediale Darstellung von Wirklichkeit. In den Kinoworkshops in der HFF, der Pasinger Fabrik und dem Gasteig HP8 werden von 1. bis 12. Mai drei altersgerecht gestaffelte Filme gezeigt. In "Freddy - ich tauche nach Geisternetzen" begleitet Bernadette Hauke etwa den zwölfjährigen Freddy bei seinem engagierten Einsatz für den Schutz der Umwelt: Seitdem er beim Tauchen jede Menge Müll in der Ostsee entdeckt hat, trainiert er mit Profis, um zurückgelassene Fischernetze bergen zu können. Wer keinen Platz mehr im Kinosaal findet (Leiterin Maya Reichert freut sich über aktuell bereits über 1300 Anmeldungen) oder mit seiner Klasse nicht nach München kommen kann, hat bis 31. Juli die Möglichkeit, die kostenfreien Online-Kinosäle zu besuchen. Auch hier treffen Schulklassen auf echte Filmemacher und Filmemacherinnen, werden die Filme samt Arbeitsmaterialien zur Verfügung gestellt.

In der Ausstellung zum inklusiven Filmprojekt "Ich seh' etwas, was du nicht siehst" zeigen junge Münchner und Münchnerinnen mit und ohne Behinderung ihren Blick auf die Stadt, berichten in ihren Videoarbeiten von ihren Lieblingsorten und Arbeitsplätzen. Zur Eröffnung in der Münchner Stadtbibliothek im Motorama am Samstag, 4. Mai, um 16 Uhr gibt es ein Podiumsgespräch mit den jungen Filmemacherinnen und Filmemachern - und die Möglichkeit, sich selbst vor und hinter der Kamera auszuprobieren.

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