Auf die Ruhe nach dem Sturm folgt die freudige Aufregung. Der runde Geburtstag ist vorbei, die 40. Dok-Fest-Ausgabe erreichte im vergangenen Jahr 55 500 Menschen (in den Kinos und online im Heimkino). Und nach ein paar hitzigen Diskussionen über den Führungswechsel bei dem neben Leipzig größten und bedeutendsten Dokumentarfilmfestival Deutschlands kehrte im Herbst 2025 der Alltag ein, sprich: Von nun an galt es, die bestmögliche 41. Ausgabe zu kuratieren. Die neue Leiterin Adele Kohout und ihre Stellvertreterin Maya Reichert haben ein paar sanfte Neuerungen in das Dok-Fest eingebaut, vor allem wird es noch mehr Gespräche und Begegnungen geben, um Themen zu vertiefen. Bewährtes wie die großen Filmgalas an den ersten Festivaltagen im Deutschen Theater, der duale Charakter des Festivals sowie die begehrten Viktoria-Hauptpreise oder andere Auszeichnungen bleiben erhalten.
Insgesamt stehen von 6. bis 18. Mai (online von 11. bis 25. Mai) 106 Filme aus 49 Ländern auf dem Programm (Vorjahr: 105 aus 58). Im üppigen Rahmenprogramm locken VR-Pop-up- und Open-Air-Kino sowie Konferenzen, Podien und „Dok.education“-Veranstaltungen. Das Festivalzentrum ist erneut in der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) untergebracht. Tickets gibt es unter dokfest-muenchen.de.
Eröffnungsfilm und große Filmabende

Ingeborg Bachmann wusste, wer sie war. Und genau das war nicht immer einfach: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe. Ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe. Ich bin mir selbst vollkommen fremd, wenn ich nicht schreibe“, sagt sie im Eröffnungsfilm des Dok-Fests. „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ ist eine Annäherung an die österreichische Schriftstellerin, ein kunstvolles Geflecht aus Texten, Interviews, Archiv- und Spielszenen. Bachmann starb 1973 in Rom, in einer Art Reenactment streift die Schauspielerin Sandra Hüller durch die Ewige Stadt. Sie spielt Bachmann nicht, sie nähert sich ihr durch ihre Präsenz an.
Wie jedes Jahr zeigt das Dok-Fest auch im Deutschen Theater Filme. Regina Schillings Bachmann-Film ist zum Auftakt am Mittwoch, 6. Mai, zu sehen. Bis zum 10. Mai verwandelt sich der Theater- in einen Kinosaal. Neun Werke gibt es dort zu entdecken. Auf der Riesen-Leinwand laufen unter anderem Filme über die Schauspielerin, Intendantin und Brecht-Ehefrau Helene Weigel, die Raumfahrt-Unternehmerin Hélène Huby („Her Race to Space“) oder das Aufeinandertreffen von Eisbären und Menschen („Nuisance Bear“). Und aus Anlass der Langen Nacht der Musik am 9. Mai wird der Musikfilm „Wacken – Hearts Full of Metal“ aufgeführt (mit Live-Konzert).
Filme und Reihen

Die Welt ist unübersichtlich. Ständig passieren Dinge, die nichts miteinander zu tun haben und doch in einer rätselhaften Beziehung zueinander stehen. Beim Dok-Fest ist das ähnlich, nur hat man hier einen besseren Überblick: Die Filme sind thematisch in Reihen aufgeteilt, diese tragen Titel wie „Junge Perspektiven“, „EcoCinema“, „Beyond Borders“ oder „Reframing History“.
15 dieser Reihen gibt es, jede wird von einem „Signature-Film“ repräsentiert. Dazu werden „Fokus Talks“ veranstaltet, Expertengespräche zu den jeweiligen Themen also. Der deutsche Film „Driving Europe“ etwa steht für eine Reihe über die Arbeitswelt: Es geht um osteuropäische Trucker, die im Auftrag von Sub-Unternehmen Waren durch Deutschland transportieren – und gnadenlos ausgenutzt werden. Erst als sie streiken, nimmt man Notiz von ihnen. Signature-Filme sind auch „Finding Connection“ (über Menschen und ihren Alltag mit KI-Begleitern) oder „One in a Million“, eine Langzeitbeobachtung einer syrischen Flüchtlingsfamilie in Deutschland.

Der österreichische Film „Sterben für Anfänger“ repräsentiert die Reihe über Zusammenleben und Gemeinschaft: Der Wiener Filmemacher Kurt Langbein erzählt von seiner eigenen, unheilbaren Krebserkrankung. Er möchte über den Tod reden – mit Schwerkranken, Sterbeammen, Palliativmedizinern, Philosophinnen oder Menschen mit Nahtoderfahrungen. Ebenfalls aus Österreich stammt der Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter: Er bereist in „Melt“ Orte, an denen Schnee und Eis das Leben bestimmen. Allzu viele gibt es nicht mehr davon.
Um das Thema Aufbegehren geht es im belgischen Film „Chosen Family“, der tief in Brüssels Drag-Szene eintaucht. In der Reihe über furchtlose Frauen läuft ein Film über eine Menschenrechtsanwältin, die sich für Überlebende sexualisierter Gewalt einsetzt („Silenced“). In einem anderen Film dieser Reihe kehrt eine Frau nach einem versuchten Femizid zu den prägenden Momenten und Menschen von damals zurück („Was an Empfindsamkeit bleibt“). Unter großem Risiko in Moskau entstand „Innere Emigranten“: Der Film erzählt von Mitarbeitern einer Krisen-Hotline, die kriegsmüden Russen Hilfestellung gibt.
Und dann wären da noch die filmischen Porträts über so unterschiedliche Persönlichkeiten wie William S. Burroughs („Nova 78“), Elon Musk („Elon Musk Uncovered“), Barbara Hammer („Barbara Forever“) und Roberto Rossellini, sowie Musikfilme über eine feministische Black-Metal-Band („Hex“), das Ensemble Modern oder die Sportfreunde Stiller: „Mit dem Herz in der Hand“ läuft als Weltpremiere am 18. Mai im City (ergänzt durch ein Gespräch mit den Musikern) – und stellt zugleich die Festival-Finissage dar, ebenfalls eine kleine Neuerung.
Spielorte

Augen auf bei der Filmauswahl: Mit dem Slogan „Eyes Wide Open“ wirbt das Dok-Fest seit Jahren für seine Filme. Da immer mehr Spielorte hinzukommen, könnte man auch sagen: Augen auf bei der Kinowahl. Die Leinwände sind über die ganze Stadt verteilt, das sollte man bei der Planung berücksichtigen. Das Festivalzentrum liegt im Münchner Kunstareal, in der HFF. Nur wenige Schritte entfernt werden auch im Amerikahaus, im Museum Ägyptischer Kunst oder der Pinakothek der Moderne Filme gezeigt.
Kinos wie das City, Rio, Rottmann, Maxim oder Filmmuseum sind seit Jahren mit dabei, neu hinzugekommen sind das Monopol und Theatiner. Filmvorführungen gibt es auch im Gasteig HP8, der Pasinger Fabrik, im Literaturhaus, Bellevue di Monaco, Instituto Cervantes oder dem Bergson Kunstkraftwerk in Aubing. Auch in Augsburg (Thalia, Liliom) wird eine kleine Auswahl von Dok-Fest-Filmen aufgeführt. Ortsunabhängig ist das Online-Angebot: Viele Festivalfilme können auch gestreamt werden.
Rahmenprogramm

Es soll ja Leute geben, die nicht gerne ins Kino gehen, die das Dunkel eines Kinosaals scheuen. Auch sie können am Dok-Fest teilnehmen, beim mobilen Fahrradkino „Ciné Veló Cité“ etwa, das den Innenhof der HFF München an vier Festival-Abenden in ein kleines Open-Air-Kino verwandelt (8., 9., 14. und 15. Mai). Unter freiem Himmel werden Dokumentarfilme gezeigt, der Eintritt ist frei.
Ebenfalls kostenlos, aber mit einem vorab gebuchten Online-Ticket kann man das VR-Pop-up-Kino im Futuro-Haus vor der Pinakothek der Moderne erleben. Vom 4. bis zum 17. Mai werden sechs immersive Arbeiten präsentiert: Virtual-Reality-Experiences, bei denen man durch die Werke von Henri Matisse tanzen kann („Dance Dance Dance – Matisse“), oder eine Augmented-Reality-Anwendung namens „Space-Time Layering“, mit der sich Erinnerungsorte aktiv gestalten lassen. Auch Arbeiten über die Folgen des Klimawandels oder über die Künstlerin Morag Myerscough können immersiv erlebt werden.

Starbesuch hat sich am 10. Mai in der HFF angesagt: Beim „African Encounters Special“ präsentieren die Regisseure Wim Wenders und King Ampaw jeweils einen ihrer Filme, im Anschluss sprechen sie über Freundschaft, Film und Filmausbildung im Wandel.
Bei der Reihe „Personal Memories“ werden ebenfalls Gäste erwartet: Die Regisseurin Julia von Heinz zeigt ihren Kurzfilm „Meine Väter“ und erinnert damit an den im Dezember verstorbenen Rosa von Praunheim. Auch den im vergangenen Jahr verstorbenen Dokumentarfilmern Georg Stefan Troller und Frederick Wiseman sind moderierte Filmabende gewidmet.
Bildungsprogramm

Ganz nah dran an der Zukunft ist die Dokufiktion „Die Uniformierten“ von Timon Ott. Sie erzählt von einem 18-jährigen Pharmaziestudent, der sich zu 17 Jahren Militärdienst bei der Bundeswehr verpflichtet: Im Gleichschritt marschieren, stillstehen, salutieren gehören nun zu seiner Lebensrealität. Dieser und zwei weitere Filme sind bei der „Schule des Sehens“ für Schulklassen buchbar – entweder als Kino-Workshop in München oder in einem der Online-Kinosäle.
Wie viel darf ein Kulturangebot kosten? Und warum sind Kunst und Kultur wichtig für die Stadt München? Ausgehend von diesen Fragen porträtierten Teilnehmende des inklusiven Workshops von „Dok.education“ ihre liebsten Kulturorte in der Stadt. Vier ihrer Dokumentarfilme sind in einer Ausstellung zu sehen, die am 15. Mai um 18 Uhr mit einem „Meet the artist“ im Pixel, Rosenheimer Straße 5, eröffnet wird.
Nachwuchstalente aus ganz Bayern haben ihre Werke beim Dokumentarfilmwettbewerb für Junge Menschen 2026 eingereicht. In den Kinos der HFF präsentiert „Dok.education“ die besten Einreichungen auf großer Leinwand, und die jungen Regietalente stellen sich vor (17. Mai, 14 Uhr).
41. Dok-Fest München, Mittwoch, 6., bis Montag, 18. Mai (im Kino), Montag, 11., bis Montag, 25. Mai (online im Heimkino), zahlreiche Orte und Spielstätten, Festivalzentrum: Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), Programm unter dokfest-muenchen.de

