Diskriminierung von GeflüchtetenWürdelos behandelt, weil sie als Roma gesehen werden

Lesezeit: 3 Min.

2022 strandeten über Wochen Tausende Geflüchtete aus der Ukraine am Münchner Hauptbahnhof. Nicht alle von ihnen erfuhren Hilfsbereitschaft.
2022 strandeten über Wochen Tausende Geflüchtete aus der Ukraine am Münchner Hauptbahnhof. Nicht alle von ihnen erfuhren Hilfsbereitschaft. (Foto: Florian Peljak)
  • Eine neue Studie zeigt, dass Roma unter den ukrainischen Geflüchteten 2022 in München strukturelle Diskriminierung und würdelose Behandlung erfuhren.
  • Während die meisten Ukrainer schnell private Unterkünfte fanden, mussten Roma-Familien in den Messehallen bleiben und erhielten weniger Hilfe.
  • Die Stadt München gab die Studie selbst in Auftrag und will aus den Erkenntnissen lernen, um künftige Diskriminierung zu verhindern.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

2022 fliehen auch Roma vor dem Krieg aus der Ukraine nach München. Doch statt Hilfsbereitschaft wie die meisten Geflüchteten erfahren sie Ablehnung. Eine neue Studie wirft unangenehme Fragen auf.

Von Thomas Radlmaier

Als im Frühjahr 2022 Tausende Ukrainer am Hauptbahnhof ankamen, schien München seinem Ruf als Weltstadt mit Herz wieder einmal alle Ehre zu machen. Wie schon im „Flüchtlingssommer“ 2015 standen Mitarbeiter der Stadt oder von Hilfsorganisationen sowie Freiwillige bereit, um den Menschen zu helfen, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland geflohen waren. Die Stadt richtete Unterkünfte ein, schaffte eine zentrale Einrichtung mit Tausenden Schlafplätzen auf dem Messegelände in Riem.

Schnell meldeten sich auch Münchner und Münchnerinnen, die Geflüchtete bei sich zu Hause aufnehmen. Bereits in den ersten Wochen kamen 4000 Ukrainer in privaten Haushalten unter, bis Juni 2022 waren es etwa 10 000. Ungefähr ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn beherbergte München nach Angaben der Stadt insgesamt etwa 15 000 ukrainische Geflüchtete.

Doch die Hilfsbereitschaft hatte Grenzen. Nicht alle Geflüchteten erhielten die gleiche Unterstützung: Unter den Ukrainern, die 2022 in München strandeten, waren schätzungsweise bis zu 2000 Roma, darunter viele Familien mit Kindern. Die ethnische Minderheit gehört zu den am stärksten diskriminierten Gruppen in Europa, ihre Vorfahren wurden von den Nationalsozialisten massenhaft ermordet. In München wie in vielen anderen Städten und Gemeinden, die ukrainische Geflüchtete aufnahmen, erlebten Menschen mit Roma-Hintergrund strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung, gespeist aus weitverbreiteten antiziganistischen Klischees und Gerüchten.

Das ist das Ergebnis einer Studie des Wissenschaftlers Tobias Neuburger. Der Soziologe hatte im Auftrag der städtischen Fachstelle für Demokratie und auf Grundlage eines Stadtratsbeschlusses antiziganistische Dynamiken bei der Unterbringung und Unterstützung von ukrainischen Geflüchteten in München analysiert. Seine Erkenntnisse präsentierte Neuburger am Freitagmittag im Münchner Rathaus.

Für seine Studie hat er Akteure aus der Stadtverwaltung sowie aus ehrenamtlichen Strukturen interviewt und städtische Drucksachen und Medienberichte ausgewertet. Demnach offenbarte sich schon bei der Ankunft am Hauptbahnhof eine „rassistische Hierarchisierung von Geflüchteten“, die zu einer „würdelosen Behandlung“ von Menschen mit einem Roma-Hintergrund geführt habe.

Helfende hätten aufgrund visueller Stereotype angenommen, dass es sich bei den als Roma gelesenen Menschen nicht um ukrainische Geflüchtete handeln könne, sondern dass dies Menschen aus Rumänien seien, die sich nur in die Sozialsysteme „einschleichen“ wollen würden, heißt es in der Studie. Roma seien daraufhin von Geflüchteten aus der ukrainischen Mehrheitsgesellschaft räumlich getrennt worden, sie hätten weniger Informationen und Beratung erhalten, oftmals sei für sie nicht oder absichtlich falsch gedolmetscht worden.

Roma aus der Ukraine
:Der Verachtung entkommen sie nicht

Unter den Ukrainern, die vor dem Krieg fliehen, gehören viele der Volksgruppe der Roma an. Um diese Menschen, deren Vorfahren von den Nazis verfolgt wurden, will sich Deutschland besonders kümmern. Doch gerade sie haben es hier besonders schwer.

Von Nina von Hardenberg

Neuburger beschreibt einen „Kreislauf der Diskriminierung und Vorurteilsreproduktion“, der sich auch bei der Vermittlung von Wohnraum zeigte. Ukrainische Geflüchtete kamen ab März 2022 zunächst in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in den Riemer Messehallen unter. Während aber die meisten Ukrainer recht schnell die Messehallen verlassen konnten und in privaten Haushalten Unterschlupf fanden, mussten als Roma gelesene Geflüchtete in den Hallen bleiben, sodass die Minderheit in der Erstaufnahmeeinrichtung bald die überwiegende Mehrheit bildete. Fortan habe ein „schleichender Prozess“ eingesetzt, wie es viele von Neuburgers Interviewpartner schildern. Freiwillige Helfer hätten sich aus den Hallen zurückgezogen, Unterstützungsangebote seien sukzessive zurückgefahren worden.

Neuburger konnte auch den Chatverlauf einer Messenger-Gruppe einsehen, in der sich rund 200 freiwillige Helfer in der Messeunterkunft austauschten. „Der Gesprächsverlauf verweist auf das gängige Repertoire antiziganistischer Vorurteile, durch die Roma – teils unter Verwendung offen rassistischer Terminologie – als ‚gefährliche‘, ‚kriminelle‘, ‚hinterlistige‘ und ‚undankbare‘ Gruppe stigmatisiert werden, vor der man sich besser in Acht nehmen und Angst haben müsse“, schreibt Neuburger.

Wir sind dem Antiziganismus nicht entschieden genug entgegengetreten.
Gerhard Mayer, Leiter des Amtes für Wohnen und Migration im Sozialreferat

Der Soziologe formuliert auch Handlungsempfehlungen an die Stadt, wie die Einbeziehung von Selbstorganisationen der Sinti und Roma in Krisenstäbe oder den Ausbau von Beratungs- und Angebotsstrukturen. „Behörden und Verwaltungen müssen sich die Frage stellen, wie sie aktiv dazu beitragen können, diese Diskriminierung abzubauen“, so Neuburger.

Gerhard Mayer, Leiter des Amtes für Wohnen und Migration im Sozialreferat, war damals einer der Hauptverantwortlichen bei der Unterbringung der Geflüchteten. Er wollte die Situation nach Neuburgers Vortrag am Freitag nicht beschönigen. Im Gegenteil: „Es ist tatsächlich so passiert“, wie es der Soziologe in der Studie darstelle: „Wir sind dem Antiziganismus nicht entschieden genug entgegengetreten.“ Er nehme die Untersuchung als Grundlage, um Veränderung für die Zukunft anzugehen, damit sich diese Diskriminierung bei zukünftigen Lagen nicht wiederhole.

Dass die Stadt die Studie selbst in Auftrag gab, ist ein Schritt in die richtige Richtung – das sehen alle Beteiligten so. Die Fluchtbewegung infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ab Februar 2022 habe die Stadtverwaltung vor große Herausforderungen gestellt, erklärte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). „Gleichzeitig wurden in diesem Kontext jedoch auch antiziganistische Dynamiken sichtbar, die uns – sowohl als Gesellschaft als auch als Verwaltung – nachdenklich stimmen müssen.“ Mit der Aufarbeitung dieser Situationen schaffe man die Grundlage dafür, „in vergleichbaren Krisensituationen besser und diskriminierungssensibler aufgestellt zu sein“.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Historie
:Die Kinder von Mulfingen

Am 2. und 3. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten Tausende Sinti und Roma in Auschwitz. Mit einem der letzten Transporte in die Vernichtung trafen Mädchen und Jungen eines katholischen Heims aus Württemberg ein. Die Rekonstruktion einer Todesfahrt.

SZ PlusVon Thomas Radlmaier

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: