Der Ort könnte kaum besser gelegen sein. Direkt am Hofgarten, in den Arkaden, befinden sich die Ausstellungsräume des Münchner Kunstvereins. Touristen durchströmen in Scharen den barocken Park in Münchens Innenstadt. Einheimische spielen vor den Türen des Vereins Boule. Laufgruppen treffen sich dort, um ein bisschen im Karree zu joggen. Im Pavillon tanzen Menschen mit Leidenschaft Tango. Und nur wenige Meter entfernt feiert Münchens Medien- und Kultur-Crowd im Schumann’s, bei Deutschlands bekanntestem Bar-Chef Charles, sich selbst.
Tom Engels gehört qua Amt jetzt dazu. Der 36-jährige Belgier ist seit 1. Januar neuer Direktor des Kunstvereins, und er wird es für fünf Jahre sein. Die Regularien wollen es so, Stagnation soll auf diese Weise verhindert werden in dieser auf Avantgarde ausgerichteten und doch so altehrwürdigen Institution. 200 Jahre ist der heute 2000 Mitglieder starke Verein alt, der auf dem Gedanken fußt: Nicht nur Hof und Kirche, auch das Bürgertum soll die Künste fördern. In Deutschland gibt es nur zwei ältere: den Nürnberger und den Hamburger Kunstverein.

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Die Kunsthistorikerin geht auf eigenen Wunsch im März. Seit 2022 war sie für die künstlerische und organisatorische Ausrichtung des Hauses verantwortlich.
Wie Tom Engels seine Aufgabe angehen möchte, das hat er bei einem kleinen Empfang in der Nachbarschaft preisgegeben. Eingeladen zum Willkommensumtrunk hatte Sarah Haugeneder. Sie ist Leiterin des nur einen Katzensprung entfernt, in der Maximiliansstraße gelegenen Ausstellungsraums Espace Louis Vuitton (Eintritt kein Luxus, weil stets frei). Und wenn man Engels Zunge trauen kann, macht er Ernst: Er zieht, anders als viele andere Direktoren und Kuratoren des Kunstbetriebs hierzulande, der befristeten Stelle und der Wohnungspreise zum Trotz, nach München.
Bisher wohnte er in Graz, wo er in den vergangenen vier Jahren den Kunstverein leitete. Davor machte er unter anderem einen Master in Kunstgeschichte an der Universität Gent und einen in Performance und Choreografie an der Universität Gießen. „Ich komme vom Theater“, sagt der Vielgereiste, der jetzt in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, unter den Arcaden, gleich das Theatermuseum neben sich hat.
Für die erste Ausstellung unter seiner Ägide hat er sich dennoch – oder gerade deswegen – für ein sehr bodenständiges Sujet der bildenden Kunst entschieden: die Holzschnitzerei. Freilich sind keine Herrgottsbilder zu erwarten und auch keine Morisken mit närrischen Schellen an den Schuhen. Es wird um die Bearbeitung ganzer Baumstämme gehen, und die Arbeit daran wird womöglich gar als Work in Progress zu sehen sein. „Ich bin gespannt, wie die Münchner reagieren. Ich finde, diese Kunst hat sehr viel mit Bayern zu tun“, sagt Engels.
Wer den Kunstverein betritt, wird zudem bald schon mit einem neu gestalteten Eingangsbereich konfrontiert. „Auch das gehört zum Konzept bei uns. Das Entree ist Teil des künstlerischen Raums“, erklärt der Belgier in bestem Deutsch, in das er vom Englischen nahtlos wechselt. „Sie merken schon, wenn es um München geht, passiert das bei mir ganz automatisch.“ Und wer immer noch nicht bereit ist, neugierig in sein Haus zu treten, wenn er durch die Arcaden zum Joggen oder Trinken eilt? „Den halten wir mit Poesie in den Schaufenstern auf“, sagt Engels. Dort zeigt er Gedichte. Kluge Worte zu finden, ist schließlich auch eine Kunst.
Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung dieses Textes stand, Tom Engels habe in Wien gewohnt, das ist falsch.

