Ausstellung im Bergson KunstkraftwerkWenn aus Angela Merkel Horst Seehofer wird

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David Pflugis Kunstwerk zeigt Angela Merkel. Wechselt man die Position, ist mit einem Mal Horst Seehofer zu sehen.
David Pflugis Kunstwerk zeigt Angela Merkel. Wechselt man die Position, ist mit einem Mal Horst Seehofer zu sehen. Georg Stirnweiss

Die neue Sehnsucht nach dem Realen: Ein immersives Ausstellungsprojekt im Bergson Kunstkraftwerk in Aubing führt in die Zwischenräume zwischen künstlerischem Handwerk und Virtual Reality.

Von Jürgen Moises

Kann sich noch jemand an die Faltbilder auf der Rückseite des Mad-Magazins erinnern? Wenn man diese faltete, dann entstand in den meisten Fällen ein völlig anderes Bild. Bei den Skulpturen oder „Kipp-Bildern“ des Schweizer Künstlers David Pflugi ist das teilweise ähnlich. Nur dass man dort herumgehen muss, damit man plötzlich vor einem anderen Motiv steht. Bei Pflugis großformatigem Werk in der Ausstellung  „Chapter #1: Reshaping Reality“ im Kunstkraftwerk Bergson in München-Aubing sieht man von der einen Seite Angela Merkel. Dann von vorn mehrere Motiv-Fragmente. Und auf der anderen Seite wird dann, Achtung, Trommelwirbel: Horst Seehofer daraus. Oder umgekehrt. Je nachdem, wo man zuerst steht.

Ob das Merkel und Seehofer gefallen wird, dass David Pflugi sie in einem Kunstwerk zusammen verewigt hat? Was jedenfalls daran beeindruckt, ist, dass dieses „Kippen“ hier komplett analog passiert. Insofern steht Pflugi auf der einen Seite des Spektrums in der Ausstellung, die „die Transformation des traditionellen Kunsthandwerks in die digitale Kunstwelt visuell erlebbar machen“ will. Zu sehen ist die Schau vom 3. Juli an im dritten und vierten Stock des Neubaus. Darunter befinden sich aktuell noch die Galerie-Räume von Johann König, der vom 4. August an nur noch die ehemaligen Kohlesilos im Hauptgebäude nutzen will. Die frei werdenden Räume werden dann, wie man von Kommunikations-Managerin Sarah Winter erfährt, von „hauseigenen Kuratoren“ bespielt.

„Wir wollen uns breiter aufstellen“, erzählt Winter. Und das zeigt auch das Label „Digital Arts Center featuring Emixar“, unter dem die immersive Ausstellung „Reshaping Reality“ firmiert. Verantwortlich dafür zeichnen Anh Nguyen und Stefan Göppel. Nguyen arbeitet als Kuratorin und Projekt- und Vertriebsmanagerin im Haus. Göppel ist Chef des in München ansässigen, preisgekrönten XR-Studios Govar. Mit seinem Studio hat er „Emixar“ entwickelt. Ein reisendes Kunstprojekt, das physische Kunstwerke mit Extended Reality (XR), künstlicher Intelligenz (KI), Robotik, Klang und Licht und teilweise auch mit Geruch und Geschmack verbindet. Der Name „Emixar“ ist die Abkürzung von „Extended Mixed Augmented Reality“.

In einer anderen Form war „Emixar“ bereits im vergangenen Dezember im Schwere Reiter zu erleben. Für das Bergson wurde das Ganze nun verändert und erweitert. Insgesamt 21 regionale und internationale Künstler, darunter 19 bildende und zwei Komponisten, sind zu erleben. Und das, so der Clou, gleich zweimal. Das heißt, man geht im unteren Stockwerk zunächst mit einer Virtual-Reality-Brille durch die Räume, wo man dann etwa bei Holger Dreissigs Arbeit „Abrissbirne als Safespace“ seinen Kopf reinstecken und erleben kann, wie sich diese in einen „Pink Panic Room“ verwandelt. Bei Ugo Dossi steht man mitten im Universum. Zu Klängen von Marco Hertenstein tanzen Partikel. Susu Gorths „Zyklop“ verfolgt einen mit seinem digitalen Auge und in Peter Demetz Holz-Diorama kann man hineingehen.

Was ist virtuell, was ist real?

Oder vielleicht auch nicht. Denn was wirklich real und was nur virtuell ist, das soll sich, erklärt Stefan Göppel, dann beim Durchgang ohne Brille zeigen. „Wir machen das plakativ“, gibt der Virtual-Reality-Experte zu. „Damit man die Dinge hinterfragt.“ Und er sagt: „Je mehr wir die KI benutzen, desto mehr schätzen wir wieder das Reale.“ Bei den drei Gemälden von Francisco Bosoletti kommt statt VR-Brille dann das Handy zum Einsatz. Genauso wie bei einigen anderen Werken im oberen Stock. Der Streetart-Künstler Bosoletti, der im vergangenen Jahr in Giesing ein Wandbild gestaltet hat, ist dafür bekannt, dass er seine Bilder wie Foto-Negative malt. Mithilfe einer Handy-App kann man diese dann ins „Positive“ umkehren. Und das funktioniert auch hier.

Alexander Ehrhard arbeitet ebenfalls in erster Linie als Streetart-Künstler. In der Ausstellung sind zahlreiche Porträt-Bilder zu sehen, die es an Handwerk ziemlich in sich haben. Dafür benutzt er altes Papier mit möglichst viel Zellstoff. Das kann aus einem Buch aus dem 18. Jahrhundert, einem alten „Superman“-Heft mit Sammlerwert oder auch eine Briefmarke von Elizabeth II. sein. Diese Papiere schichtet er übereinander, besprüht sie oder bemalt sie mit Aquarell. Mit dem Effekt, dass sich die Bilder verziehen und plastisch wirken. An einem Großformat sitzt er, sagt er, da gerne mal sechs Monate. Etwas Augmented Reality ist auch noch drin. Denn wenn man mit der Handykamera draufschaut, werden manche Bilder zu Reliefs und die Augen der Figuren folgen einem.

Bei dem Streetart-Künstler Francisco Bosoletti kommt das eigene Handy zum Einsatz. Georg Stirnweiss
Bei dem Streetart-Künstler Francisco Bosoletti kommt das eigene Handy zum Einsatz. Georg Stirnweiss Georg Stirnweiss

Mit dem KI Kobold ist ein anonymer Künstler dabei, der, so Anh Nguyen, als KI-Architekt und Experte für Bilderkennung und Drohnenabwehr in der Rüstungsindustrie arbeitet. Der privat aber eben KI-Kunst macht. Hier in Form einer Arbeit, die von der literarischen Figur des Dorian Gray inspiriert ist. Und die immer neue Porträt-Aufnahmen von den Betrachtern macht und diese mit Tiermotiven mischt. Robert Balke aus Tübingen hat als Hobby-Bastler eine Zeichen-Maschine konstruiert, die selbständig Bilder in Balkes Zeichen-Stil erschafft. Mit Bond Truluv ist ein weiterer, in dem Fall legendärer Streetart-Künstler dabei. Weil er der Erste war, der digital gearbeitet hat. Auch seine Bilder lassen sich mit Handy-App erweitern. Nur dass er das technisch alles selbst macht.

Der enge Bezug zur Streetart erklärt sich durch Anh Nguyen. Die hat zum einen ihre Doktorarbeit über das Thema „Rezeption der klassischen Maler in Streetart“ geschrieben. Zudem hat sie, wie sie erzählt, zwei Jahre lang beim Aufbau des Münchner Streetart-Museums MUCA mitgeholfen. Auch beim Aufbau des auf optische Illusionen spezialisierten Wow-Museums hat sie mitgewirkt. Dass sie nun von ihr verehrte Künstler wie Bosoletti und Ehrhard auf ihrem Weg ins Digitale begleiten darf, sei eine „große Ehre“. Und ihrer Überzeugungsarbeit ist es zu verdanken, dass auch das Bergson diesen Weg mit geht. Ein halbes Jahr lang habe sie, sagt sie, „ihren Chef bearbeitet, das hier aufzubauen.“ Und man darf gespannt sein, in welche digital-analogen Zwischenräume das alles noch führt.

Reshaping Reality, ab 3. Juli, Bergson Kunstkraftwerk, Am Bergson Kunstkraftwerk 2, bergson.com

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