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München:Die zwei Kioske vom Schyrenplatz

Andre Löwig steht vor seinem Kiosk am Schyrenplatz 2.

(Foto: Robert Haas)

Der eine hat ein Herz für Hunde und Obdachlose, beim anderen verkehrt "gehobeneres" Publikum. Aber in einem sind sie gleich: Beide leben von ihren Stammgästen.

Von Thomas Anlauf

Wann der Sommer beginnt, bestimmen bei André Löwig die Frauen. In diesem Jahr war es der 8. Mai, als er zum Filzstift griff und auf dem vergilbten Türrahmen seines Standls das Erscheinen der ersten Sommerbotin notierte. "Ziemlich spät heuer", sagt Löwig. Das schwere Goldkettchen auf der breiten Brust hüpft ein wenig, als er lacht. Am 8. Mai stand die erste Frau im Bikini an seinem Standl an. Löwigs Türrahmen ist so etwas wie ein Bikini-Barometer.

Für den 56-jährigen Giesinger ist es existenziell, wie der Sommer wird. 120 bis 140 Tage dauert seine Standl-Saison, wenn das Wetter oft schlecht ist, sind das nicht mal vier Monate im Jahr. In dieser Zeit muss sein Kiosk brummen, damit er finanziell über die kalten Wintermonate kommt. "Mein einziger Luxus ist, dass ich meine Miete zahlen kann, der Kühlschrank voll ist und ich die Wohnung heizen kann", sagt André Löwig. Das war auch schon anders.

Als er vor zehn Jahren Münchens ältestes Standl kaufte, das seit 1848 in der kleinen Grünanlage an der Wittelsbacherbrücke steht, musste er erst einmal kräftig Kredite aufnehmen. Die denkmalgeschützte Holzhütte war völlig heruntergekommen. Seither versucht er, immer wenn genug Geld übrig ist, was an dem Häusl zu richten.

Im vergangenen Jahr hat er zum Beispiel mehrere uralte stromfressende Kühlschränke rausgeworfen und dafür in eine moderne Kühlung investiert. Jetzt will er eigentlich endlich eine richtige Toilettenanlage für seine Gäste bauen, bislang hat er mehrere Dixie-Klos. Aber so eine Anlage kostet auch viel Geld.

Und davon hat Löwig nicht allzu viel, er kommt halt über die Runden. Das liegt vielleicht auch daran, dass er ein ziemlich großes Herz hat. Den Obdachlosen unter der Wittelsbacherbrücke hilft er regelmäßig - mal mit Strom, den er runter an die Brücke legt, mal mit Essen oder einem Bier aufs Haus. László ist einer von den Männern von der Wittelsbacher. Der Ungar packt gern am Standl mit an, putzt und trägt Getränkekisten.

Seit 2006 wird aufgeschrieben, wann in der jeweiligen Saison die erste Kundin im Bikini kommt.

(Foto: Robert Haas)

Dafür bekommt er auch warme Mahlzeiten und kann schon mal im Standl übernachten. "Von Anfang an hab' ich die Burschen von der Brücke da", sagt Löwig. Die meisten könnten ja nichts dafür, dass sie dort gelandet sind. "Das geht oft ganz schnell", raunt er. Dort unten hätten auch schon Steuerberater und Anwälte gehaust. Als es bei ihm selbst vor ein paar Jahren mal wieder finanziell eng war, hat er seinen Mitarbeitern gesagt: "Noch sind wir auf der Brücke, nicht drunter."

Jammern ist aber nicht Löwigs Art. Wer an seinem Standl vorbeigeht, wird mit einem netten Spruch begrüßt, sogar die Hunde, die den kräftigen Münchner ins Herz geschlossen haben. Viele Stammgäste sind Hundebesitzer aus dem Viertel und schauen beim Gassigehen bei Löwigs Standl vorbei. An die 300 Leute kommen regelmäßig an den windschiefen Kiosk, der sich unter alten Ahornbäumen zu ducken scheint. Seit er vor einem Jahr eine Gaststättenkonzession bekommen hat und als Biergarten gilt, kann er auch mehr von seinen grünen Biergartengarnituren aufstellen, die alle mit goldenen Sonnen verziert sind.

Da ist etwa der Türken-Stammtisch und der Thai-Stammtisch mit den thailändischen Ehefrauen. Und natürlich der Rentnerstammtisch, dessen ältestes Mitglied 90 Jahre ist. Auf der Rückseite des Kiosks gibt es sogar einen Herrgottswinkel, an dem der verstorbenen Stammgäste gedacht wird. Auf seine vielen Bekannten, die regelmäßig vorbeischauen, lässt André Löwig nichts kommen. "Ich wär' heut' nicht da, wo ich jetzt bin, wenn ich nicht all die Leute gehabt hätte", sagt er.

Das kann auch Gundolf Straub von seiner Kundschaft sagen. Der Mann mit dem braunkarierten Hemd und grauen Vollbart sitzt in Sichtweite von Löwigs Kiosk vor seinem eigenen Standl und lächelt. "Die meisten unserer Gäste kommen schon seit Jahren", sagt er. Manche nur an Heiligabend und an Silvester, andere sobald die Sonne ein bisschen scheint.

Der Kiosk 'Isarwahn' von Cornelia und Gundolf Straub.

(Foto: Robert Haas)

Als er und seine Frau Cornelia im Jahr 2000 den heruntergekommenen Kiosk kauften, "haben wir manchmal nimmer g'wusst, wie's weitergeht. Die Anfangsjahre waren schon recht hart." Cornelia Straub kam aus der Gastronomie, aber für Gundolf, der davor Landwirtschaftsmaschinen verkaufte, war der Kioskbetrieb Neuland. Aber die beiden hatten sich vorgenommen, aus der verwahrlosten Hütte ein heimeliges Standl zu machen.

Sie zimmerten die hellen Biergartenmöbel selbst, der Kiosk bekam einen neuen Anstrich. Und nach einiger Zeit kam auch das Publikum, das bis heute geblieben ist. "Es kommen auch Leute vom Fernsehen und vom Rundfunk - und sehr viele Studenten", sagt Gundolf Straub, "angenehme Leut' sind das." Er ist nur froh, dass jetzt nicht mehr die Leute von der Wittelsbacherbrücke bei ihm sind wie damals vor 16 Jahren, als das Ehepaar den "Kiosk Isarwahn" eröffnete.

Insofern sind die zwei Kioskbetreiber von diesseits und jenseits der Humboldtstraße auch keine Konkurrenten. Sie ergänzen sich trotz des ähnlichen Angebots ganz gut. Das Bier ist im Sommer natürlich das Hauptgeschäft für beide Standl. "Wenn's heiß her geht, verkaufen wir 60 bis 70 Prozent nach unten an die Isar", sagt Straub. Wenn er dann um Mitternacht zusperrt, stehen oft nur noch leere Bierträger hinterm Haus. Die sind sozusagen Straubs Bier-Barometer.

© SZ vom 23.05.2016/mkro

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