Neue Sammlung in MünchenDas größte Designmuseum der Welt wird 100

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Sieht aus wie ein einäugiges lachendes Gesicht, ist aber ein Fernseh-Standgerät mit Rundfunk- und Phonoteil: der „Kuba Komet 1223 SL“ aus den Fünfzigerjahren aus Wolfenbüttel.
Sieht aus wie ein einäugiges lachendes Gesicht, ist aber ein Fernseh-Standgerät mit Rundfunk- und Phonoteil: der „Kuba Komet 1223 SL“ aus den Fünfzigerjahren aus Wolfenbüttel. (Foto: Die Neue Sammlung (A. Laurenzo))

Sie gilt als das größte Designmuseum der Welt: die Neue Sammlung in München mit mehr als 120 000 Objekten. Zum 100. Geburtstag lädt das Museum in der Pinakothek der Moderne zu einem Streifzug durch die Sammlungsgeschichte ein.

Von Evelyn Vogel

Manche Gegenstände lösen einfach diesen Wow-Effekt aus. Da wünscht man sich, auch so ein Ding zu besitzen. Doch die Schönheit der Dinge liegt oft im Auge des Betrachters. Was die einen als mega-stylisch preisen, finden andere potthässlich. Das betrifft Objekte ebenso wie Mode, Architektur ebenso wie Kunst. Und im Nachhinein fragt man sich mitunter, warum dies oder jenes einst als schön oder als hässlich galt – und bei wem? Letztendlich muss man sagen: Jede Zeit kannte gutes Design, aber jede Zeit hatte auch einen vorherrschenden Geschmack, der definierte, was als schön oder hässlich zu gelten hatte. Das ist in der Mode vermutlich noch ausgeprägter als im Produktdesign.

Wer aber heute zurückblickt, auf die vergangenen 100 Jahre Designgeschichte, kann feststellen: Es gab so viele tolle Designobjekte, dass man in Zeiten von Sparzwängen bei hochwertigen Herstellern und massenhafter Billigproduktion (meist) made in China oft nur noch stöhnen kann angesichts der Ideenlosigkeit und Hässlichkeit, die uns vielfach umgeben. Dabei muss fairerweise auch gesagt werden: Immer wieder entstehen auch ikonische Objekte. Nur schaffen die es nicht immer in die Massenproduktion – womit sie das Schicksal so mancher Designklassiker aus der Vergangenheit teilen.

Futuro-Haus des finnischen Architekten Matti Suuronen auf der Wiese vor der Pinakothek der Moderne.
Futuro-Haus des finnischen Architekten Matti Suuronen auf der Wiese vor der Pinakothek der Moderne. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Wer „Die Neue Sammlung“ in der Pinakothek der Moderne besucht, findet nicht nur eine, sondern viele Sammlungspräsentationen. Seit einigen Jahren steht wie das It-Piece der Sammlung das „Futuro“ vor dem Museum. Das einst als Schutzhütte entworfene eiförmige Gebilde aus Kunststoff des finnischen Designers Matti Suuronen von 1968 wurde nur in geringer Stückzahl hergestellt. Doch heute wirkt es noch immer so futuristisch, als ob es Teil der Gedankenspiele von Elon Musk und Jeff Bezos zur Eroberung des Weltraums wäre.

Viele kennen in der Rotunde den raumhohen Setzkasten mit herausragenden Objekten. Es ist der Schaukasten des Designmuseums, der neugierig machen soll. Beliebt und bekannt ist auch die Ausstellung mit Autos und Motorrädern. Das sogenannte X-Depot in früheren Depoträumen zeigt seit 2021 und auf zusätzlichen 600 Quadratmetern wie in einem Schaulager Objekte in einer seriellen Übersicht und in neu geschaffenen Zusammenhängen. Und für manche ist der Paternosterraum, in dem das Design Paternoster fährt, der Ort, an den es sie zieht. Aber wer so richtig in die Designsammlung eintauchen will, muss tief hinein in die Schnecke der Rotunde. Dort, wo sich Möbel und Glas, Leuchten und Haushaltsgeräte, technische Errungenschaften und gelungene Beispiele aus dem Graphic Design finden. Und seit einigen Jahren in der Danner-Rotunde auch die Schmuck-Sammlung.

Ein Designklassiker bis heute: Der Motorroller 125, den Corradino D'Ascanio 1945 für Piaggio in Genua entworfen hat.
Ein Designklassiker bis heute: Der Motorroller 125, den Corradino D'Ascanio 1945 für Piaggio in Genua entworfen hat. (Foto: Die Neue Sammlung (A. Laurenzo))

Seit „Die Neue Sammlung“ als erstes staatliches Designmuseum in Deutschland 1925 gegründet wurde, damals noch als besondere Abteilung im Bayerischen Nationalmuseum, sammelt sie zeitgenössisch. Sie konnte aufbauen auf den Sammlungsbestrebungen des Deutschen Werkbunds, der im Zuge der Industrialisierung des Kunstgewerbes die Formgebung an Zweck, Material und Konstruktion orientiert haben wollte. Was auch das berühmte Postulat „Form follows function“ proklamierte. Denn gerade beim Produktdesign bleibt immer die Frage: Muss eine gute Form nicht auch mit einer guten Funktion einhergehen?

Und wie kommen die Objekte nun ins Museum? Die Sammlung hat nicht nur auf Messen und im Kunsthandel weltweit gekauft, sondern auch von Ausbildungsstätten – wie einst vom Bauhaus und der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein – oder direkt in den Ateliers von Designerinnen und Designern. Hinzu kommen Schenkungen und Übernahmen von Nachlässen. Wobei „Die Neue Sammlung“ wie jedes Museum dabei sehr zurückhaltend agieren muss. Nicht alles, was Onkel Fritz und Tante Erna hinterlassen haben, ist auch museumswürdig – selbst wenn es ein ungewöhnliches Stück ist. Auch spielen der Erhaltungszustand und die Restaurierungsmöglichkeiten und -kosten eine Rolle. So toll etwa Objekte aus frühen Kunststoffen sind, restauratorisch betrachtet sind sie eine Katastrophe. Denn Licht und Luft haben diesen Materialien über die Jahre oft schwer zugesetzt.

Walter Dorwin Teague entwarf das Radio „Nocturne 1186“ im Jahr 1936 für die Sparton Corporation in Jackson/USA.
Walter Dorwin Teague entwarf das Radio „Nocturne 1186“ im Jahr 1936 für die Sparton Corporation in Jackson/USA. (Foto: Die Neue Sammlung / Alexander Laurenzo)

Doch warum sammelt ein Designmuseum und was? Anfangs lag der Sammlungsschwerpunkt auf Objekten aus Glas, Keramik und Metall, auf Möbeln, Textilien, Flechtarbeiten sowie Verpackungen, Plakaten und Büchern. Diese konnten sowohl kunsthandwerklich als auch seriell hergestellt sein. In der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit rückte das Interesse an technischen Geräten immer stärker in dem Mittelpunkt. Und überraschenderweise entwickelte sich auch die Fotografie zum Sammlungsgegenstand des Münchner Designmuseums. Den Ausschlag gab hier die erste Museumsausstellung von Bernd und Hilla Becher 1967.

Dass auch Kühltürme kunstvoll gestaltet sein können, erkannten die Düsseldorfer Fotografen Hilla und Bernd Becher schon früh. Ihre seriellen Aufnahmen aus den 1960er-Jahren fanden erstaunlich früh Eingang in die Designsammlung.
Dass auch Kühltürme kunstvoll gestaltet sein können, erkannten die Düsseldorfer Fotografen Hilla und Bernd Becher schon früh. Ihre seriellen Aufnahmen aus den 1960er-Jahren fanden erstaunlich früh Eingang in die Designsammlung. (Foto: Die Neue Sammlung (Alexander Laurenzo))

In den Achtzigerjahren sammelte man vorwiegend Computer- und Fahrzeugdesign. Aber auch Sportobjekte oder grafische Erscheinungsbilder erweiterten den Bestand. Mit Objekten von Alchimia und Memphis zog revolutionäres Anti-Design in den Neunzigerjahren in „Die Neue Sammlung“ ein. Auch wurde zum neuen Schwerpunkt der sogenannte Autorenschmuck, wo es nicht um die handwerkliche Verarbeitung edler Stoffe wie Gold, Silber und Edelstein ging, sondern oft povere Materialien, also Kunststoffe, Bleche, Draht, Papier und ähnlich simple Dinge, zum Einsatz kamen. Mit der Wiedervereinigung richtete man dann auch den Blick auf das DDR-Design der vergangenen Jahrzehnte.

Der Grid Compass Computer von 1981 gilt als der erste Laptop weltweit.
Der Grid Compass Computer von 1981 gilt als der erste Laptop weltweit. (Foto: Die Neue Sammlung (Alexander Laurenzo))

Und wo sah man sein hauptsächliches Sammlungsgebiet? Früher hat man vorwiegend in Europa, den USA und Japan gesammelt. Seit den Nullerjahren blickt man auch auf andere außereuropäische Kulturräume. Ganz aktuell steht Design rund um Themen wie künstliche Intelligenz (KI/AI), Robotik, Nachhaltigkeit, Social Design und Inklusion im Mittelpunkt des Interesses.

Er ist pflegeleicht, platzsparend und bellt nur dann, wenn Herrchen oder Frauchen es will: der Hunde-Roboter Aibo.
Er ist pflegeleicht, platzsparend und bellt nur dann, wenn Herrchen oder Frauchen es will: der Hunde-Roboter Aibo. (Foto: Die Neue Sammlung (Alexander Laurenzo))

Wie vielfältig Design in alle Lebensbereiche hineindringt, zeigt etwa der Computerhund Aibo (zu Deutsch Partner oder Freund) von Sony. Er ist ein durch künstliche Intelligenz gesteuertes elektronisches Haustier. Aibo ist programmiert mit hundetypischen Verhaltensweisen und in der Lage, auf seinen Besitzer zu reagieren und zu lernen. Dazu hat er verschiedene Sensoren, eine Kamera und ein Mikrofon. Als das erste Modell ERS 110 auf den Markt kam, war es in Japan innerhalb von 20 Minuten ausverkauft.

Der Computerhund ist aber nicht nur beliebt als pflegeleichter Haustierersatz, er wird auch in der Altenpflege eingesetzt. Im Hinblick auf unsere immer älter werdende Gesellschaft übrigens ein Gebiet, in dem die Verbindung von Design und Technik außerordentlich zukunftsweisend gemeinsam agiert.

Die Neue Sammlung: 100 Jahre – 100 Objekte, Pinakothek der Moderne, Eröffnung am Mittwoch, 21. Mai 2025, zu sehen bis Ende Mai 2027

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