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Ludwigsvorstadt:Unser Haus

Ehe die DGB-Zentrale an der Schwanthalerstraße durch einen Neubau ersetzt wird, zeigt Fotograf Werner Bachmeier Bilder aus 40 Jahren Gewerkschaftsleben

Von Jürgen Wolfram, Ludwigsvorstadt

Nicht alle Konflikte weichen still, nur weil ein starker Arm das will. Der Kampf um den Mindestlohn hat Jahrzehnte gedauert, das Ringen um gleiches Entgelt für gleiche Arbeit geht weiter, die Ächtung jeglicher Diskriminierung im Job bleibt ein Gebot. Wer wüsste besser als die Gewerkschaften, dass der soziale Fortschritt einen langen Atem braucht, dass Tarifverhandlungen und Streiks meistens nur Etappen sind.

Das Wirken der Arbeitnehmerorganisationen auf stramme Interessenvertretung zu reduzieren, wäre aber ein Irrtum. Wie eine Fotoausstellung im DGB-Haus an der Schwanthalerstraße eindrucksvoll zeigt, pflegen Gewerkschafter bei aller Kampfbereitschaft ein buntes kulturelles Eigenleben. Song- und Fotogruppe, Theater und Kabarett, Werkschauen zeitgenössischer Künstler und stimmungsvolle Feiern mit viel Musik zeugen von einer anderen, eher unbekannten Seite des DGB-Bezirks Bayern und seiner Einzelgewerkschaften.

Beide Sphären so anschaulich wie unterhaltsam eingefangen hat Werner Bachmeier, ein Fotograf aus Ebersberg, der Arbeitswelt und soziale Themen zum Kerninhalt seines Schaffens macht. Damit das alte Gewerkschaftshaus im Bahnhofsviertel, das demnächst abgerissen und neu errichtet werden soll, "nicht einfach aus dem Gedächtnis gestrichen wird", hat Bachmeier sein Archiv "auf den Kopf gestellt". Herausgekommen ist die Ausstellung "Das ist unser Haus - das war unser Haus", ein Rückblick auf 40 Jahre Betrieb in Münchens pulsierender Gewerkschaftszentrale. Bachmeier ist Mitbegründer der DGB-Fotogruppe, an gewerkschaftlicher Historie brennend interessiert. Er spricht von "geronnener Lebenszeit", wenn er an seine vergangenen Jahrzehnte im Gebäudekomplex an der Schwanthalerstraße denkt. Unterschiedliche Aspekte dieses Kosmos darzustellen, war seine Intention. Denn Gewerkschaft, das ist für Bachmeier eben kein schwerfälliger Apparat im Verbändestaat Deutschland, sondern lebendige, diskussionsfreudige Vielfalt.

1. Mai Muenchen - DGB Kundgebung. Motto: Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!

Für Kundgebungen zum 1. Mai ist die DGB-Zentrale traditionell der Startpunkt.

(Foto: Werner Bachmeier)

Drei Dutzend Fotos an den noch stehenden Wänden des DGB-Hauses belegen, was sich jenseits von Tarifgesprächen und Betriebsräte-Tagungen, Urabstimmungen und Mitgliederversammlungen sonst noch alles tut in einem Hauptquartier der organisierten Arbeitnehmer. Reminiszenzen an Kulturveranstaltungen sind zu besichtigen, Geselliges wie ein Faschingsball der DGB-Jugend vom Februar 1977, Besuche namhafter Künstler und Politiker. Erinnert wird an führende bayerische Gewerkschafter, wie Fritz Schösser (1947-2019), der für die SPD auch dem Bundestag angehörte. Ein starker Akzent liegt auf der Politik. Ob Gegendemo beim Naziaufmarsch, Antikriegstage ("Arbeitsplätze statt Kanonen"), Konferenzen zum Thema Behindertenrechte, Internationaler Frauentag - der DGB zeigt Flagge, vor allem seine Jugendorganisation. Dass der Gewerkschaftsbund auch eine Binnenarbeitswelt aufweist, weil er selbst Arbeitgeber für viele Menschen ist, kommt in der Bilderschau gleichfalls nicht zu kurz.

"Voran auf neuen Gleisen." Diesen Titel trägt ein Wandgemälde von Albert Heinzinger im Gewerkschaftshaus. Auf Neues müssen sich Mitglieder, Beschäftigte und gewählte Funktionäre in der Tat einstellen. Denn organisatorisch kommt eine gewaltige Rochade in Gang. Bis Jahresende soll das Gebäude Schwanthalerstraße 64 komplett geräumt sein. Anfang November wechselt die DGB-Bezirksverwaltung in ein angemietetes Übergangsdomizil an der Neumarkter Straße in Berg am Laim. Einige Einzelgewerkschaften haben den Altbau bereits verlassen, darunter die IG Metall. Anstelle der alten Zentrale wird ein Neubau errichtet; die Ausschreibungen laufen. Die Rückkehr an die Schwanthalerstraße plant der DGB für das vierte Quartal 2023. Ein Fotograf aus Ebersberg wird vermutlich auch diesen Akt der Gewerkschaftsgeschichte in München lückenlos dokumentieren.

A + P Demograzien - Frauenkabarett

Die Ausstellung dokumentiert nicht nur Interessenvertretung, sondern auch Kulturleben, etwa den Auftritt des Frauenkabaretts "Demograzien"

(Foto: Werner Bachmeier)

"Das ist unser Haus - das war unser Haus". Fotoausstellung über die vergangenen 40 Jahre im Gewerkschaftshaus, Schwanthalerstraße 64. Bis Ende Oktober. Öffentlich zugänglich (mit Maske) oder unter www.wernerbachmeier.de/galerie.php

© SZ vom 14.07.2020

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