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75 Jahre DGB München:Der Kampf geht weiter

Demonstration und Kundgebung zum 1. Mai in München, 2018

Schauplatz der Maikundgebungen des DGB ist seit 1977 der Marienplatz, wie hier im Jahr 2018. Von 1948 bis 1976 fanden sie am Königsplatz statt.

(Foto: Robert Haas)

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat seit seiner Gründung viel erlebt: von ersten Rechtsberatungen bis hin zur Zerschlagung durch die Nazis.

Von Sven Loerzer

Eigentlich hätte es einen großen Festakt zum Beginn dieser Woche geben sollen, denn vor 75 Jahren wurde in München der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gegründet. Die Corona-Pandemie aber machte nicht nur diesen Plan zunichte, sondern brachte einen Spaziergang zu den Wurzeln der Münchner Gewerkschaftsbewegung hervor. Die Beschreibung dazu bietet der DGB jetzt als bestellbare Broschüre oder interaktive Karte. Das erste "Münchner Gewerkschaftskartell", ein Zusammenschluss der damaligen Münchner Gewerkschaften, gründete sich 1893. DGB-Chefin Simone Burger erinnerte bei der Vorstellung des Spaziergangs in einer Videokonferenz daran, dass damals "Frauen außen vor" waren und sich erst 1908 politisch engagieren durften. Am Isartorplatz 6, wo heute eine Bäckerei ihre Räume hat, entstand das erste "Arbeitersekreteriat" am 1. März 1898. Es bot Rechtsberatung und unterstützte Mitglieder beim Kampf um ihre Rechte. Der Gewerkschaftsbund gewann schnell an Bedeutung und auch an Selbstbewusstsein.

In der Pestalozzistraße 40/42 entstand 1912 das größte Gewerkschaftshaus Europas. Die "rote Burg des Proletariats" sei ein "linker Kristallisationspunkt" gewesen, sagt Simone Burger, dort hatten Genossenschaften und die SPD ihr Zuhause. So wurden auch die Jusos dort gegründet. Von Anfang an sei es faschistischen und antisemitischen Angriffen ausgesetzt gewesen. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde das Haus am 9. März 1933 von der SA besetzt, die Gewerkschaften räumten das Haus und wurden am 2. Mai 1933 zerschlagen. Im Jahr 1944 wurde die Burg durch die Bombardierung komplett zerstört. Nur eine Plakette bei Hausnummer 42 erinnert an das alte Gewerkschaftshaus.

Nach der Befreiung Münchens begann eine Runde von Gewerkschaftern, die sich bei Gustav Schiefer, dem letzten Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes vor 1933, in dessen Wohnhaus in der Armanspergstraße 3 (Harlaching) traf, die Wiedergründung der Gewerkschaften vorzubereiten. Weil die Runde schnell wuchs, fanden die wöchentlichen Treffen von Juni 1945 an dann im Werbe-Verlag Fackler des christlichen Gewerkschafters Franz Xaver Fackler statt. Der Hinterhof in der Sendlinger Straße 45 ist heute nicht mehr allgemein zugänglich.

Bis 1947 dienten außerdem einige Büros im Städtischen Hochhaus an der Blumenstraße als Domizil. "Am 29. März 1946 fand in allen Münchner Betrieben und in den Büros der Gewerkschaften im Städtischen Hochhaus an der Blumenstraße eine Urwahl statt", erzählt Simone Burger. Vor 75 Jahren sei über die Satzungen der Gewerkschaften, die Vorstände der Gewerkschaften und den Beschluss, sich in einem Gewerkschaftsbund zusammenzuschließen, abgestimmt worden. Stimmberechtigt waren 48 000 Personen, die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 73 Prozent. Für den Zusammenschluss zum DGB erreichte die Zustimmung 95 Prozent.

Erstes eigenes Haus nach dem Krieg war die Landwehrstraße 7-9. Das stark beschädigte Gebäude hatten die Gewerkschaften als Entschädigung für das 1933 geraubte Gewerkschaftsvermögen erhalten. Das Gebäude konnte Stück für Stück wieder hergerichtet und genutzt werden. Bereits 1956 war die Landwehrstraße zu klein, an der Schwanthalerstraße 64 entstand bis 1959 das neue Gebäude. Von dort ist der DGB im vergangenen Herbst nach Berg am Laim gezogen, das alte Haus wird abgebrochen und neu gebaut. "Ich hoffe, dass wir in wenigen Jahren wieder dort sind", sagt Simone Burger.

Zentraler Punkt für die Gewerkschaft sei auch nach 75 Jahren noch die Demokratisierung aller Bereiche. "Wir kämpfen dafür, dass Beschäftigte und Soloselbstständige sicher durch die Krise kommen", betont die DGB-Chefin. Für Beschäftigte, die nicht im Homeoffice arbeiten können, müsse der Gesundheitsschutz gewährleistet werden. Angesichts des langen Zeitraums der Krise sei ein Mindestkurzarbeitergeld dringend nötig.

© SZ vom 30.03.2021/syn
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