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Deutsches Museum:"Die drastischen Sparszenarien sind vom Tisch"

Kulturbaustellen in Bayern

Noch viele Jahre eine Baustelle: das Deutsche Museum.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Das Deutsche Museum bekommt zusätzliche 300 Millionen Euro für die Sanierung. Für viele Bereiche fehlt dennoch Geld. Verwaltungsrat und Kuratorium stellen Generaldirektor Heckl nun einen kaufmännischen Direktor an die Seite.

Das Deutsche Museum wird in Zukunft von einer Doppelspitze geführt. Nachdem die Jahrhundertsanierung zu scheitern drohte, weil das Geld ausgegangen war, übten die Controller zuletzt harsche Kritik. Bund und Land sicherten zum Jahresende weitere 300 Millionen Euro zu - und drängten darauf, dass Generaldirektor Wolfgang Heckl ein kaufmännischer Direktor an die Seite gestellt wird. Die Gesamtkosten der Sanierung liegen jetzt bei 745 Millionen Euro - halb so viel wie bei der Berliner Museumsinsel, betonen der Verwaltungsratsvorsitzende Axel Cronauer und der Kuratoriumsvorsitzende Andreas Biagosch.

SZ: Herr Cronauer, Herr Biagosch, vor Weihnachten erreichte Sie die frohe Botschaft, dass Sie 300 Millionen mehr bekommen. Haben Sie inzwischen Kassensturz gemacht und können sagen, was sich damit verwirklichen lässt?

Axel Cronauer: Das Geld sollte gut reichen, um das ursprüngliche Programm zu realisieren. Also die Sanierung des Sammlungsbaus, inklusive aller Ausstellungen im ersten Bauabschnitt, im zweiten etwas weniger.

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Trotz des Geldsegens werden also nicht alle Bereiche erneuert?

Cronauer: Es war von Anfang an klar, dass im zweiten Bauabschnitt nicht alle Ausstellungen angefasst werden können, sondern einige nachgezogen werden müssen.

Konkret?

Cronauer: Wir wussten bis Jahresende nicht, wie viel Geld wir bekommen. Deshalb werden wir jetzt prüfen, was sein muss und was sein kann. Bis zum Herbst sollte klar sein, in welchen Tranchen die Finanzierungen erfolgen. Denn wir bekommen die 300 Millionen ja nicht einfach auf den Tisch gelegt. Danach müssen wir unser Programm anpassen. Vielleicht muss man auch hier und da zwischenfinanzieren. Wir können nicht alle zwei Jahre zum Bund oder zum Land gehen und sagen: Wir brauchen ein paar Millionen mehr.

Haben Sie schon einen Kandidaten oder eine Kandidatin für die Position des kaufmännischen Direktors?

Cronauer: Die Gespräche laufen. Das war ein Wunsch unserer Zuwendungsgeber und der Leibniz-Gemeinschaft, deren Mitglied das Museum ist - alle großen Forschungseinrichtungen haben so eine Doppelspitze.

Der Wunsch ist nicht neu ...

Andreas Biagosch: Richtig, aber jetzt ist ein guter Moment, das Führungsmodell zeitgemäß zu gestalten. Immerhin ist das ein Betrieb mit mehr als 600 Mitarbeitern und einer Baustelle von über 700 Millionen Euro. Das kann einer allein nicht managen. Wir werden möglichst bald einen Generalbevollmächtigten engagieren und auf der Kuratoriumssitzung Anfang Mai die Satzungsänderung zum Beschluss vorlegen. Danach kann diese Person als zweiter Direktor berufen werden.

Bedeutet das eine Entmachtung des Generaldirektors?

Biagosch: Nein, es ist eine Entlastung für Herrn Heckl. Der Generaldirektor macht einen guten Job. Und damit er den auch weiterhin tun kann, soll die zweite Frau oder der zweite Mann ihm den Rücken freihalten, was die Zahlen angeht.

War der Ansturm groß, sich auf diese Problembaustelle zu bewerben?

Biagosch: Durchaus. Es geht ja nicht nur um die Bewältigung der Sanierung, sondern auch um die Gestaltung der Zukunft.

Was sind die Anforderungen an die Kandidaten?

Biagosch: Zunächst einmal Verhandlungssicherheit im Haushaltsrecht, das bei dieser Größenordnung sehr komplex ist. Wir brauchen aber künftig auch mehr Fremdmittel, etwa aus der EU oder von Industriepartnern. Auch Kooperationen mit anderen Museen, etwa der Austausch von Ausstellungen, wollen organisatorisch und finanziell begleitet werden. Das kann einer allein unmöglich alles leisten.

Wenn bis Jahresende kein verlässlicher Finanzplan steht, tun sich die Kuratoren schwer, neue Ausstellungen zu planen, sie müssen ja Gutachter, Restauratoren, Handwerker und Designer beauftragen.

Cronauer: Deshalb sind wir den Politikern von Land und Bund enorm dankbar für diesen Zuschlag. Damit können wir zur Ursprungsplanung zurückkehren. Die drastischen Sparszenarien sind vom Tisch.

Was ist mit dem Bergwerk? Zuletzt wurde bekannt, dass es wegen mangelnden Brandschutzes ausgebaut werden muss.

Cronauer: Das Bergwerk stand von Anfang an auf dem Prüfstand. Wir werden alles versuchen, es zu erhalten, aber in welcher Form und ob es dafür eine Anschlussfinanzierung braucht, müssen wir noch prüfen.

Was geschieht mit den anderen Ikonen im zweiten Bauabschnitt: Kraftmaschinen, Faraday-Käfig, Schiffe? Allein der mächtige Ewer-Kutter, der derzeit noch die Besucher im Erdgeschoss empfängt, braucht eine aufwendige statische Ertüchtigung.

Cronauer: Das wird alles mit dem nötigen Aufwand erhalten.

Interview im Deutschen Museum, fotografiert in der Sonderausstellung über Kaffee

Kuratoriumsvorsitzender Andreas Biagosch und Axel Cronauer, Vorsitzender des Verwaltungsrats, der über Finanzen und Strategien des Museums entscheidet, sind zuversichtlich, die Probleme mit der Sanierung in den Griff zu bekommen.

(Foto: Florian Peljak)

Das U-Boot, die Altamira-Höhle?

Cronauer: U-Boot ja, die Altamira-Höhle ist derzeit nicht finanziert. Für die eine oder andere Ausstellung wird es uns auch gelingen, Drittmittel einzuwerben.

Die Verantwortlichen hatten anfangs die Dimension der Sanierung unterschätzt und erlebten böse Überraschungen - zu schwacher Beton, Asbest, Schwermetall und einiges mehr. Wird Teil zwei zügiger verlaufen, weil man aus Fehlern gelernt hat und weiß, was auf einen zukommt?

Cronauer: Davon gehen wir aus. Aber das ganze Projekt wird sich noch viele Jahre hinziehen, und meine wahrsagerischen Fähigkeiten sind begrenzt. Wissen Sie, dass Sand weltweit immer knapper wird? Das ist nur ein Problem von vielen. Man muss stets genau hinschauen, welche Faktoren ein Budget beeinflusst haben: technische und politische Rahmenbedingungen oder Fehler und Nachlässigkeiten.

Ist diese Analyse erfolgt?

Cronauer: Die technischen Entscheidungen waren meines Erachtens alle richtig. Ich will an dieser Stelle ausdrücklich der Bauabteilung des Museums danken, die einen tollen Job gemacht hat in all den Jahren. Es kam nie zu einem Stillstand, obwohl wir im vergangenen Jahr sogar noch die Insolvenz des Architekturbüros erleben und mit einem neuen Büro weitermachen mussten. Das gesamte Projekt nimmt alle Mitarbeiter des Hauses enorm in Anspruch. Was da geleistet wird, ist außerordentlich. Bauen im Bestand in dieser Größenordnung ist permanentes Krisenmanagement. Das führt in der Öffentlichkeit dann gerne zu Skandalisierungen.

Mit der angeheizten Baukonjunktur müssen Sie wohl auf absehbare Zeit rechnen.

Cronauer: Ja, dazu kommt, dass man kaum noch Baufirmen findet. Das alles wirkt sich auf die Planungen aus. Wenn wir es mit dem um zwei Drittel aufgestockten Budget jetzt schaffen sollten, wäre ich froh - angesichts von Baukostensteigerungen in München von bis zu 40 Prozent in den vergangenen vier Jahren.

Was ist mit den anderen Bereichen der Museumsinsel - Bibliothek, Archiv, Werkstätten, Verwaltung? Es hieß mal, alles sei auf dem Prüfstand. Regiert da der Rotstift?

Biagosch: Der Rotstift ist allein dadurch gegeben, dass man jährlich nicht so viele Mittel bekommt, wie allein die Personalkosten steigen. Aber wir halten langfristig an den Visionen fest: gläserne Werkstätten für die Besucher, eine moderne Präsenzbibliothek mit neuen Angeboten für Studenten, um mehr junge Leute ins Haus zu holen.

Cronauer: Es gibt vom Verwaltungsrat keinen Auftrag, irgendetwas zu streichen.

Es hieß immer, der Verwaltungsrat muss jeden Euro genehmigen.

Cronauer: Da hätte ich ja nichts anderes mehr zu tun. Wir müssen mit dem Budget klarkommen. Aber es obliegt der Museumsleitung, zu entscheiden, was wofür ausgegeben wird.

Was ist mit dem Depot? Im Masterplan stand damals: Das ist Schritt null, der teure Umzüge und viel Logistik spart. Seit 2014 gibt es ein Grundstück in Erding, aber keinen Plan. Stattdessen fallen jährlich 2,7 Millionen Euro Miete für Hallen an, von denen eine schon abgebrannt ist.

Cronauer: Die Depotfrage brennt, völlig klar. Wir werden uns nur eine Low-Budget-Lösung leisten können, die den technischen Anforderungen entspricht, aber sicherlich kein Schaudepot wird. Das muss eventuell zwischenfinanziert werden, denn Sammlungsbau und Ausstellungen gehen vor.

Was wird aus dem Forum der Technik, das derzeit an den Blitz-Club verpachtet ist, und dem Kongresssaal?

Biagosch: Das Forum der Zukunft soll später einmal Hightech präsentieren, ähnlich wie in der Nürnberger Dependance des Deutschen Museums, die Ende dieses Jahres eröffnet werden soll. Es soll zu einer Begegnungsstätte für die neue, an Technik interessierte Generation werden. Wo, wenn nicht im Deutschen Museum, können aktuelle Themen wie Energie, Mobilität, Klima, Gesundheit oder künstliche Intelligenz sachlich diskutiert werden?

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Das ist aber nicht im Finanzplan?

Biagosch: Nein, das ist Zukunftsmusik. Aber wir wollen jetzt schon solche Veranstaltungen an verschiedenen Orten abhalten, um zu zeigen, wohin die Reise geht. Gerne in Zusammenarbeit mit vergleichbaren Spitzen-Museen, der TU München und Unternehmen.

Cronauer: Wir haben gerade heute die freudige Nachricht erhalten, dass uns die Technische Universität eine Fassade aus dem 3-D-Drucker bauen wird, zur Eröffnung des ersten Bauabschnitts in rund zwei Jahren. Die Fassade besteht aus multifunktionalen, lichtdurchlässigen Bauteilen mit einer Wellenstruktur aus recycelbarem Material. So etwas gibt es bisher noch nirgends auf der Welt.

Ein naturwissenschaftliches Museum muss künftig den Spagat schaffen zwischen den Meilensteinen der Historie und dem rasanten technologischen Wandel. Was heute auf den Markt kommt, ist womöglich in fünf Jahren schon veraltet. Das erfordert flexible Lösungen.

Cronauer: Genau das wollen wir erreichen: Im Sammlungsbau die originalen Meisterwerke und die Ausstellungen - von der Dampfmaschine bis zur Quantenphysik. Und im Forum der Zukunft die Diskussion aktueller Technologiethemen - von der Bewältigung der Klimakrise bis zur künstlichen Intelligenz.

© SZ vom 17.01.2020/lfr
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