bedeckt München

München:Der letzte Tanz

Dieser Aufforderung kommt niemand aus. Neun Jahre hat die Künstlerin Angela Eberhard an einem faszinierenden Zyklus gearbeitet. Mit ihren 15 kleinen Keramikpaaren stellt sie sich in die Tradition der "Danses macabres", die in Zeiten großer Angst an die Vergänglichkeit des Menschen gemahnten

Von Sonja Niesmann

Der Tod ist grausam. Oder sanft. Schmerzvoll. Oder liebevoll. Er kann schnell kommen. Oder geduldig warten. Er kann sehr hässlich sein. Oder auch schön. Er kann sich im Moment des großen Triumphs an den Sportler schmiegen, sich bereits unter der Robe der eben gekürten Schönheitskönigin verbergen, als Sozius auf einem Motorrad hocken, er kann eine Frau tröstend umarmen oder sein Opfer reißzähnig und krallenfingrig am ganzen Körper umschlingen. Allen 15 Figurenpaaren aber aus dem "Totentanz" von Angela Eberhard ist eines gemein. Der Tod holt die Menschen nicht, er tritt aus ihnen heraus, "denn er ist von Beginn an in unserem Leben dabei", sagt die Keramikkünstlerin. Und, auch das drücken die Figuren aus: Eigentlich ein großer Gleichmacher ist der Tod doch für jeden Menschen einmalig, individuell, unvergleichlich.

Neun Jahre hat sie über diesem Zyklus - man kann es fast ein Lebenswerk nennen - gebrütet, drei Jahre daran gearbeitet. Und ehe sie den ersten Batzen Ton knetete, hat sie ihr Sujet gründlichst durchdrungen. Sie trat der Europäischen Totentanz-Vereinigung bei, einer Gesellschaft, die das Thema in Wissenschaft und Kunst, Forschung und Gestaltung fördern will, studierte deren Jahrbücher und andere Publikationen. Sich einer Sache intellektuell-wissenschaftlich zu nähern, spiegelt eine Seite von Angela Eberhard: die der Akademikerin, der Fast-Professorin mit dem Doktortitel, der Kopfbetonten - das Leben also, das sie führte, ehe sie sich 2007 entschloss, der akademischen Welt Adieu zu sagen und künftig mit ihren Händen, mit Ton zu arbeiten. Die andere Seite ist persönlicher, gefühlsgesteuert. Als Dreijährige lag sie schwer krank in der Kinderklinik, glaubte, sterben zu müssen. Als sie Mitte 20 war, verunglückte der Freund ihrer Schwester tödlich. "Da hat sich schwarze Farbe in mein Leben gemischt. Aber ab da hab' ich mich damit auseinandergesetzt." Sie setzte auf ihr Studium der Sozialpädagogik und der Pädagogik eines der Gerontologie drauf, ließ sich zur Hospizhelferin und Trauerbegleiterin ausbilden, machte sogar zwei Praktika bei Bestattern.

Mit ihrem Totentanz-Zyklus knüpft Angela Eberhard an die sogenannte makabre Kunst ("danses macabres") an, allegorische Darstellungen der Macht des Todes, der keinen Unterschied kennt bei gesellschaftlichem Stand, Alter oder Besitz, der Kaisern und Adeligen ebenso die Hand zum letzten Tanz reicht wie Handwerkern und Bauern. Vor allem im 14. Jahrhundert, als die Pest wütete, waren Totentanz-Darstellungen weitverbreitet, auf Wandgemälden, Zeichnungen, Fresken. Im 20. Jahrhundert nahmen Künstler unter dem Eindruck der beiden Weltkriege das Motiv wieder auf, auch in Film, Literatur und in der Musik. Und es gibt eine Reihe plastischer Totentänze, wie etwa jene aus Beton und Metall des zeitgenössischen Künstlers Wolfgang Eckert. Aber, Angela Eberhard merkt das durchaus mit leisem Stolz an, "aus Keramik sind sie selten".

Handwerklich war das eine absolute Herausforderung, diese gemeistert zu haben zeigt, wie stark sie sich entwickelt hat im Lauf der Jahre beim Ausformen ihrer Skulpturen. In der ersten Phase des Grübelns wollte sie den Tod gar nicht als Skelett darstellen, sondern lieber als "was Modernes, ein leeres Gewand zum Beispiel". Jedes Jahr, erzählt sie, "hab' ich gespannt gewartet, wie der Jedermann in Salzburg ausschaut". Letztlich entschied sie sich doch für das Skelett. Aber das Modellieren der dünnen Rippen, der fragilen Beinknochen, überlangen Fingern und Zehen, einer zu einem Drachenschwanz auslaufenden Wirbelsäule war höchst diffizil. Zudem sind die bis zu 50 Zentimeter hohen Figuren "hochgebrannt", also bei 1200 Grad Celsius, nicht bei 1050 bis 1100 Grad, wie ihre anderen Skulpturen. Das gibt den Figuren ihre Gelb-Ocker-Tönung, hat allerdings auch den ein oder anderen Bruch mit sich gebracht. Das hat sie hingenommen, sagt sogar lachend: "Ich reiz' dieses Material aus, ich treib's mit dem noch weit."

Auch motivisch treibt die 58-Jährige es weiter. Der Mensch ist und bleibt das Thema, das sie von Anfang an umkreiste, zunächst waren es die "Kleinen Leut": Figuren mit Speckringen und Doppelkinn, die Schlappen, Hängerkleidchen oder komische Kopfbedeckungen tragen, Menschen an der Grenze zur Lächerlichkeit, die den Betrachter dennoch rühren, schmunzeln lassen. Dann wurden ihre Figuren bissiger, ein bisschen böser, fast satirisch manchmal. 2020, unter dem Eindruck der Pandemie, schuf sie außerdem Gestalten namens "Hamster", "High risk - no fun" oder "Verblendung". Und nun also der Mensch und sein Tod. Der Tod als Ringer. Die Tödin. Der versteckte Tod. Auch Du.

Erst ein einziges Mal konnte Angela Eberhard ihren Totentanz bisher ausstellen, im Kreuzgang der Kartause Buxheim im Unterallgäu, einem "wunderbar stimmigen Ort". Eine zehntägige, für November 2020 im Kunsttreff Moosach vereinbarte Schau fiel den Corona-Beschränkungen zum Opfer. Dass die Figuren jetzt schon wochenlang im Regal in ihrem Atelier an der Fasaneriestraße ein unbeachtetes Dasein fristen (www.figurenwerk.com), nicht öffentlich präsentiert werden können, verdrießt sie; nein, man spürt, es schmerzt sie. Für 2023 immerhin hat sie eine Ausstellungszusage aus Kärnten. Schon im ersten Jahr des Arbeitens am Totentanz wurde Eberhard klar, dass sie keine Figur einzeln verkaufen wird, dass das Ensemble zusammenbleiben muss. Inzwischen steht für sie sogar fest: "Ich will nicht, dass es in einer Privatsammlung verschwindet." Am liebsten sähe sie ihren Totentanz in einem Kloster, wie der Buxheimer Kartause, oder in einem Museum, wie dem für Sepulkralkultur in Kassel - "mal sehen, wo er eine würdige Heimat findet".

Frisch modelliert, in Plastikfolie verpackt, stand dieser Tage noch eine Figur auf ihrem Arbeitstisch. Ein Tod, der eine Frau mit kurzem Haar umfasst. Eine 16. Figur für den Zyklus? Ach nein, winkt sie beiläufig ab, "das soll eine Skulptur für mein eigenes Grab werden." Ist das schon ein bisschen Besessenheit? "Es ist Qualitätsgewinn, sich mit dem eigenen Ende zu beschäftigen", sagt Angela Eberhard. "Ich lebe viel intensiver."

© SZ vom 30.01.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema