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SZ-Serie: Auf dem Sockel:Ein Mythos in Stein

Krieg, Hunger, Pest und Königstod - Bayerns Krisen

So übermächtig wie die Gestalt des Schmied von Kochel beschrieben wird, so wirkt sie auch als Statue.

(Foto: Christof Rührmair/dpa)

Den Schmied von Kochel gab es vermutlich nicht, Denkmäler hat er trotzdem bekommen - auch in Sendling steht eines

Von Linus Freymark

Da steht er vor einem, dieser Hüne aus Bronze. Lederschurz um die Hüfte, Muskelpakete an Armen und Bauch. In der linken Hand die bayerische Fahne, rechts der für Schmiede übliche Hammer. Nur der Morgenstern, mit dem er seinen Feinden die Schädel eingedroschen haben soll, fehlt. Einen Zentner soll die Eisenkeule schwer gewesen sein und trotz seines massigen Körpers dürfte es für den Schmied von Kochel während der Kämpfe so gut wie unmöglich gewesen sein, die mächtige Waffe mit einer Hand zu tragen. Denn während des Sendlinger Bauernaufstandes von 1705 soll er über 70 Jahre alt gewesen sein. Nicht nur wegen dieses Details herrscht unter Historikern heute weitgehend Konsens darüber, dass es den Schmied von Kochel, den unerschrockenen Anführer der Bauern, die sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts gegen die österreichischen Besatzer auflehnten, nie gegeben hat. "Der Schmied von Kochel ist ein Mythos", sagt etwa der Historiker und oberbayerische Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler. Dennoch hat ihm die Stadt München an der Lindwurmstraße ein Denkmal gesetzt: 1906 "fasste der Stadtmagistrat den Entschluss, dem sagenhaften Helden ein Denkmal zu setzen", so steht es in der Denkmaltopographie München-Südwest. Dem Bildhauer Karl Ebbinghaus wurde der Auftrag erteilt, dieBronzestatue anzufertigen, 1911 wurde sie eingeweiht.

Warum erinnert man an eine Person, die es so wohl nie gegeben hat? Bei der Sendlinger Mordweihnacht soll der Schmied von Kochel heroisch gekämpft haben und als Letzter gefallen sein - danach scheint er jahrzehntelang in Vergessenheit geraten zu sein. Erst nach der Erhebung Bayerns zum Königreich, als man auf der Suche nach einem Nationalhelden für den jungen Staat war, erinnerte man sich wieder an den Schmied. Der Bauernaufstand wurde als patriotische Tat glorifiziert, als Anführer verkörperte die Figur des Schmieds von Kochel jene Tugenden, die auch im jungen Bayern als erstrebenswert galten. In Zeiten von Industrialisierung und dynamischen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sei der Mythos vom heldenhaften Schmied "eine Bestätigung des Bayerntums" gewesen, so Historiker Göttler. Diese Wahrnehmung habe bis in die Anfänge des 20. Jahrhundert nachgewirkt und sei mit ausschlaggebend für die Errichtung des Denkmals gewesen.

Wie bei vielen zu sehr glorifizierten Volkshelden läuft auch die Figur des Schmieds von Kochel Gefahr, von Rechten für ihre Deutungen missbraucht zu werden. So hat etwa die Identitäre Bewegung Bayern einen Schmied-von-Kochel-Onlineshop eröffnet. Vielleicht könnte Aufklärung gegen einen solchen Missbrauch des Gedenkens helfen: Göttler etwa fordert eine Tafel am Denkmal, aus der klar hervorgeht, was hier tatsächlich dargestellt wird: ein Stück bayerische Geschichte - und eine Legende.

© SZ vom 04.08.2020

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