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Denkmäler:Ein Selfie mit Anita Augspurg

Amadea Pely und Lukas März sitzen vor dem Denkmal vom Prinzregenten Luitpold. Weil fast alle weiblichen Persönlichkeiten aus der Geschichte in München unsichtbar sind, starten sie nun eine Kunstaktion.

(Foto: Yoav Kedem)

Amadea Pely und Lukas März von der studentischen Initiative "denkFEmale" wollen digitale Frauendenkmäler in München zeigen. Ihre Motivation: weibliche Persönlichkeiten sichtbar machen. Ein Gespräch über Hürden, auf die Kunst im öffentlichen Raum trifft.

Interview von Katharina Horban

In München sind zu viele Frauen unsichtbar: Frauen, die viel erreicht haben in ihrem Leben, aber trotzdem auf den Plätzen dieser Stadt nicht gewürdigt werden. Das finden Studierende der Hochschule für Film und Fernsehen und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nur etwa fünf Prozent aller Statuen im öffentlichen Raum sind weiblich. Deshalb will die studentische Initiative "denkFEmale" digitale Frauendenkmäler in die Stadt bringen. Dafür entwickelt die Gruppe eine App, mit der man einen QR-Code auf dem Boden scannt. Dann erscheint die interaktive Statue in Augmented Reality vor einem.

Entstanden ist die Idee im Wintersemester im Kooperationsseminar "Entwicklung von Mediensystemen: Immersive Arts" beider Hochschulen. Die Gruppe aber arbeitete weiter und hat mittlerweile mit Frauenrechtlerin Anita Augspurg (1857 - 1943) einen Prototyp entwickelt. Lukas März, 27, und Amadea Pely, 25, sprechen über eine Idee, die inzwischen so viel mehr ist als das ursprüngliche Uni-Seminar - und über die Hürden, auf die Kunst im öffentlichen Raum in München trifft.

SZ: Das Münchner Stadtbild ist von Männern geprägt. Warum entwerft ihr dann nur digitale Frauendenkmäler, die eigentlich gar nicht da sind?

Lukas März: Die Statuen sind ganz bewusst nicht real da. Das genau ist ja das Problem. Wir geben Gesichtern eine Statue, die zu ihrer Zeit kein Denkmal bekommen haben - und auch deshalb unsichtbar geblieben sind. Wir haben uns zu Beginn des Projekts erst damit beschäftigt, welche unsichtbaren Dinge man durch digitale Technik sichtbar machen kann. Und dann kamen wir darauf, dass fast alle weiblichen Persönlichkeiten aus der Geschichte in München unsichtbar sind.

Amadea Pely: Man kann es so sehen, dass das Stadtbild mit unseren digitalen Frauendenkmälern der Idealzustand ist. Ein Statement ist unser Projekt auf jeden Fall.

Aber ein QR-Code am Boden ist ja nicht gerade der beste Weg für mehr Sichtbarkeit von Frauen in München.

Lukas März: Ein Kunstwerk soll ja auch eine Diskussion anstoßen. Bei uns geht es weniger darum, das Stadtbild sofort zu verändern - sondern darum, eine Diskussion anzustoßen, wie das Stadtbild verändert werden könnte. Das Münchner Stadtbild ist von einer Gesellschaft geprägt, die der heutigen Gesellschaft nicht mehr entspricht.

Mittlerweile seid ihr sogar in der Finalrunde für den Bayerischen Digitalpreis, der diesen Donnerstag zum ersten Mal überhaupt von Digitalministerin Judith Gerlach verliehen wird. Aber wie viel Anklang findet das Projekt bei den Verantwortlichen im Rathaus, deren Zustimmung ihr für die Umsetzung unbedingt braucht?

Lukas März: An sich kommt unser Projekt sehr gut an. Katrin Habenschaden zum Beispiel hat uns bereits angeboten, die Schirmpatenschaft des Projekts zu übernehmen. Und alle im Kulturreferat, denen wir das Projekt vorgestellt haben, sagen auch erst einmal toll. Aber uns fiel schnell auf, dass der Wille, das Stadtbild tatsächlich zu verändern, nicht groß ist in der Stadtpolitik. Und wenn es nur durch einen Aufdruck auf dem Boden ist. Sobald es um die QR-Codes im öffentlichen Raum geht, sind die Leute viel zurückhaltender: Das überhaupt durch den Stadtrat zu bekommen, sei sehr schwierig. Eigentlich gebe es dafür auch kein Geld. Und die Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum sei sowieso festgefahren. Ganz durchblickt haben wir das nicht.

Amadea Pely: Im Rathaus sind alle begeistert, aber bisher hat noch niemand die Initiative ergriffen, die volle Verantwortung zu übernehmen. Es wäre toll, wenn die QR-Codes dauerhaft bleiben und als Stein in den Boden eingelassen werden.

Mit euren Statuen soll der Betrachter auch interagieren können. Was bedeutet das?

Amadea Pely: Die Statue ist in Augmented Reality entwickelt. Das bedeutet, dass man die Figur so sieht, als wäre sie im Raum - und man kann um sie herumlaufen, sich ihr nähern und sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Außerdem haben wir Audio-Elemente eingebaut. Bei unserem Prototypen Anita Augspurg hört man dann Zitate aus ihrem Leben.

Lukas März: Um den Prototypen kann man herumgehen - und je nachdem, wo man steht, taucht ein anderes Zitat auf zum Lesen und Anhören. Was auch möglich wäre: Dass die Statuen sich bewegen, dem Blick des Betrachters folgen oder dass die Statuen oder Teilelemente davon verschwinden.

Also geht es euch um eine Verbindung zwischen Betrachter und Statue.

Amadea Pely: Genau, das ist ja auch das Tolle an der Augmented Reality Technologie, da man dadurch ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln kann. Alles sieht so real aus, und somit kann man sich sehr gut in die Person hineinversetzen.

Wie geht ihr kreativ an jede Statue heran?

Amadea Pely: Anita Augspurg haben wir ohne Sockel dargestellt. Das war uns wichtig, da es heutzutage moderner ist, Statuen ohne einen Sockel darzustellen - weil man die Person ja sonst künstlich hervorhebt. Wir möchten die Frauen auf dieselbe Ebene wie den Betrachter stellen.

Lukas März: Und in ihrer Hand hat sie ein Gesetzbuch, das sie in der Schweiz Jura studiert hat. Die Statue wirkt sehr selbstbewusst, sie hat die Hände nach oben gehoben.

Amadea Pely: Außerdem haben wir sie gegenüber vom Prinzregenten Luitpold gesetzt, dessen Denkmal auch vor dem Bayerischen Nationalmuseum steht. Denn als Anita Augspurg damals Jura studieren wollte, war er derjenige, unter dessen Gesetzgebung an der Universität noch keine Frauen zugelassen wurden. Erst 1903 erlaubte er Frauen per Erlass das Studium. Und Anita Augspurg hatte in unmittelbarer Nähe seiner Residenz ihr Atelier. So wollen wir den Konflikt zwischen den beiden Persönlichkeiten darstellen.

In eurem Promotionsvideo sieht man, wie detailarm Anita Augspurgs Statue ist. Anders als bei den historischen Statuen ist diese keine lebensechte Abbildung.

Lukas März: In Zusammenarbeit mit der Kunstakademie haben wir entschieden, Anita Augspurg in ihrer digitalen Form relativ roh zu lassen. Es ist eh die Frage, inwieweit man heutzutage noch Menschen zur Statue erheben sollte. Deshalb haben wir mit dieser Abstraktheit gespielt, Anita Augspurg roh und digital zu lassen - und so auch noch einmal zu zeigen, dass das etwas Temporäres und Digitales ist, was eben nicht in Stein gemeißelt ist. Denn sobald man das Handy wieder heruntergenommen hat, durch das man die Statue angeschaut hat, sieht man sie nicht mehr.

Und wann können sich die Münchner die App herunterladen?

Amadea Pely: Momentan warten wir auf die Bestätigung, dass wir bei "Sommer in der Stadt" teilnehmen können. In diesem Rahmen können wir temporär ein paar Statuen aufstellen. Wenn alles gut geht, werden wir also Anfang August ein paar digitale Statuen in München platzieren. Und vielleicht schaffen wir bis dahin noch die technische Umsetzung für die Funktion, dass man sich mit den digitalen Frauendenkmälern fotografieren kann. Sozusagen ein Selfie mit einer Statue, die eigentlich gar nicht da ist.

© SZ vom 07.06.2021/vewo
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