Proteste:Mal mit Masken, mal ohne

Proteste: Auf der Theresienwiese haben die Demo-Teilnehmer von ihren bereits lebenslang andauernden Ängsten und Gefühlen der Unfreiheit als "nicht weiße" Bürger der Stadt berichtet.

Auf der Theresienwiese haben die Demo-Teilnehmer von ihren bereits lebenslang andauernden Ängsten und Gefühlen der Unfreiheit als "nicht weiße" Bürger der Stadt berichtet.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Auf dem Königsplatz treffen sich 250 Gegner der Corona-Maßnahmen - deutlich weniger als von den Veranstaltern erwartet. Auf der Theresienwiese demonstrieren 500 Menschen gegen Rassismus.

Von Sabine Buchwald

Freiheit, Grundrechte, Selbstbestimmung", unter diesem Motto hätten sich am Samstagnachmittag 5000 Menschen auf dem Münchner Königsplatz zur Demo versammeln sollen. Diese Teilnehmerzahl hatten die Organisatoren der Initiative "Grundrechte-Demo" beim Kreisverwaltungsreferat (KVR) angemeldet. Gekommen waren laut Polizei jedoch nur um die 250 Leute. Sie hörten friedlich zu, hielten Schwedenfahnen hoch oder Plakate für "Mehr Demokratie". Die erste Aufregung nach dem Corona-Lockdown, der Drang, den Unmut über die Einschränkungen nach außen zu tragen, scheint sich gelegt zu haben.

Mit aufgemalten Farbpunkten als Abstandsmesser und vielen Metern Absperrband war den Demonstranten vorgegeben, wo sie sich aufzuhalten hatten. Die Polizei beobachtete das Geschehen, Beamte gingen über den locker bestückten Platz und kontrollierten hin und wieder Rucksäcke. Die Polizisten und einige Fotografen mit schweren Objektiven vor ihren Kameras waren die einzigen auf dem Platz mit Schutzmasken. Viele Demonstranten sehen den Stoff über Mund und Nase dagegen geradezu als Symbol der ungeliebten Corona-Maßnahmen, gegen die man hier mit Verweis auf das Grundgesetz aufbegehrt.

Proteste: Am Königsplatz trafen sich Gegner der Corona-Maßnahmen.

Am Königsplatz trafen sich Gegner der Corona-Maßnahmen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Als Redner geladen war unter anderem Christian Kreiß, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Aalen, der in der Vergangenheit mit Publikationen über die Verflechtung von großen Unternehmen und Wissenschaft hervorgetreten war. Er bezichtigte Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Ministerpräsident Markus Söder der Lüge: Corona sei eben keine "Gefahr für jeden von uns", wie Merkel gesagt habe, sondern nur für alte und bereits kranke Menschen. Die Bundesregierung wolle Angst schüren und betreibe eine bewusst falsche Informationspolitik. "Die Städte werden brennen, wenn wir nicht endlich diese idiotischen Corona-Maßnahmen beenden", prognostizierte Kreiß in einer Weise, die man auch als Aufruf zur Gewalt verstehen könnte.

Ein Bedrohungsszenario baute auch der Philosoph und Publizist Gunnar Kaiser auf. Man wolle den Menschen als freies und vernunftbegabtes Wesen abschaffen, sagte er und rief zu mehr Widerstand, vor allem auch der Intellektuellen, gegen die Repression und den "Imperativ der Technik" auf.

Proteste: Das N-Wort, egal ob auf Englisch oder Deutsch, sei eine zutiefst rassistische Beleidigung, sagt Mitorganisatorin Jenny Smith.

Das N-Wort, egal ob auf Englisch oder Deutsch, sei eine zutiefst rassistische Beleidigung, sagt Mitorganisatorin Jenny Smith.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Während auf dem Königsplatz die Angst vor der vermeintlichen "Abschaffung des demokratischen Rechtsstaates" angefacht wurde, berichteten Teilnehmer einer anderen Demonstration auf der Theresienwiese von ihren bereits lebenslang andauernden Ängsten und Gefühlen der Unfreiheit als "nicht weiße" Bürger der Stadt. Etwa 500 überwiegend junge Demonstranten hatten sich dort gegen Rassismus versammelt. Fast alle trugen Mundschutz und hielten ohne Bodenmarkierung voneinander Abstand. Mit der Unterstützung des Kreisjugendringes hatten kurzfristig mehrere Einzelpersonen etwa aus der Münchner Black-lives-matter-Szene und der Afrojugend München (AJM) die erste N-Wort-Stop-Demonstration in München organisiert.

Wie sehr sie vor allem als Kind unter dem N-Wort, der Bezeichnung "Negerin" gelitten habe, erzählte etwa die Vorsitzende des Bezirksausschuss 17, Carmen Dullinger-Oßwald. Weder "frei noch fly" fühlte sich der Rapper David Seinz in Rosenheim, wo er aufwuchs. Das N-Wort, egal ob auf Englisch oder Deutsch, sei eine zutiefst rassistische Beleidigung, sagte Mitorganisatorin Jenny Smith am Ende der Veranstaltung gegen 19 Uhr. Es werde Zeit, dass dies endlich in den Köpfen ankomme.

© SZ vom 29.06.2020
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