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Drei Todesfälle:Infektionsgefahr für Flüchtlinge

Demonstranten fordern Abkehr von Sammelunterkünften

Von Thomas Anlauf

Sie stehen mit Schutzmasken vor dem Eingang der Regierung von Oberbayern, als wäre sie per se ansteckend. Aber die Demonstranten, die sich am Freitag an der Maximilianstraße versammelt haben, wollen nicht sich, sondern vor allem Geflüchtete schützen. Denn Tausende von ihnen müssen in großen Unterkünften auf teilweise engem Raum leben - und das in Zeiten der Corona-Pandemie. "Ankerzentren abschaffen!", steht auf einem Transparent. Ein Mann hat ein handgeschriebenes Plakat dabei. "Es gibt keine Menschen 1. und 2. Klasse", hat er darauf geschrieben. Die Demonstranten, die ihren Protest gegen die sogenannten staatlichen Ankerzentren vor dem Regierungsgebäude und später in der Nähe des Bayerischen Landtags friedlich formulieren, wollen eine humane Behandlung von Asylsuchenden, nicht nur in Zeiten der Corona-Krise.

"Tausende Menschen werden bewusst dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt", sagt Jana Weidhaase vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Sie erinnert an drei Menschen, die in den vergangenen Wochen an den Folgen des Coronavirus in oberbayerischen Flüchtlingseinrichtungen gestorben sind, zwei davon in München. Die Konsequenzen aus den Todesfällen seien "viel zu lasch", sagt Weidhaase, die gemeinsam mit der politischen Gruppe "Karawane" und dem Münchner Flüchtlingsrat zu der Demo vor der Regierung von Oberbayern aufgerufen hatte.

In einer Petition fordern die Aktivisten unter anderem, dass Geflüchtete jederzeit aus zentralen Unterkünften, die meist mit Hunderten Menschen belegt sind, ausziehen und private Wohnungen beziehen dürfen. "Der Bayerischen Staatsregierung muss spätestens jetzt klar werden, dass eine zwangsweise Unterbringung in Massenlagern die Menschen auf Dauer nicht nur entrechtet, sondern sie psychisch und gerade jetzt auch nachweisbar physisch krank macht", heißt es in der Petition an den bayerischen Landtag.

Mittlerweile sind aber auch städtische Unterkünfte von der Corona-Krise betroffen, in denen es normalerweise eine intensivere Betreuung und bessere hygienische Vorkehrungen für die Bewohner gibt. So wurde am 19. April der erste Corona-Fall in der kommunalen Flüchtlingsunterkunft an der Elsenheimerstraße bekannt. Da sich die Krankheit in der Unterkunft ausbreitete und insgesamt 89 Corona-positive Personen, davon ein Beschäftigter, und 249 Kontaktpersonen registriert wurden, musste die gesamte Einrichtung bis 19. Mai unter Quarantäne gestellt werden. "Das war dort echt ein Problem", sagt Münchens Wohnungsamtsleiter Gerhard Mayer auf SZ-Anfrage. "Die Fälle waren über alle Stockwerke verteilt." Am vergangenen Mittwoch tagte wegen der Unterkünfte in München der städtische Krisenstab für außergewöhnliche Ereignisse. Das Gesundheitsamt will nach SZ-Informationen künftig in kommunalen Einrichtungen eine um 15 Prozent geringere Belegung, um das Infektionsrisiko für Bewohner zu reduzieren. Dafür soll es an anderen Orten in der Stadt mehr Quarantäneplätze für Geflüchtete und andere vulnerable Gruppen geben, die Kontakte zu Infizierten hatten. Dazu müssen aber wohl auch Pensionen angemietet werden.

Unterdessen teilte die Regierung von Oberbayern mit, dass nach zwei Todesfällen in staatlichen Unterkünften bei Einrichtungen, in denen für die gesamte Unterkunft Quarantäne angeordnet wurde, vorsorglich möglichst kleine Kohorten gebildet werden, um weitere Ansteckungsherde zu minimieren.

© SZ vom 23.05.2020
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