Wüsste man es nicht besser, was zu sehen ist, könnte es der Anmarsch von Fußballfans zu einem großen Spiel sein. So viele Menschen mit Fahnen, die allermeisten grün-weiß-rot gestreift, auf der Hackerbrücke, auf der Bayerstraße, auf der Theresienhöhe. Und alle streben sie der Theresienwiese zu. Natürlich ist es alles andere als ein Spiel, das an diesem Samstag dort stattfindet, ganz im Gegenteil. Es geht um Leben und Freiheit, um Diktatur versus Demokratie, es geht um Iran. 100 000 Teilnehmende haben die Organisatoren der Versammlung, die sich gegen das Mullah-Regime in Teheran richtet, angemeldet. Das erschien vielen als übertrieben. Es war untertrieben, denn am Ende kommen rund 250 000. Das schätzen nicht etwa die Veranstalter vom Verein The Munich Circle, das sagt die Polizei.
Am Rande der Theresienwiese haben zwei Kräne ihre Arme ausgefahren, zwischen ihnen hängt eine riesige iranische Flagge. Noch ehe das Programm auf der Bühne unterhalb der Bavaria beginnt, rufen sich die Menschen warm. Oft auf Persisch, der iranischen Landessprache, zwischendurch auf Englisch und Deutsch: „Weg, weg, weg, die Mullahs müssen weg!“ Und: „Nieder mit der Diktatur.“ Und: „Wir wollen keine islamische Republik!“ Was sie wollen, daran lassen sie keinen Zweifel: eine Regierung unter Reza Pahlavi. Er ist der älteste Sohn des gleichnamigen Schahs, der 1979 von den Mullahs gestürzt wurde. Der 65-jährige Pahlavi lebt im Exil in den USA und gilt sehr vielen Iranern als Hoffnungsträger. Er besucht die Münchner Sicherheitskonferenz, deshalb die Demo in dieser Stadt.
Wann hat München je eine solches Fahnenmeer gesehen? Es sei weltweit die wahrscheinlich größte Demo der iranischen Opposition seit der Machtübernahme durch die Mullahs 1979, sagt tags darauf am Telefon Farhid Habibi. Er ist Vorsitzender des Munich Circle, einem von Deutsch-Iranern gegründeter Verein, der sich für Menschenrechte in Iran einsetzt. Die meisten Demonstranten, sagt Habibi, seien aus dem Bundesgebiet angereist, darüber hinaus seien ihnen Gruppen aus halb Europa bekannt: aus Spanien, Italien, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark. Es dürften sogar knapp 300 000 gewesen sein, schätzt Habibi, die meisten von ihnen mit iranischen Wurzeln. „Wir sind überwältigt.“


Unzählige Menschen sind in Flaggen gehüllt und tragen Plakate mit Fotos von Pahlavi, mal wird er als Prinz, mal als König bezeichnet. „Pahlavi for Iran“, skandiert die Menge, „regime change in Iran!“ Alle gehen davon aus, dass Pahlavi später sprechen wird. Bloß wann? Es ist kalt, bald fängt es an zu regnen, Hunderttausende harren aus und jubeln immer wieder den Rednern zu.
„Heute ist München nicht nur eine Stadt“, sagt Ali Khosrow-Shahian, zweiter Vorsitzender von Munich Circle. „Heute ist München die Tribüne einer unterdrückten Nation.“ Das iranische Volk kämpfe „seit 47 Jahren gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Gefängnis, Folter, Hinrichtung und Massaker“. Die Menschen stünden auf der Theresienwiese im Namen der Bürger Irans, der Gefangenen, der Demonstranten, „deren Forderungen mit Kugeln beantwortet wurden“. Zu Jahresbeginn schlug die iranische Regierung Massenproteste mit Gewalt nieder, Tausende Menschen wurden getötet.
Khosrow-Shahian nennt sechs zentrale Forderungen an die internationale Gemeinschaft: „Zerschlagung der Repressionsmaschinerie“; Unterbindung der finanziellen Ressourcen des Regimes; freier Zugang zum Internet in Iran; Ausweisung der Diplomaten des Regimes und strafrechtliche Verfolgung der Täter; sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen; Bereitschaft zur Anerkennung einer legitimen Übergangsregierung für den Wandel Irans zur Demokratie.
„Stellen Sie sich an die Seite der schutzlosen iranischen Bevölkerung, nicht an die Seite der Unterdrücker“, appelliert Khosrow-Shahian an die Weltgemeinschaft. „Schweigen ist keine Neutralität, sondern Mittäterschaft.“ Es ist die Rede eines Mannes, der auf den Punkt kommt. „Die islamische Republik repräsentiert nicht das iranische Volk. Die iranische Nation ist eine Geisel. Der Wunsch nach Freiheit ist kein Verbrechen.“
Während die ersten Redner sprechen, strömen weiter Tausende auf die Theresienwiese. So wächst eine der größten Versammlungen in München seit Ende des Krieges. Die Iran-Demo ist Teil einer Reihe von Versammlungen in den vergangenen Jahren, zu der hunderttausend und mehr Menschen kamen. Da waren die Demos für Demokratie und gegen Rechts vor zwei Jahren, zuerst vor dem Siegestor, wenig später als „Lichtermeer“ auf der Theresienwiese. Da war, ebenfalls unter der Bavaria, kurz vor der Bundestagswahl 2025 die Versammlung für Demokratie mit – laut Polizei - 250 000 Menschen. Die Demo an diesem Samstag dürfte die größte in München sein, in der es um ein anderes Land geht.

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Mit jeder Minute wächst die Zahl der aufgespannten Schirme. Die Fahnen beginnen zu triefen, alle warten auf den Schah-Sohn, die Versammlung ist ganz auf seinen Auftritt ausgerichtet. Am Rande der Menge, wo das Gedränge nicht ganz so groß ist, sind Gespräche möglich. Die Personen, mit denen die SZ spricht, wollen ihre kompletten Namen nicht sagen, deshalb werden nur ihre Vornamen genannt.
Shole sagt, sie lebe seit fast 14 Jahren in Düsseldorf, sei Sozialarbeiterin. Um sechs Uhr morgens sei sie in München angekommen, gemeinsam mit ihrem Mann, ihrer Schwester und Verwandten. „Die, die unser Land regieren, sind Verbrecher, sie haben Kinder getötet. Wir möchten, dass unser Prinz Reza Pahlavi zurückkehrt.“ Shole erzählt, dass ihr Vater im Zuge der „Islamischen Revolution“ 1979 ins Gefängnis gekommen und gefoltert worden sei. Sie sei damals ein Kind gewesen. „Ich habe manchmal immer noch Albträume davon.“ Auch wenn sie Deutschland liebe, sagt Shole, sie hoffe, eines Tages nach Iran zurückkehren zu können: „Das ist mein Zuhause“. Diese Demonstration sei eine große Unterstützung für die Menschen in Iran. Sie bedankt sich auch bei Deutschland und der Polizei, dass sie stattfinden kann.
Shadi, auch sie Iranerin, hält ein laminiertes Plakat in der Hand, darauf das Foto einer Teenagerin: „Parnian Dabiri, 16 years old“, steht darauf. Sie sei eine der vielen, die auf der Straße erschossen wurden. Shadi erzählt, dass sie mit acht Freundinnen und Freunden für die Demo nach München gefahren sei. Mit ein paar von ihnen steht sie im Regen und wartet auf Pahlavi, die anderen der Gruppe habe sie auf dem Gelände verloren, weil der Handyempfang so schlecht ist.
Amir, Iraner aus Budapest, hat die historische Flagge Irans mit dem Symbol aus Löwe und Sonne umgebunden. Er sei mit mehr als 200 anderen in Bussen aus Budapest angereist, etwa zehn Stunden lang, am Samstagmorgen seien sie in München angekommen. Sie seien hier, sagt er, um die Menschen in Iran zu unterstützen und um der Welt zu zeigen, dass es eine Alternative für Iran gebe: „Die Alternative ist König Reza Pahlavi.“ Amir sagt, er wolle die Monarchie zurück.

Zurück zur Bühne. „Guten Tag, mein Name ist Michel Friedmann.“ So beginnt ein Auftritt, der auf eine neue Zeit nach den Mullahs hoffen lässt. Sie gelten als die gefährlichsten Gegner Israels und des Judentums. Der Publizist Friedmann ist Jude, und er wendet sich in Verbundenheit an die iranische Opposition. „Freiheit für die Menschen in Iran“, ruft er, gefolgt von einer rhetorischen Frage: „Wie kann man es wagen, eine Religion, den Islam, den Koran, zu missbrauchen, um in Wirklichkeit Verbrechen, Terrorismus und den Mord an der eigenen Bevölkerung durchzuführen?“ Die Mullahs seien „keine gläubigen Männer, das sind Mörder und Verbrecher“. Friedmann verlässt die Bühne, kehrt zurück, er will noch etwas ergänzen: Die Regime-Verantwortlichen sollen sich nach ihrem Sturz vor einem internationalen Gericht verantworten müssen.

Auf die Bühne kommen nacheinander Menschen aus diversen Ländern: ein Iraner, der die Proteste mit Augenverletzungen überlebt hat, ein deutsch-iranischer Journalist, Abgeordnete aus Italien, der Verteidigungsminister Belgiens, ein Mode-Modell, Künstler, und Lindsey Graham, republikanischer Senator aus den USA. Er trägt eine Kappe, darauf die Worte: „Make Iran Great Again“, eine Anspielung auf die Maga-Kampagne von Donald Trump. Alle drücken sie ihre Solidarität aus mit den Unterdrückten in Iran.
Dann, nach fast dreieinhalb Stunden des Wartens, tritt Reza Pahlavi ans Pult, vor dem jetzt eine schusssichere Scheibe steht. Rote Rosen werden in seine Richtung geworfen, neben ihm seine Frau Yasmine. Er wartet den Jubel ab, ehe er auf Persisch und zwischendurch auf Englisch spricht. Er bedankt sich für die Solidarität und sagt, er stehe zur Verfügung, um Iran im Übergang zur Demokratie zu führen. Das ist es, was die Menge in München wünscht.

Nach seiner Rede machen sich die ersten durchnässten Menschen auf den Heimweg. Alles an diesem Tag bleibt friedlich. Und dann erleben viele Beamte etwas, was auf spezielle Weise den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie ausdrückt. In Iran haben viele Menschen Angst vor Polizisten, in München bekommen sie Rosen überreicht. Manche werden auf Polizeiautos abgelegt: „Wir sind reich beschenkt worden“, wird Polizeisprecher Thomas Schelshorn tags darauf sagen, „Gänsehaut“ inklusive. Viele Menschen beklatschen die Beamten, legen Dankesbotschaften auf deren Autos und rufen: „Danke, Polizei!“
Anmerkung der Redaktion: Nach Berechnungen der SZ-Redaktion war die von der Polizei geschätzte Zahl der Protestierenden wahrscheinlich überhöht. Demnach lag die maximale Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohl eher bei 160 000 Menschen.

