Rock gegen rechts:"In diesen Zeiten muss man sich positionieren"

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Sänger Prince Damien Ritzinger. (Foto: Christian Pries/oh)

Schauspieler, Musiker, Künstler - Dutzende unterstützen den Song "Nicht mit uns" von Ron Williams. Hier erzählen vier Münchnerinnen und Münchner, warum sie für die Demokratie singen.

Protokolle von Sabine Buchwald

Prince Damien Ritzinger, 33, Sänger, Tänzer, Choreograf, ehemaliger DSDS-Sieger:

"Ich bin in den Neunzigerjahren in einem Dorf bei München groß geworden und hatte schon viel in meinem Leben mit Rassismus zu kämpfen. Geboren wurde ich zwar in Johannesburg in Südafrika, aber meinen ersten Geburtstag habe ich schon hier gefeiert. Meine Heimat ist Deutschland, ist Bayern. Ich werde sehr oft gefragt, woher ich komme, daran bin ich gewöhnt. Anders auszusehen, ist für mich normal. So richtig willkommen aber fühle ich mich dennoch nicht, auch wenn sich viel verbessert hat, seit meiner Kindheit und die meisten Leute offener sind. Rückschritte in frühere Zeiten dürfen nicht passieren! Deshalb habe ich auch nicht gezögert, bei dem Projekt mitzumachen. Der Song ist ganz roh produziert und die Message ist toll. Ich finde es richtig, dass wir laut werden, denn wir demokratisch denkenden Menschen müssen zeigen, dass wir die Mehrheit sind. Wir wollen ein vielfältiges, ein buntes Leben führen. Weil die Stimmen von rechts vehement lauter werden, müssen wir dagegen halten. Die Entwicklung macht mir etwas Angst, denn es ist zu spüren, dass die Stimmung im Land wieder gewalttätiger wird."

Sängerin Katja Ebstein. (Foto: Georg Wendt/dpa)

Katja Ebstein, 79, Chanson-Sängerin, mehrmalige Eurovision-Teilnehmerin und Aktivistin:

"Ich bin seit meinem zwölften Lebensjahr gegen rechts unterwegs. Wir hatten einen fantastischen Geschichtslehrer in der Schule, er und Alain Resnais' Film "Nacht und Nebel" über die deutschen Konzentrationslager und den Horror der Nazi-Zeit haben meine Sinne geschärft. Bis heute verstehe ich nicht, was Menschen anderen Menschen antun können. Ist es nicht ein Wahnsinn? Es sind ja historisch gesehen nur ein paar Jahrzehnte seit dem Holocaust vergangen, und schon hören wir von AfD-Politikern wieder menschenverachtende Sprüche. Ich kann nicht mit ansehen, wie die Politik es zulässt, dass sich die Rechten in unserem Land so stark etablieren.

Wir sind nicht in der Lage, eine gute Einwanderungspolitik zu machen. Mir graut auch, wenn 1000 Leute auf der Straße nach dem Kalifat rufen, das zu akzeptieren ist tolerant bis zur Blödheit. Ich bezeichne mich als multikulti, aber solche Entwicklungen gefährden unsere freie Gesellschaft.

Was in der Welt gerade passiert, lässt mich fast verzweifeln, aber das wäre gegen mein Lebensmotto. Ich kann ohne Hoffnung nicht leben, also mache ich lieber meinen Mund auf und versuche, aufzuklären, so gut ich kann. Sonst macht es für mich als Künstlerin keinen Sinn, auf die Bühne zu gehen. Aus dem Pop-Geschehen bin ich schon lange raus, trotzdem habe ich Ronnie sofort zugesagt.

Ich bin auch viel auf Demos unterwegs, das war ich schon früher und jetzt eben wieder. Mein Zorn aus meiner Jugend ist mir geblieben. Ich appelliere, wann immer ich kann: Leute, schaltet euren Menschenverstand ein! Es macht mich aber froh, dass viele junge Leute aufgewacht sind und sich engagieren. Wir müssen sie nach allen Regeln der Kunst unterstützen. Als Gesellschaft sind wir alle gefragt, Verantwortung zu übernehmen. Besonders heute, wir haben nichts Besseres als Demokratie."

Schauspielerin Anita Eichhorn. (Foto: Nadya Jakobs/oh)

Anita Eichhorn, Schauspielerin, seit 2021 in der Rolle der Apothekerin Tina Brenner in der BR-Serie "Dahoam is Dahoam" zu sehen:

"In diesen Zeiten muss man sich positionieren. Ich habe eine ganz klare Haltung für Demokratie, Toleranz und gegen Hetze. Die Anfrage, ob ich bei dem Song "Nicht mit uns" mitsingen möchte, kam über meinen Agenten. Er hat nicht versucht, mich davon abzubringen - im Gegenteil. Ich bin ja Schauspielerin und war noch nie vorher in einem Tonstudio, aber mir war sofort klar: Ich bin dabei und will es versuchen. Es war dann eine schöne Erfahrung, ich finde, dass sich unsere Stimmen sehr gut ergänzen.

Ich weiß, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen lieber zurückhalten, statt ihre Meinung zu vertreten, weil sie Angst vor Reaktionen haben. Sie befürchten, sich unbeliebt zu machen. Gerade uns Mädchen wurde lange genug eingebläut, lieber nichts zu sagen und bloß nicht anzuecken. Aber wenn man nichts sagt, dann verliert man irgendwann seine Stimme. Eine Stimme in der Gesellschaft zu haben, dafür haben Frauen jahrhundertelang gekämpft, das dürften wir uns nicht nehmen lassen. Es ist wichtiger denn je, aktiv zu werden."

Susanne Jell. (Foto: privat)

Susanne Jell, 66, Fotografin, hat viele der Unterstützerinnen und Unterstützer für das Projekt fotografiert:

"Auch wenn es in München noch relativ gemäßigt zugeht, denke ich: Die allgemeine Stimmung im Land ist schon gekippt. Unsere regierenden Politiker müssten viel klarer kommunizieren und besser zusammenhalten. Der Streit in der Koalition ist ein schlechtes Signal. Das schürt Unfrieden unter den Menschen und damit auch bei den Wählern. Von den Medien würde ich mir eine sehr viel kritischere Auseinandersetzung mit den unfassbaren Aussagen wünschen, die von den Rechten verbreitet werden. Man muss immer wieder klarmachen, welche Lügen sie von sich geben. Es kann nicht genug Stimmen gegen rechts geben und Leute, die sagen: ,Mit uns nicht'."

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Von Sabine Buchwald

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