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Demonstration in München:Den Radlern geht es zu langsam

Demonstranten auf dem Lastenrad: Zwischen 2000 und 4000 Menschen sollen für Umsetzung des Radentscheids durch München geradelt sein.

(Foto: Robert Haas)

Das Bündnis Radentscheid und mehr als 2000 Fahrradfahrer haben am Samstag Münchens Straßen gekapert, um für eine fahrradfreundlichere Stadt zu demonstrieren. In der Maximilianstraße reagieren ein paar Autofahrer ungehalten.

Von Franz Kotteder, München

Eine kleine Kundgebung vorher oder nachher hätte vielleicht nicht geschadet. Denn so wussten manche der nach Veranstalterangaben gut 4000 Radler (die Polizei kam auf 2000), die am Samstagnachmittag an der "großen Altstadt-Radlring-Demo" teilnahmen, gar nicht so richtig, worum es genau ging. Außer ums Radeln.

"Mit der Radl-Demo auf dem Altstadtring fordert das Bündnis Radentscheid München die unverzügliche Errichtung des Altstadt-Radlrings", heißt es im Aufruf zur Demonstration, "und die schnellere Umsetzung von Maßnahmen, die die Bedingungen für Radfahrende deutlich verbessern." Aus dem Streckenverlauf hätte man das nicht so leicht ablesen können. Denn der folgte nur am Anfang im Großen und Ganzen dem Altstadtring, schlug dann abrupt einige Haken: nach Osten ins Lehel, an der Isar entlang, hinunter zum Mittleren Ring, dann in Richtung Zentrum und über Stiglmaierplatz und Hackerbrücke bis zur Theresienwiese. Kurz und gut, die fast zwei Stunden und rund 16,5 Kilometer hätten auch zum "Taxilied" des Liedermachers Fredl Fesl gepasst: "Vorbei am Dom, in Richtung Riem, des kommt dir komisch vor, seit wann is' Nordbad denn in Giesing, links vom Isartor?"

Aber natürlich ging es den Initiatoren, die auch den mit 160 000 Unterschriften höchst erfolgreichen Radentscheid vor einem Jahr ins Leben gerufen hatten, um ein machtvolles Zeichen für die Verkehrswende in der Stadt. "Neben den temporären Pop-up-Bike-Lanes gibt es nur wenig erkennbare Neuerungen auf den Radwegen", so Sprecher Andreas Groh, "obwohl die Zahl der Radfahrenden coronabedingt um 20 Prozent gestiegen ist."

Corona war dann natürlich auch schuld an vielen Hindernissen, mit denen die Radl-Demo am Samstag zu kämpfen hatte. "Das Kreisverwaltungsreferat hat uns 2000 Teilnehmer genehmigt", sagte Katharina Horn vom Verein Green City. Vorgeschrieben natürlich auch: Mund- und Nasenschutz sowie ein Mindestabstand von eineinhalb Metern, was sich auf dem Rad immerhin gut umsetzen lässt. "Abstandshalter wie Poolnudeln können daher gern am Rad angebracht werden", hieß es im Demoaufruf. Das führte freilich zu lustigen Geräuschen auf der Strecke, wenn die Plastikschaumdinger dann eben doch in die Vorder- oder Hinterräder von Mitdemonstranten gerieten. Man fragt sich sowieso, wie man sich mit Poolnudeln auf den meisten Münchner Radwegen überhaupt fortbewegen kann: 1,50 Meter Abstand ist da ja auf den wenigsten Strecken drin.

Zehn Minuten nach dem geplanten Start um 15 Uhr gab die Polizei die Strecke frei, und zu den Klängen einer erstaunlich langen Cover-Version des Soulklassikers "Papa was a Rolling Stone" von den Temptations ging es die Brienner Straße und den Maximiliansplatz entlang. Mehrere Stadträte radelten mit: etwa eine Handvoll von den Grünen, dazu Andreas Schuster (SPD) und Sonja Haider (ÖDP), auch die grüne Landtagsabgeordnete Claudia Köhler. Den städtischen Referenten für Arbeit und Wirtschaft, Clemens Baumgärtner von der CSU, konnte man ebenfalls auf dem Rad antreffen - allerdings nicht als Demonstrant, sondern als normaler Verkehrsteilnehmer, der an der Zweibrückenstraße beim Isartor geduldig warten musste, bis alle Demoradler endlich vorbeigezogen waren.

Hupen auf der Maximilianstraße

Geduld war nicht überall die Stärke der Wartenden. An der Maximilianstraße reagierten die Autofahrer auf den Demonstrationszug mit einem lautstarken Hupkonzert, das wohl eher nicht als Solidaritätskundgebung gedacht war, sondern als natürliche Lebensäußerung jener Porsche- und Lamborghinifahrer, die sonst hier unterwegs sind. Man reagierte mit fröhlichem Winken und Fahrradgeklingel.

2000 Fahrradfahrer sollen sich an der Demo beteiligt haben. Dieses Bild zeigt sie auf der Landsberger Straße nahe der Hackerbrücke.

(Foto: Robert Haas)

So schlängelten sich Kinder- und Lastenfahrräder ebenso wie Fatbikes mit Pneus wie von Traktoren neben federleichten Rennmaschinen mit rasierklingenschmalen Reifen, aber auch ganz normale Herren- und Damenfahrräder recht entspannt den Parcours entlang, quer durch die Stadt bis zur Theresienwiese. Nur einmal, in der Lindwurmstraße, musste man einem Löschzug der Feuerwehr ausweichen - problemlos.

Auf der Theresienwiese sollte sich die Demo dann gegen 17 Uhr eigentlich programmgemäß sofort auflösen. So umstandslos war das nach zwei Stunden gemeinsamen Radfahrens allerdings nicht. Beschwerden der Polizei gab es jedoch keine.

Die Veranstalter waren mehr als zufrieden. "Dass trotz Corona so viele gekommen sind, ist wirklich mehr als erfreulich", sagte SPD-Stadtrat Schuster, "es ist auch ein deutliches Zeichen dafür, dass die Münchner die Verkehrswende und Verbesserungen für Radler wollen." Nicht viel anders äußerte sich die bayerische Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs ADFC, Bernadette Felsch: "Wir haben ein Zeichen dafür gesetzt, dass es uns noch zu langsam geht mit dem Ausbau der Infrastruktur für das Rad." In weiteren zwölf Monaten - dann ist der Radentscheid schon zwei Jahre her - wird dann wohl das nächste Zeichen gesetzt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war zu lesen, es sei nur ein Grünen-Stadtrat bei der Demo mitgefahren. Tatsächlich waren es mehrere, der Text wurde entsprechend korrigiert.

© SZ.de/che/kast
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