Zehn Jahre Krachparade:„Lärm ist das beste Mittel gegen diese absurden Wuchermieten und Immobilienhaie“

Lesezeit: 3 min

Lärm rauf, Miete runter: Am Samstag zieht wieder die "Krachparade" durch die Stadt - hier ein Foto aus dem vergangenen Jahr. (Foto: Robert Haas)

München muss lauter werden: Das fordert die „Krachparade“, die am Samstag durchs Zentrum führt. Organisator Thomas Suren erklärt, warum er gegen die Stilllegung der Stadt kämpft und was der Trubel mit dem Wohnen zu tun hat.

Interview von Christina Böltl

Mit voller Lautstärke will die „Krachparade“ durch die Stadt ziehen, um „Lärm rauf, Miete runter“ zu fordern. Der Demonstrationszug führt an diesem Samstag, 25. Mai, von 15 Uhr vom Odeonsplatz zur Theresienwiese. Mehr als 40 Kollektive beteiligen sich mit Wagen und Soundanlagen. Die Initiative begeht zugleich ihr zehnjähriges Bestehen. Thomas Suren, Organisator der ersten Stunde, erzählt, warum er gegen die Stilllegung der Stadt kämpft – und was das mit den Mieten zu tun hat.

SZ: Wie viele Leute erwarten Sie am Samstag?

Thomas Suren: Wir haben die Demo mit 10 000 Leuten angemeldet, aber das ist natürlich sehr schwer abschätzbar. Ich habe viele Mails von den Kollektiven bekommen, die am Samstag dabei sind. Auch Fragen, ob sie ihren Flammenwerfer mit aufs Dach packen oder einen zweiten Lkw für ihre Anlage hernehmen dürfen. Da steckt eine wahnsinnige Energie dahinter, und darauf freue ich mich am meisten.

Thomas Suren gehört seit zehn Jahren zum Organisationsteam. Unterhalb der Bavaria endet der Demonstrationszug. (Foto: Catherina Hess)

2014 wurde die Krachparade wegen des Baus von Luxuswohnungen an der Feilitzschstraße gegründet. Gegen die damit verbundene Schließung der Kult-Kneipe Schwabinger Sieben wurde vorher schon protestiert. Wie ist daraus „Mehr Lärm für München“ entstanden?

Die Geschichte in Schwabing war ein gutes Beispiel dafür, wie Luxussanierungen das Leben verdrängen. 2014 haben wir uns deswegen in der WG zusammengesetzt und festgestellt, dass das ein größeres Problem in ganz München ist. Da dachten wir, es wäre doch cool, wenn wir eine Kundgebung dazu machen. Wir haben gesehen, dass das wahrscheinlich ein Kampf gegen Windmühlen wird, gegen die Immobilienlobby. Also musste das etwas sein, das uns auch Spaß macht, damit wir dranbleiben.

Unsere größte Errungenschaft der letzten zehn Jahre ist, dass wir eine Lobby gegründet haben, die sagt: Es gibt natürlich das Bedürfnis nach Ruhe und Luxus und Ordnung, aber es gibt eben auch das Bedürfnis nach Lärm, nach Leben, nach sozialem Miteinander und nach Musik. Wir sind viele und wir sind laut. Nimm das, Immobilienlobby.

Wie sieht die Bewegung heute aus?

Seit 2020 wachsen wir im Grunde exponentiell. Wir haben jedes Jahr doppelt so viele Wagen und Menschen. Jetzt kann die politische Arbeit beginnen. Jetzt, wo wir so viele sind, hören uns die Leute zu. Dann können wir uns an einen Tisch setzen und über unsere Forderungen sprechen.

Haben sich die Ziele über die Jahre geändert?

Das Grundziel „Lärm rauf, Miete runter“ ist von Anfang an konstant geblieben. Wir sagen, Lärm ist das beste Mittel gegen diese absurden Wuchermieten und Immobilienhaie. Niemand bezahlt 20 000 Euro pro Quadratmeter für eine Wohnung, wenn unten buntes Treiben herrscht.

Meine Lieblingsforderung heute ist, dass wir eine Gleichberechtigung des Bedürfnisses nach Lärm und Leben wollen. Wir fordern als Ausgleich zu den zehn stillen Feiertagen im Jahr zehn laute Feiertage. An denen wollen wir ein Ruhestörungsbeschwerdeverbot, bei dem 24 Stunden lang jegliche Ruhestörungsbeschwerden untersagt sind.

Jegliche? Also egal, wie laut das wird?

Über die genaue Ausgestaltung kann man reden. Es geht erst mal darum, was es symbolisch aussagt. In München ist der Lärm vom Aussterben bedroht. Bald haben wir nur noch unsere hochpreisigen Wohnungen, und es reicht ein Knopfdruck am Telefon und jeder Lärm wird von Hundertschaften von Polizisten eingerannt. Da sagen wir: „Nein, Immobilienlobby, das machen wir nicht mit.“

Je lauter es also ist, desto niedriger die Miete?

Ja, da gibt es auch wissenschaftliche Studien dazu.

Muss man sich Schlaf und Ruhe dann auch leisten können?

Nein, wir erkennen das Bedürfnis nach Ruhe schon an. Das heißt, es kann schon gerne unzählige Viertel geben, in denen gewohnt wird, wo es Ruhe gibt. Wir wollen einfach nur Lärmschutzzonen, also bestimmte Gebiete, in denen der vom Aussterben bedrohte Lärm geschützt wird.

Die Stadt ist mit den „MUCs“, den Munich Urban Celebrations, schon teilweise darauf eingegangen.

Das ist ein Anfang. Aber das Grundbedürfnis wird immer noch nicht anerkannt. Alles, was laut ist, stört und muss weg aus dem versnobten, luxuriösen München. In einer Stadt ohne Lärm wollen wir nicht leben. Wir brauchen Lärmschutzzonen und die Aufhebung der Sperrstunde für Gastronomen in der Innenstadt. Wer sich dort Wohnungen leisten kann, kann sich auch Schallschutzfenster leisten.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusBoom privater Wohnheime
:Wenn die Studentenwohnung 2600 Euro Miete kostet

Das Geschäft mit privaten Wohnheimen boomt, weil immer mehr Studierende nach München ziehen. Die Vermieter profitieren gleich aus mehreren Gründen - Einblicke in eine Marktnische, über die wenig bekannt ist.

Von Justin Patchett, Louis Pienkowski und Julius Seibt

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: