Gemeinsam für Demokratie und gegen Rechtsextremismus einzustehen, das hat nicht nur vor fast einem Jahr mindestens 250 000 Demonstrierende auf die Theresienwiese gebracht, sondern auch am Samstag einige Menschen auf den Marienplatz gelockt. Zum fünften Mal hat Volt zur „Demo für Demokratie“ aufgerufen – es sollte bewusst keine Großdemo werden, sondern ein Format, bei dem die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch kommen. Erschienen waren dennoch mehr als geplant, die Verantwortlichen von Volt sprechen von zeitweise 1000 Menschen. Und das bei frostigen Temperaturen von minus 1 Grad. Angemeldet war die Demo für 150 Personen.
Kurz vor Beginn war ein solcher Zuspruch noch nicht abzusehen. Am meisten fielen die „Omas gegen Rechts“ auf, die dicht aneinander mit aufgespannten weißen Regenschirmen neben der Bühne standen. Neben dieser zivilgesellschaftlichen und parteiunabhängigen Initiative waren einige andere der Einladung von Volt gefolgt, etwa der Stadtbund Münchner Frauenverbände oder der Migrationsbeirat.
Ebenso hat Volt alle Parteien eingeladen, die aktuell im Rathaus vertreten sind, mit Ausnahme der AfD. Nicht nur gab es verschiedene Reden, sondern auch einen demokratischen Marktplatz, bei dem Vertreter von zehn Parteien und neun Initiativen mit den Münchnerinnen und Münchner diskutierten.
Wie wichtig das Miteinanderreden in diesen Zeiten ist, betonten dann auch gleich mehrere Redner auf der Bühne. „Wir sind keine politischen Gegner, sondern politische Mitbewerber, die um die besten Ideen ringen“, sagte Volt-Stadtrat Felix Sproll. Er sprach über das Image des Wortes Kompromiss, das ihm zufolge mehr Beliebtheit bedarf. Ein Kompromiss sei kein Einknicken, keine Abkehr der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Sondern ein notwendiger demokratischer Prozess, mit dem Ziel, dass sich mehr Menschen dahinter vereinen können. „Wir dürfen uns nicht spalten lassen“, sagte er, „weder in dieser Stadt noch auf diesem Kontinent.“
Das Vereinigende untereinander hervorheben, davon sprach auch Armin Gastl (CSU). Er appellierte für eine Toleranzbreite: „Nur weil jemand anderer Meinung ist, ist er nicht automatisch der Bösewicht.“
Als Lena Odell mit dicker Mütze in SPD-Rot um kurz nach 15 Uhr auf die Bühne trat, war der Bereich vor der Bühne auf dem Marienplatz voll. Einige waren mit Transparenten und Schildern gekommen, „Republik Europa“ stand auf einem, ein Pappschild mit „this girl is on fire“ und dahinter das Wort „Brandmauer“ trug eine Frau um den Hals. Weiter vorn überragte ein Plakat die Köpfe der Menge, das ein sofortiges AfD-Verbot forderte.

„Die Brandmauer muss stehen bleiben“, sagte Odell und bekam dafür den wohl lautesten Applaus der Veranstaltung. Es sei kein Zufall, dass auf der ganzen Welt antidemokratische Bestrebungen stärker werden. „Die spielen sich gegenseitig die Bälle zu, nutzen dieselben Erzählungen, dieselben Muster“, rief Odell ins Mikrofon, um gegen das Glockengeläut des Alten Peters anzukommen.
Sie nutzte die Gelegenheit, vor so vielen Menschen zu stehen, die ihrer Rede aufmerksam folgten, und warb dafür, gegen das AfD-Bürgerbüro in Perlach zu demonstrieren – beim Wort Bürgerbüro zeichnete Odell Anführungszeichen in die Luft.
Nach gut einer Stunde und damit der Hälfte der Veranstaltung leerte sich der Marienplatz allmählich. Wahrscheinlich, dass es nicht an den Redebeiträgen lag, sondern an den Minusgraden. Dennoch war der Jubel laut, als Bernd Müller (Rosa Liste) sagte, dass queere Menschen ein Gradmesser für die Demokratie seien. „Demokratie ist ein Versprechen, dass alle Menschen gleich viel wert sind“, sagte er. „Wo Vielfalt gelebt wird, ist Demokratie echt.“
Es waren zwei, drei Dutzend, die bis zum Schluss ausharrten, zum Beispiel die 27-jährige Janina. Sie hatte sich gezielt von Mühldorf auf den Weg zur Demo gemacht, ihr sei es wichtig, vor allem die kleineren Veranstaltungen zu unterstützen, wo es mehr auffalle, ob fünf Leute mehr oder weniger teilnehmen. Dass nur wenige Menschen bis zum Ende geblieben sind, bedrückte Ariane Großjean, 53, und Günter Lutz, 60. „Ich hoffe nicht, dass das Desinteresse ist“, sagte Lutz. „Solche Veranstaltungen sind wichtig für die Demokratie, gerade jetzt, wo alles den Bach runtergeht“, sagte Grünen-Mitglied Großjean.
Sebastian Weisenburger (Grüne) brachte in seiner Rede den Teilnehmenden einen Gedanken näher, der diesem Eindruck womöglich entgegenwirken kann. „Wir müssen ja diejenigen erwischen, die noch nicht überzeugt sind“, sagte er mit Blick auf die bevorstehende Kommunalwahl am 8. März. Wenn jede Person, die an diesem Nachmittag auf den Marienplatz gekommen war, eine Person aus ihrem Umfeld überzeugt, doch zur Wahl zu gehen und eine demokratische Partei zu wählen, dann sei schon viel geschafft.

