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Zenith:Deichkind-Konzerte sind Punkballett, Polit-Performance und Proll-Disco

Die Hamburger Band Deichkind startet ihre neue Tour in Kiel.

Sie sind der Rausch für Jung und Alt, das LSD ohne größere Risiken: Die Deichkinder bei ihrem Tour-Auftakt in Kiel.

(Foto: dpa)

Im restlos ausverkauften Zenith wird all das aufs Unterhaltsamste deutlich. Das Hamburger Kreativ-Kollektiv bleibt auch nach mehr als 23 Jahren Bandgeschichte aufregend. 

Falls es sich noch nicht herumgesprochen haben sollte: Deichkind-Konzerte sind keine Konzerte. Deichkind-Konzerte sind Punkballett, Modenschau und Videokunst, sie sind Tanzparty, Faschingssause und Bierfest, sie sind Hip-Hop-Retro, Aerobic-Trash und Parolenkaraoke, sie sind Polit-Performance, Gehirnwäsche und Proll-Disco. Sie sind der Rausch für Jung und Alt, das LSD ohne größere Risiken. Katerstimmung erst am Morgen.

Bei der jüngsten Ausgabe der Deichkind-Festspiele im restlos ausverkauften Zenith wird all das aufs Unterhaltsamste deutlich. Und noch mehr: Das Hamburger Kreativ-Kollektiv bleibt aufregend, nach mehr als 23 Jahren Bandgeschichte und so einigen Dellen der Wiederholung.

Der popkulturelle Wahnsinn zum sehr gelobten aktuellen Album "Wer sagt denn das?" beginnt mit dem nackten Lars Eidinger und endet mehr als zwei Stunden später mit der verpflichtenden Schlauchboottour über Hände und Köpfe der ausgerasteten Fans hinweg. Um das noch zu präzisieren: Eidinger, der neue Lieblingsschauspieler vieler und so etwas wie das Maskottchen der Band, fungiert im Eröffnungsvideo auf Großleinwand als Ganzkörperpinsel. Für die Kunst macht er blau, für die Kunst zieht er blank. Das Finale mit Boot wird selbstverständlich von der Party-Hymne "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)" untermalt, einer der erfolgreichsten Deichkind-Nummern überhaupt.

Das Dazwischen lässt sich nur schwer in Worte fassen. Zu überbordend und detailfreudig haben die Wortführer Philipp Grütering und Sebastian - Porky - Dürre, der Münchner Tour-Mitrapper Roger Rekless sowie der DJ-Mastermind Henning Besser die Show konzipiert. Eine Live-Band gibt es nicht, zur akustisch, für Zenith-Verhältnisse erstaunlich gut ausbalancierten Elektro-Musik agieren die Protagonisten in Begleitung von Tänzern.

Da stolzieren sieben Deichkinder, komplett in Weiß bis hin zu Gesichtsmaske und Handschuhen, wie Laufsteg-Models zum Stampfbeat von "Party 2", tragen sich bei "Cliffhänger" auf Händen und erheben sich als Silberhaufen bei "Ich bin ein Geist". Mal haben sie die längst kultivierten LED-Pyramiden auf den Köpfen ("Arbeit nervt"), mal lassen sie eine Horde Frauen auf Trampolinen zum einpeitschenden Rhythmus von "Oma gib Handtasche" synchronspringen. Ebenfalls im Programm des gepflegten Krawalls: eigenartige Sockenmonster, die zu "Gewinne Gewinne" auf der Bühne herumwirbeln, als wären sie Bestandteil einer Waschstraße für Fetischisten, ein Laufbandfahrrad, das nebenbei seine Kreise zieht, überdimensionierte Schädel, die zu "Voodoo" rot leuchten sowie T-Shirt- und Luftschlangen-Kanonen unter großem Druck. Bei "Roll das Fass rein", nun ja, da rollt das Fass rein: In einem kunterbunten Rundvehikel fahren die Deichkinder durch die Menge, dabei schwenken sie eine Fahne mit der Aufschrift "Kein Bier für Nazis".

Die Song-Auswahl gleicht einer Zeitreise durch die lebhafte Bandgeschichte, von alten Hip-Hop-Nummern wie "Bon Voyage" und "Limit" über mitteljunge Hits wie "Bück dich hoch" und "Leider geil" bis zu den jüngsten Streichen wie "Richtig gutes Zeug" und "Knallbonbon".

Über den phänomenalen Wandel von der Rap-Gang, die 2002 im Atomic Café ihr Publikum zu "Fight The Power!"-Rufen motiviert hat, über Elektro-Spaß-Punk hin zur Avantgarde-Pop-Macht ist schon viel geschrieben worden. Beim Live-Gastspiel offenbart sich jenes Kunststück, von Kindern über Partyfreunde bis hin zu Musik-Nerds und Intellektuellen diverse Gruppen und Schichten zu erreichen, unmittelbar im Publikum. Das ist so gemischt wie die Besucher im Wiesnzelt. Die Verehrung ist groß, die Lust, sich zu verkleiden, ebenso. Die Sinnsuche im Nutzlosen, nirgendwo anders läuft sie so auf Hochtouren wie hier.

Auf ihrer Facebook-Seite haben Deichkind den Auftritt mit nur einem Satz zusammengefasst: "In München stand ein Hofbräuhaus." Eskalation, Bier und feiner Humor. Auch das sind Deichkind-Konzerte.

© sz.de/kbl
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