bedeckt München

München:Das Wirtschaftswunderland aus der Luft

Ein Eisenbahnfan hat einen Bildband über das München der Nachkriegszeit herausgegeben - und war überrascht, wie viele Spuren aus der NS-Zeit noch in den Fotos zu finden waren.

Von Martina Scherf

5 Bilder

-

Quelle: GeraMond-Verlag/oh

1 / 5

Es war eine Zeit, heute kaum noch vorstellbar, als in der ganzen Republik Dampfloks fuhren. Eisenbahnfans geht das Herz auf, wenn sie sich solche Geschichten erzählen: Wie schon von Weitem die weiße Wolke zu sehen war, wie die Lok mit schrillem Pfeifen ihr Kommen ankündigte, wie die Eisenräder auf den Gleisen quietschten. In der Nachkriegszeit war die Bahn das wichtigste Transportmittel für Menschen und Güter, der Bahnhof war der zentrale Treffpunkt der Stadt und das Tor zur Welt. Wer die Oma in Augsburg oder die Tante in Hamburg besuchen wollte, nahm den Zug. Aber wer jetzt schwärmerisch anfängt, von guten alten Zeiten zu reden, der täuscht sich, sagt Andreas Knipping: "Die Rußwolken über den Wohnvierteln und die wilden Müllkippen aus dieser Zeit will heute bestimmt niemand mehr haben." Der Münchner Richter und Eisenbahnliebhaber hat mit Luftbildern aus einer privaten Sammlung einen Bildband bestückt: "Eisenbahn von oben im Wirtschaftswunderland" (GeraMond-Verlag).

München, April 1964: in der Bildmitte die Donnersberger Brücke. Westlich davon zweigt ein Schienenstrang in großer Kurve nach Süden ab. Unterhalb, zwischen Westend- und Garmischer Straße, steht heute das ADAC-Hochhaus.

-

Quelle: GeraMond-Verlag/oh

2 / 5

Aus der Vogelperspektive betrachtet, wirken die früheren Landschaften wie Teile einer Spielzeug-Eisenbahn. München 1963: riesige freie Flächen. Gauting 1964: ein kleines Dorf. Der Bahnhof Köln-Deutz 1955: Die Hohenzollernbrücke, die die Wehrmacht kurz vor Kriegsende gesprengt hatte, ist gerade erst wieder aufgebaut, ein Güterzug dampft vom anderen Rheinufer herüber.

Dann kam der Aufschwung. "In der Nachkriegszeit dachte man: Wir haben den Krieg und den Hunger überlebt, jetzt geht es aufwärts. Also wurden Autobahnen durchs Land gepflügt und Fabrikhallen aus dem Boden gestampft - hätte da einer von Umweltschutz geredet, wäre er für verrückt erklärt worden, oder man hätte ihn für einen Ost-Spion gehalten", sagt Knipping, 64, der im Gemeinderat seines Wohnortes Eichenau, Landkreis Fürstenfeldbruck, für Verkehrsthemen zuständig ist. So wuchern heute Gewerbegebiete, wo in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren Wälder und unberührte Wiesen lagen. Aber er wohne ja selbst in einem Reihenhaus außerhalb der Stadt, sagt der Münchner, "in einer Landschaft, die vor 100 Jahren noch ein unberührtes Moorgebiet war - da darf ich mich nicht beschweren".

Gauting 1963: ein beschaulicher Vorort; noch fuhr keine S-Bahn.

-

Quelle: GeraMond-Verlag/oh

3 / 5

Die Suche nach Loks, Wagen und Stellwerken in den Aufnahmen gleicht der Suche nach Details in einem Wimmelbild. Knipping, Autor vieler Eisenbahn-Bücher, entdeckt aber noch viel mehr in den Fotos und sieht die Entwicklung durchaus ambivalent: "Auf vielen Bildern sieht man noch Baracken der Zwangsarbeiter aus dem Krieg und mancherorts Bombenkrater. Und ich erinnere mich selbst noch daran, dass es zwischen Ruinen und von der Natur zurückeroberten Gleisanlagen herrliche Abenteuerspielplätze gab."

Knipping ist Richter am Sozialgericht München. Von seinem Dienstzimmer in Neuhausen, zwischen Donnersberger und Friedenheimer Brücke, blickt er auf die Gleise und das Bahnbetriebswerk München-West. Eisenbahnen sind die große Leidenschaft des geborenen Münchners, schon seit Kindertagen. "Es war das quietschende Geräusch der Trambahn, das sich mir schon ganz früh eingegraben hat."

Schongau 1954: mit der Papierfabrik Haindl.

-

Quelle: GeraMond-Verlag/oh

4 / 5

Die Familie wohnte bis 1961 an der Kaiserstraße in Schwabing. "Jenseits der Mauer unseres Hofes befand sich eine uralte, noch aus der Pferdebahnzeit stammende Tram-Werkstätte", sagt er. Die Linie 22 kam von der Hohenzollernstraße, bog in die Wilhelmstraße ab zur Kaiserstraße. Im Alter von vier Jahren fuhr der Bub das erste Mal in einer Dampflok zur Großmutter "in die Ostzone" nach Brandenburg. "Da war es um mich geschehen - die Faszination für die Dampflok bleibt ein Leben lang", gibt der Richter zu.

Mindestens 40 Bücher und Buchbeiträge hat Knipping schon zum Thema verfasst. Die Recherchen sind für ihn auch Anlass, in die Sozialgeschichte einzutauchen. Er studiert die Fotos ganz genau, sucht nicht nur Lok-Typen und Gleiswerke, sondern auch Wohn- und Arbeitsformen.

-

Quelle: GeraMond-Verlag/oh

5 / 5

Die gut 180 Luftbilder des vorliegenden Bandes stammen zum Großteil von dem Kölner Sammler Norbert Bartel, zum kleineren Teil vom Bayerischen Landesvermessungsamt. Sie sind nicht mit dem Fokus auf die Bahn entstanden, sagt Knipping, vielmehr wollten Bürgermeister und Unternehmer die Entwicklung im Wirtschaftswunderland dokumentieren.

Bei der Arbeit zu dem Buch war er überrascht, sagt der Autor, wie viele Spuren aus der NS-Zeit noch in den Bildern zu finden waren. "Das wäre ein interessantes Stück Bau- und Sozialgeschichte, wie die Baracken des Reichsarbeitsdienstes nach 1945 den Flüchtlingen und Vertriebenen dienten, bevor dann später noch die Gastarbeiter einquartiert wurden."

Ein Foto zeigt das Zentrum von München, im April 1964: Nördlich der Donnersberger Brücke, dort, wo heute Knippings Arbeitsplatz liegt, klaffen noch große Trümmergrundstücke.

© SZ vom 17.08.2016/vewo
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema