München Das Business-Kostüm bleibt im Schrank

Die Ingenieurin Yu Du hat Dampfmaschinen optimiert, dann für McKinsey Unternehmen beraten. Nun macht sie in ihrer Galerie Besucher mit chinesischem Porzellan, der Teezeremonie und Mah-Jongg bekannt

Von Renate Winkler-Schlang

Du bist aber mutig: Diesen Satz hört die 34-jährige Yu Du immer wieder, wenn sie von den abrupten Wechseln in ihrem Lebenslauf erzählt. Für die promovierte Maschinenbauingenieurin hatte es allerdings gar nichts mit Mut zu tun, als sie 2013 das Forschungszentrum von General Electric in Garching verließ, um bei der renommierten Unternehmensberatung McKinsey anzuheuern, ebenso wenig, als sie im vergangenen Jahr ihr Business-Kostüm an den Nagel hängte und den gut dotierten, spannenden Berater-Job eintauschte gegen ihre eigene Porzellan-Galerie an der Max-Bill-Straße 3 in Freimann. Für die fröhliche Chinesin waren beides logische, konsequente Schritte zu ihrem Ziel, so viel wie möglich an Erfahrungen in dieses eine Leben zu packen, immer wieder Neues auszuprobieren. Geld? Brauche sie nicht viel, solange sie nicht Hunger leide, sei doch alles gut, sagt sie gut gelaunt im Korbstuhl im Galerie-Café sitzend und am Cappuccino nippend.

Yu Du in ihrer Galerie.

(Foto: Robert Haas)

Draußen rattern die Presslufthämmer, das Viertel wird gerade aufgebaut. Drinnen strahlt Yu Du, lässig in Jeans und Shirt, große Ruhe aus und hat offenbar alle Zeit der Welt, um ihre neue Leidenschaft, ihre Liebe zum feinen chinesischen Porzellan, zu erklären. "Es sind immer drei Dinge, die etwas charakterisieren." Sie lacht. Das habe sie bei McKinsey gelernt. Im Fall ihres hauchdünnen, wertvollen Porzellans sei es das Material, die Glasur und die Form. Behutsam nimmt sie eine zarte Schale aus dem Regal. Sie sei unglasiert - dass sie anders wirke, liege an diesem ganz besonderen hellen Ton, dem Blanc de Chine, einer speziellen fast weißen Erde, die es nur an einem Ort auf der Welt gebe. Eine andere, dunkel glasierte, mit sehr hoher Temperatur gebrannte Teeschale dreht sie, sodass die helleren Stellen der Glasur beeindruckend im Licht funkeln: "Solche Effekte erzielen, das können nur die ganz großen Meister." Ihre tiefe, echte Begeisterung steckt an. Sie weiß Geschichten zu erzählen von alten Dynastien, von Kaisern und ihren Vorlieben für naive, kindliche Motive, von wertvollen Einzelstücken oder von Künstlern, die ihr Pinselgefühl ein Leben lang geschult haben.

Wertvolles Porzellan in verschiedenen Fromen und Glasuren gibt es in Dus Galerie.

(Foto: Robert Haas)

Mit diesem neuen Metier schafft Yu Du für sich die Verbindung zum Land ihrer Eltern, das sie vor elf Jahren verlassen hat, um ihrem späteren Mann zu folgen, der in Darmstadt einen Studienplatz bekommen hatte. Großen Spaß macht ihr derzeit, eine solche Verbindung zu China auch bei den Teilnehmern ihrer Workshops herzustellen. In leicht verdaulichen Crash-Kursen erklärt sie chinesisches Porzellan mit Beispielen aus jeder Dynastie, bringt es in Zusammenhang mit Geschichte, politischem Hintergrund. In anderen Kursen erläutert sie kurzweilig die Grundlagen der komplexen chinesischen Sprache und ihrer Zeichen, die Teezeremonie oder das Spiel Mah-Jongg, das sie von ihrer Oma lernte. Wer ihre Kurse bucht, kann am Ende chinesisch grüßen, weiß, wie man chinesische Zeichen mit normaler Tastatur tippen kann, oder hat kein Problem damit, weißen, grünen, gelben, blauen, roten oder schwarzen Tee zu unterscheiden. Das macht neugierig auf mehr.

"Ich habe doch nur ein Leben" - und daraus will Yu Du das Beste machen, etwa sich und andere für chinesisches Porzellan begeistern.

(Foto: Robert Haas)

Überstunden gehören zu ihrem neuen Leben, sie arbeite nun "selbst und ständig", sie lacht. Aber sie habe ja auch so viele Pläne, will gute deutsche Produkte nach China exportieren, im Moment eine hochwertige kleine Kaffeemühle, die sich in der Café-Ecke ihrer Galerie täglich aufs Neue bewährt, künftig sind es vielleicht auch Kosmetikprodukte. Den Markt ausloten, Strategien entwickeln, das hat sie ja gelernt bei McKinsey. Im Moment, sagt sie, fühle es sich an, als sei sie angekommen, jedenfalls halte sie gerade nicht Ausschau nach einer neuen Herausforderung.

Die Teezeremonie ist ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Kultur und darf daher auch in der Galerie nicht fehlen.

(Foto: Robert Haas)

Das war anders, als sie nach der Doktorarbeit an der TU Darmstadt, die sie dank eines Stipendiums der Deutschen Forschungsgesellschaft in Zusammenarbeit mit Rolls-Royce machen konnte, bei General Electric in Garching arbeitete. Natürlich hatte es ihr anfangs gefallen, etwa Teile einer Steam Engine, einer Dampfmaschine, zu optimieren. "Es waren sehr schöne und abwechslungsreiche drei Jahre." Doch vorauszusehen, dass sie in 30, 40 Jahren in ähnlicher Weise ein Projekt nach dem anderen abarbeiten würde - "das hat mich total erschreckt."

Yu Du als Unternehmensberaterin.

(Foto: Privat)

"Ich habe nur ein Leben." Das ist ein wichtiger Satz für Yu Du. "Mein Potenzial maximieren. Sehen, was ich schaffe", das war ihr Antrieb beim Wechsel zur Unternehmensberatung. Sie hat sich gefreut, dass sie nun ganz neue Dinge lernen konnte. In ganz Europa war sie unterwegs, beriet vor allem Firmen in der Chemiebranche. Sie haben gespart dank ihr oder Abläufe optimiert. Doch dann hat sie gekündigt. "Es war die beste Schule der Welt. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, hat es mir nicht mehr gefallen am Ende. Weil ich was Sinnvolles machen wollte", erklärt sie ohne Pathos. "Für Menschen. Für die Gesellschaft." Sie sei ein sehr rationaler, strukturierter Mensch, sagt Yu Du. Ihr Kriterium sei gewesen: "Ist das meine Zeit wert? Was würde ich tun, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte: Gehen oder bleiben?" Das klinge zwar ein wenig klischeehaft, aber bei ihr habe dieser "Entscheidungstrick" funktioniert. Und im Grunde wollte sie schon immer ihr eigener Chef sein. Als sie zum letzten Mal aus der Firma ging, sei sie erleichtert gewesen: "Ich habe es keine Millisekunde bereut."

Zielstrebig

1984 wird Yu Du in Tianjin, der sechstgrößten Stadt Chinas und ein bedeutender Außenhandelshafen, 120 Kilometer südlich von Peking, geboren, als Du Yu, denn in China wird der Vorname hinter den Nachnamen gestellt. Kuckucksvogel bedeutet ihr Vorname, den sie sehr mag.

Sie ist Einzelkind. Und gut in Mathematik, was die Wahl des Studienfachs beeinflusst. In Peking studiert sie Maschinenbau, lernt ihren späteren Mann kennen. 2007 wechselt sie an die Technische Universität Darmstadt, denn er ist bereits seit einem Jahr in Deutschland. In nur zwei Semestern lernt sie Deutsch und promoviert dann auf Englisch über "Numerical simulation of mechanical and thermal fluid-stucture interaction in labyrinth seals".

Im Jahr 2010, sie ist 26 Jahre, tritt sie ihre erste Stelle an, sie arbeitet im Forschungszentrum von General Electric in Garching. Drei Jahre später wechselt sie zur Unternehmensberatung McKinsey nach München. Seit 2017 widmet sie sich ihrer Porzellan-Galerie "fulu Art" und gibt Kurse rund um chinesisches Porzellan und seine Geschichte. re

Die Idee für ihr neues Leben, die sei ihr daheim beim Joggen in Waldperlach gekommen, erzählt sie. Zur Völkerverständigung beizutragen, das habe sie gereizt, gerade in dieser immer fremdenfeindlicheren Zeit. Und das Image Chinas hier aufzupolieren. Denn bisher denke man in Deutschland bei "Made in China" doch eher an billigen Plastikramsch. Sie habe aber als Kind daheim schon immer Auktionskataloge durchgeblättert wie andere Kinder Märchenbücher, denn ihr Opa habe einige wertvolle Stücke zu verkaufen gehabt, die der Familie während der Kulturrevolution weggenommen worden waren und die er später teilweise wieder zurückbekommen hat. Die Kataloge waren eine Art Hobby von ihr, vor allem die mit Porzellan: "Ich liebe das wirklich."

So hat sich für Yu Du ein Kreis geschlossen. Ihr Mann Yanpeng Zhao, den sie an der Universität in Peking kennengelernt hat, Physiker, der inzwischen in der Tourismusbranche arbeitet, unterstützt sie. Sollte bald ein Kind kommen, dann werde sich das Leben sicher erneut ändern, vielleicht werde sie einfach kürzertreten, sich einen Partner für ihre kleine Firma suchen. "Sehr viel ist ja reiner Zufall. Man darf auch die Bedeutung des Zufalls nicht unterschätzen."

Nächste Folge: erst Dekorateurin, dann Entwicklungshelferin, Hebamme, Volleyballtrainerin und schließlich Kamerafrau