Dance FestivalMartialisches Tanzduell bei Nacht

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François Chaignaud (rechts) wurde als „wahres Präsenzwunder“ angekündigt. Beim Tanz mit Maschine und Motorradfahrer war das nicht zu viel versprochen.
François Chaignaud (rechts) wurde als „wahres Präsenzwunder“ angekündigt. Beim Tanz mit Maschine und Motorradfahrer war das nicht zu viel versprochen. Albert Vidal Vertex Comunicacio

Zudringliches Begehren und cooler Grusel: Beim Dance Festival verbindet die französische Produktion „Radio Vinci Park“ Tanz und Motorrad. Es ist wie eine Vorschau auf den Moment, in dem Menschen Maschinen lieben können.

Kritik von Sabine Leucht

Ein Ort wie aus einem Traum, in dem man sich noch orientieren muss: Lugt gleich der Horror um die nächste Ecke oder werden langgehegte Wünsche wahr? Groß, leer und dunkel ist das Utopia, die ehemalige Reithalle, wo der zweite Tag des Münchner Dance-Festivals mit einer Late Night Show endet. Spät muss es sein, damit die Dunkelheit komplett ist, aber wohl auch, weil „Radio Vinci Park“ sonst in Parkhäusern gezeigt wird, in denen nachts weniger Autos stehen.

In Frankreich werden die offenbar von der titelgebenden Vinci-Gruppe, die sonst Autobahnen betreibt, mit leiser Musik beschallt. Das Utopia hat im Vergleich dazu weniger urbane Vibes und nicht den Ruch des Verbotenen, aber dafür so viel mehr Charme und Schönheit. Deshalb wirkt die langhaarige Frau (Marie-Pierre Bréband), die unter drei gelben Neonröhren an ihrem Cembalo sitzt, viel weniger wie ein Fremdkörper. Sie könnte gut schon seit Jahrhunderten in ihre barocken Partituren versunken sein und die Finsternis im Alleingang mit Purcell und Händel durchlöchern. Vermutlich wären die roten Rosen, die zwischen losen Notenblättern in drei Vasen auf dem Boden stehen, dann noch verwelkter.

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Fast möchte man lieber nicht eindringen in diesen ewigen Moment. Und fast bemerkt man den Schemen nicht, der am anderen Ende der langgestreckten Halle mit seinem schwarzen Motorrad verschmolzen ist. Eingezäunt von Absperrgittern, wie man sie auf Baustellen benutzt, lauert er im Dunklen. Wie der Fokus der frei im Raum floatenden Menschengruppe dahin switcht, gehört zu den Geheimnissen dieser Gemeinschaftsarbeit von François Chaignaud und Théo Mercier, die beide zum ersten Mal in München sind. Mercier ist Regisseur und bildender Künstler, dessen skulpturale Arbeiten unter anderem im Centre Pompidou zu sehen sind. Sein Werk hier ist die Rauminstallation mit der statuesken Figur des Motorradfahrers, den Chaignaud gleich höchstpersönlich konfrontieren wird.

Der Sänger, Tänzer und Choreograf ist in Frankreich ein Star und wurde vom neuen Dance-Kurator Tobias Staab als „wahres Präsenzwunder“ angepriesen. Das ist nicht zu viel versprochen, denn die hell gekleidete Gestalt, die eben die Gitter-Arena betritt, weiß mit jedem Rascheln ihrer muschelbesetzten Arm- und Beinmanschetten, mit jeder übergalanten Verbeugung und mit jedem Aufstampfen ihrer Stilettos die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln. Die Haare zu zwei seitlichen Schneckchen frisiert, das Gesicht hell geschminkt wie ein Butoh-Tänzer, sendet dieses geheimnisvolle Wesen viele einander widersprechende Zeichen aus. Es ist hyperfeminin wie eine Dragqueen, feurig wie ein Flamenco-Tänzer, balzt wie ein exotischer Vogel, singt in den höchsten Tönen, rüttelt am Gitter und scheint so, wie es immer wieder voll Karacho auf seine seitlich umgeknickten Füße stampft, dringend einen Bänderriss zu brauchen.

Hyperfeminin wie eine Dragqueen, feurig wie ein Flamenco-Tänzer: François Chaignaud in „Radio Vinci Park“ im Utopia.
Hyperfeminin wie eine Dragqueen, feurig wie ein Flamenco-Tänzer: François Chaignaud in „Radio Vinci Park“ im Utopia. Albert Vidal Vertex Comunicacio

In diesen Momenten hält selbst die Live-Barockmusik den Atem an, und an der Lebendigkeit des Mannes unter dem schwarzen Helm zweifelt man bis dahin ohnehin. Einmal stellt er – es ist der Stuntman Cyril Bourny - seinen Spiegel neu ein. Ansonsten lässt er zu, dass Chaignaud sich vor dem Vorderrad seiner Maschine in den Staub neigt, die langen Fingernägel auf Leder und Metall trommeln lässt, ihn beklettert und sich in seinem Nacken querlegt.

Ein immer zudringlicheres Begehren, dem erst ganz am Ende dieser intensiven und äußerst ungewöhnlichen Nachtstunde die martialische Gier der Maschine-Mensch-Verbindung entgegenheult. Wie die ihre Auspuffwolken in die Luft bläst, im Überschwang der Emotionen Öl verliert, haarscharf an der ermatteten Gestalt auf dem Boden vorbeifährt und sie schließlich sogar hinter sich her schleift, das ist nichts für empfindliche Nasen und schwache Nerven.

François Chaignaud beklettert die Maschine und den Fahrer und Stuntman Cyril Bourny. Immer zudringlicher wird das Begehren.
François Chaignaud beklettert die Maschine und den Fahrer und Stuntman Cyril Bourny. Immer zudringlicher wird das Begehren. Albert Vidal Vertex Comunicacio
Schließlich wird François Chaignaud hinter der Maschine hergezogen.
Schließlich wird François Chaignaud hinter der Maschine hergezogen. Albert Vidal Vertex Comunicacio

Man versteht sofort, warum Staab das Stück für seine erste Ausgabe von Dance ausgesucht hat, dessen Uraufführung bereits 2016 war und das sich dennoch gut in den heutigen Männlichkeits- und Diversitäts-Diskurs einreihen lässt. Es passt perfekt zum „Installative Turn“, den Staab sich für das Festival wünscht, mit einer Hinwendung zur Bildenden Kunst auch in der Art, wie sich das Publikum zum Kunstwerk verhält: Es kann sich ihm von verschiedenen Richtungen nähern, sich frei im Raum bewegen und ihn verlassen, wann es will. Weil das nicht nur in Münchner Tanzkunstkreisen längst eingeführt ist, kann Staab, der aus der Clubkultur kommt, das zwar konsequenter durchziehen und als programmatisch verkaufen, wirklich neue Duftmarken setzen kann er damit nicht. Mit der extremen ästhetischen Überhöhung von „Radio Vinci Park“ gelingt das eher.

Beide Kontrahenten in diesem Liebesduell wirken gleichermaßen archaisch. Aber auch ihre Strategien – Verführung und Hingabe versus stoische Kälte und Frontalangriff – wirken aus der Zeit gefallen. So geschlossen scheint die ästhetische Oberfläche, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um die kleinen Risse zu erkennen, den der Humor und sogar die Überhöhung selbst diesen so toxischen wie vitalen Rollenbildern zufügt. So tanzt etwa in François Chaignauds tragisch liebendem Zwitterwesen immer auch der mittelalterliche Narr mit, als der er erst kürzlich im Louvre auftrat.

Was man sonst in diesem Abend entdeckt: eine Vorschau auf den technischen Posthumanismus, in dem Maschinen lieben können, ein non-binäres Manifest mit sehr binärer Optik oder einfach coolen Grusel - das bleibt jedem Einzelnen freigestellt. Und diese Freiheiten der Interpretation wie der Perspektive sind bis dato das größte Geschenk dieses Festivals und immer wieder ein Grund, den zeitgenössischen Tanz zu lieben. Gerade in diesen Zeiten.

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