Dachgärten in München:Die Dachpappe der Zukunft

Dachgärten in München: Grün statt grau auf dem Dach

Grün statt grau auf dem Dach

(Foto: BERNHARD ROHNKE PHOTOGRPHY MUC)

Landschaftsarchitekt Rupert Wirzmüller plant Dachgärten. Im Gespräch erklärt er, warum ein grünes Dach massentauglich ist und wie das Wetter im dritten Stock wird.

Interview von Benjamin Stolz

Wer sein Dach begrünen möchte, der muss sich oft entscheiden: Intensiv, also dachgartenartig mit dickem Substrat, oder extensiv - moosig kurz und funktional? Zur Erholung oder doch zur Energiegewinnung? Und wie viel darf es kosten? Rupert Wirzmüller hat in München und Umgebung schon zahlreiche Dächer in kleine Oasen verwandelt. Im SZ-Gespräch erklärt der Landschaftsarchitekt aus München, warum ein grünes Dach massentauglich ist, wie das Wetter im dritten Stock wird und weshalb die Dachbepflanzung vor allem ein Anliegen der Kommunalpolitik sein sollte.

SZ: Im großen Stil bepflanzte Dächer jenseits von zwei Blumenkisten am Balkon sind teuer und aufwendig zu pflegen. Haben Grünflächen wirklich das Potenzial zur Dachpappe der Zukunft?

Rupert Wirzmüller: Extensive Dachbegrünung ist längst die Dachpappe der Zukunft. Überall da, wo Flachdächer hinkommen, ist sie der Standard. Gegenüber dem Kies hat sie technische, ökologische und ästhetische Vorteile. Für den städtischen Raum hoffe ich, dass der Dachgarten mehr Zukunft hat als die extensive Dachbegrünung.

Dachgärten in München: Hat viele Dachgärten gebaut: Rupert Wirzmüller

Hat viele Dachgärten gebaut: Rupert Wirzmüller

Dachbegrünungen versprechen Dinge wie Biodiversität und bessere Luftqualität. Wie überzeugt man einen verschuldeten Häuslbauer von solchen Vorteilen?

Bei nicht geförderten privaten Investoren, die die letzten hunderttausend Euro selbst drauflegen müssten, haben wir als Planer einen schweren Stand. Eine Lösung wäre, Teile des erwirtschafteten Gewinns durch verdichtetes Bauen in mehr freie Flächen am Dach zu investieren.

Manche Menschen wünschen sich einen intensiv begrünten Dachgarten und eine Solaranlage. Kann man auf einem Dach gleichzeitig Salatgurken züchten und Strom erzeugen?

Das ist der Flächenkonflikt der Stadt der Zukunft. Ich selber bin stark für die Nutzung von Sonnenenergie, glaube aber, dass in der Stadt eine Priorität gesetzt werden sollte für die Freiraumnutzung, für Begrünung und klimaaktive Flächen. Man kann allerdings nicht pauschal sagen, dass man auf den Dächern einer Stadt nur noch Gärten pflanzt. Hohe, schwer erreichbare Dächer sind prädestiniert für Photovoltaik. Bei niedrigen, zugänglichen Dächern ist umgekehrt ein Garten wichtiger. Architekten sollten öfter an die Fassade gehen, die genauso gut nutzbar ist für Photovoltaik, aber in der Planung anspruchsvoller als am Dach.

Grüne Dächer können ziemlich viel: Sie fangen Regen ab, isolieren und erzeugen Nutzflächen. Wie gut funktioniert dieses Zusammenspiel in einem wechselhaften Klima wie dem unsrigen?

Oben auf dem Dach ist es ein bisschen wie im Gebirge. Die Pflanzen sind exponierter, und es ist kälter. Da oben herrschen außerdem ganz andere Windstärken. Das beginnt schon beim drei- bis viergeschossigen Gebäude. Pflege braucht ein Dachgarten mindestens genauso wie ein Garten auf der Erde.

Wie verändert die Erderwärmung die Ansprüche an begrünte Dächer?

Wenn man will, dass der Dachgarten immer grün ist, dann kommt man nicht an einer Bewässerung vorbei. In München können wir mit dem hoch stehenden Grundwasser Dachgärten bewässern - das ist ökologisch kein Problem. Ein Dachgarten ist ein künstlicher Standort, kein Selbstläufer wie der Wald. Mit der richtigen Technik ist man ein Stück weit unabhängig von der Erderwärmung.

München hat viele historische Gebäude. Wie sinnvoll ist es, alte Gemäuer im Nachhinein zu begrünen?

Das würde ich nicht tun. Mir ist die Dachlandschaft in der Altstadt sehr wichtig. Ich respektiere, dass ein historisches Ensemble geneigte Dächer hat und der Aufwand, ein geneigtes Dach zu begrünen, ist oft enorm. Dazu kommt, dass alte Dachstühle gar nicht die nötigen Dachlasten bieten können. Man sollte sich lieber auf Gewerbe- und Neubauflächen konzentrieren, nicht auf die Altstädte.

Ein Lockdown mit Garten ist angenehmer als ohne. Wie schätzen Sie die Wünsche Ihrer Auftraggeber nach der Corona-Zeit ein?

In den Prospekten der Immobilienverkäufer sieht man jetzt schon, dass Balkone und Gärten stark beworben werden. Ich wünsche mir, dass sich die Leute mehr in der Stadt aufhalten und erholen können.

Klimapolitik ist eines der zentralen Themen im Bundestagswahlkampf. Spüren Sie schon ein goldenes Zeitalter der Dachgärten?

Ich glaube nicht, dass man das spüren wird. Die Bundespolitik arbeitet sehr technisch und da geht es zu wenig um weiche Faktoren. Schönheit ist da ein kleines Thema. Das kann nur über die Kommunalpolitik kommen, indem man zum Beispiel grüne Dächer im Neubau in München, wo viel gebaut wird, zum Standard macht.

Dachgärten sind manchmal ein Kompromiss dafür, dass im Umkehrschluss enger gebaut wird.

Ich glaube, wir haben gar keine andere Wahl, als in der Stadt zusammenzurücken. Sogar in den Vororten wird sehr dicht gebaut. Wenn man dichter baut, sollte man neue, wohnungsnahe Freiflächen suchen, und die sehe ich am Dach.

© SZ vom 24.07.2021
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