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Münchner Filmprojekt:Vom Drama der verbotenen Liebe

Ein Fotoausschnitt aus dem Film "Taipeilove".

(Foto: Lucie Liu)

Für ihre preisgekrönte Dokumentation "Taipeilove" begleitete die Münchnerin Lucie Liu homosexuelle Menschen in Taiwan, kurz bevor das Land die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Sie kam ihnen dabei sehr nahe.

Als Lucie Liu vor zwei Jahren mit dem Drehen begann, wollte sie eine Erfolgsgeschichte erzählen: Von Taiwan, dem kleinen Inselstaat, der als erstes Land Asiens die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Sie filmte die schwenkenden Regenbogenflaggen, die Massen auf der Pride Parade in Taipeh, wollte einfangen, was so unglaublich zu sein schien: Die Unterdrückung, die verbotene Liebe hatte nun ein Ende. Um aus diesen Szenen eine Dokumentation zu machen, sprach Lucie mit fast vierzig Menschen, die davon erzählten, wie ihr tabuisiertes Leben als Homosexuelle in Taiwan aussah.

Darunter ein Mann, der mit einer Frau verheiratet war, weil seine Eltern das so wollten. Oder ein 17-Jähriger, der aus dem Haus geworfen wurde, als seine Eltern erfuhren, dass er schwul ist. Er lebt jetzt auf der Straße. "Teilweise ganz tragische Schicksale", sagt Lucie. Sie erinnert sich noch gut an die Anstrengung, die sie auszehrte während der langen Drehtage.

Studentin und Filmemacherin Lucie Liu aus München.

Eine tief greifende Gesellschaftskritik: Lucie Liu drehte einen Film über den Kampf um Anerkennung von drei homosexuellen Menschen.

(Foto: Ina Müller)

Ihr Film "Taipeilove" beginnt im Jahr 2018, als die Ehe von Lesben und Schwulen in Taiwan gesetzlich nicht erlaubt war. Lucie Liu filmt den Kampf um Anerkennung von drei homosexuellen Menschen, begleitet sie auf Demonstrationen und Gegendemonstrationen, verfolgt die politischen Entscheidungen - und die Szenen der großen Feier im Mai 2019, als das Parlament das neue Gesetz vorstellte.

Die Erfolgsgeschichte, die die 26-Jährige anfangs erzählen wollte, wurde zu einer tief greifenden Gesellschaftskritik. Auf der einen Seite die liberale Entwicklung des Landes, auf der anderen Seite die Vorurteile, Tabus und Einschränkungen, denen LGBTQ-Menschen in Taiwan ausgesetzt sind. Lucie sagt, das musste sie erst lernen: zurückzunehmen, was sie sich von ihrer Geschichte erwartet, den Menschen zuzuhören und so eine eigene Geschichte erzählen zu lassen. Zum Erfolg wurde Lucies Film jedoch mittlerweile selbst. Gerade erst zeigte sie ihn auf dem Internationalen Filmfestival in Südkorea und gewann dort den Preis für die beste Dokumentation.

Lucie Liu stammt aus München, sie studiert derzeit an der Universität der Künste in Berlin. Zeit für ein Gespräch findet sie bei einer abendlichen Apfelschorle in ihrer Heimatstadt Dachau. In Jeans und grauem Wollpulli nimmt sie in der Sitzecke am Rand eines Cafés Platz. Es ist still hier, kaum Leute da. Ein guter Ort, um eine Geschichte zu erzählen, in der so viel passiert.

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt und im Umland verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Auf dieser Seite werden sie Montag für Montag vorgestellt - von jungen Autoren für junge Leser. Lust mitzuarbeiten? Einfach eine E-Mail an die Adresse jungeleute@sueddeutsche.de schicken. Weitere Texte findet man im Internet unter http://jungeleute.sueddeutsche.de oder www.facebook.com/SZJungeLeute.

Die Protagonisten ihres Films, Sarah, David und Kevin, lud sie damals in ihr Wohnzimmer in Taipeh ein, wo sie ein Praktikum machte, sprach dort das erste Mal über ihre Filmidee. Diese Interviews wurden nicht nur zum Leitfaden der gesamten Dokumentation. Sarah, David und Kevin wurden gute Freunde, sagt Lucie. Und wie sollte es anders sein, wenn man sich gegenseitig von Anfang an das Innerste anvertraut, über Liebe spricht, über intime Wünsche - diese große Verletzlichkeit?

"So offen über die eigene Sexualität zu sprechen, ist gerade im asiatischen Raum ungewöhnlich", sagt Lucie. Ihr gelingt es trotzdem, ihren Protagonisten in den Interviews ganz nahe zu kommen. Sie sprechen offen über tiefe Emotionen und Gedanken. Doch wann kollidiert diese Nähe mit dem Anspruch des Dokumentarfilms, als Regisseur eine Distanz zu den Protagonisten zu wahren? "Die Interviews haben wir gleich am Anfang geführt, später sind wir Freunde geworden", sagt Lucie und betont, wie wichtig ihr das gewesen sei. Zu Hause auf dem Sofa von Lucie erzählten Sarah, David und Kevin von ihrem Coming-out und den Reaktionen ihres Umfeldes. Von Exorzismen, um ihre Sexualität umzuwandeln, von strengen Christen, die in ihnen den Teufel sahen.