bedeckt München 17°
vgwortpixel

München:Da fliegen sie drauf

Taubenhäuser gehören neben Informationsplakaten und Fütterungsverboten zu der Strategie, mit der die Stadt die Zahl der Vögel in Grenzen halten will. Jetzt wird die Förderung auf 30 000 Euro verdoppelt

Das Federkleid der Tiere mag in vielen Variationen in Erscheinung treten, weißgrau gemustert, einheitlich dunkelgrau oder auch rotgrau gescheckt - doch wenn es um die Haltung zu den Stadttauben geht, kennen die Münchner eigentlich nur Schwarz oder Weiß: Die einen hassen die Vögel von ganzem Herzen als "Ratten der Lüfte", hätten sie gerne samt und sonders verjagt. Andere sind ihnen sehr zugeneigt, versorgen die Tauben teils tütenweise mit Essensresten.

Taubenhaus am Dach des Karstadt an der Münchner Freiheit

17 Taubenhäuser gibt es inzwischen in der Stadt, im Bild das Häuschen auf dem Karstadt-Gebäude an der Münchner Freiheit. Freiwillige Helfer sammeln in einem Taubenschlag 360 Kilo Kot im Jahr ein und tauschen mehr als 500 Eier aus.

(Foto: Florian Peljak)

Eine solche Taubenfreundin wird zum Beispiel regelmäßig am Forum Münchner Freiheit gesichtet. Sie entleere schnell ihren Behälter und verschwinde dann, wurde zuletzt dem Bezirksausschuss Schwabing-Freimann gemeldet. Die Folge: jede Menge Taubenkot im Forum. Die Politiker schimpften über die "Taubenplage" und forderten, die Stadt möge per Plakat auf das geltende Fütterungsverbot hinweisen. Womöglich wird der Anschlag aufgehängt - sicher ist hingegen, dass die Stadt mehr Geld ausgibt, um die "unumgängliche Koexistenz von Mensch und Taube erträglich zu gestalten", wie es in einer Beschlussvorlage heißt, die den Stadtrat passiert hat.

Tauben in München, 2018

Des einen Freud, des andern Leid: die Münchner Stadttauben.

(Foto: Alessandra Schnellegger)

Konkret wurde das Förderbudget für sogenannte Taubenhäuser verdoppelt, auf 30 000 Euro jährlich. Es ist dies ein Angebot an Wohnungseigentümergemeinschaften, Grundstückseigentümer, Mieter und Unternehmen, sich Errichtung und Unterhalt solcher Anlagen auf den Dächern ihrer Objekte teilfinanzieren zu lassen. "Anreize statt Verbote", nennt die Referentin für Gesundheit und Umwelt (RGU), Stephanie Jacobs, diese Strategie. "Taubenhäuser können die Taubenpopulation tierschutzfreundlich beeinflussen und sie sorgen zudem für hygienische Bedingungen im Umfeld." Es solle damit, so fügt ein Behördensprecher hinzu, sowohl auf die Bürgerinnen und Bürger eingegangen werden, die unter den Stadttauben leiden, als auch für Taubenfreunde eine Möglichkeit geschaffen werden, sich in die Betreuung einzubringen und auf das Füttern zu verzichten.

Langwierige Standortsuche

Wie schwierig es sich oft gestaltet, geeignete Standorte für Taubenhäuser zu finden, zeigt sich im Stadtbezirk Pasing-Obermenzing: Über Jahre gab es Beschwerden über starke Verschmutzungen durch Taubenkot am Obermenzinger S-Bahnhof - sowohl was die Unterführung der Verdistraße unter der Bahntrasse betraf als auch mit Blick auf die Aufgänge und den Bahnsteig. Zunächst versuchten das städtische Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU), der örtliche Bezirksausschuss und die Deutsche Bahn AG gemeinsam zu einer Lösung zu kommen.

Es gab Diskussionen in Stadtteilgremien, Ortstermine am S-Bahnhof. Zunächst gab es Pläne, den Tieren mit Vergrämungsmaßnahmen beizukommen. Sogar Klaus-Dieter Josel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für den Freistaat Bayern, zeigte sich betroffen: "Die Verschmutzungen sind wirklich massiv und aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen so nicht mehr hinnehmbar." Doch passierte dann zwei Jahre nichts. Dann nahmen das RGU, der Tierschutzverein München und die Wohnhilfe München die Dinge selbst in die Hand. Auf einem Grundstück der Wohnhilfe, Verdistraße 45, unmittelbar neben dem S-Bahnhof, wurde ein Taubenhaus aus Holz errichtet. Gerne hätte man eine solche Lösung auch am Pasinger S-Bahnhof, der seit jeher ein Lebensraum für Populationen von Stadttauben ist.

Es hatte Versuche gegeben, den Tieren durch über die Bahnsteig-Mikrofone eingespielte Falken-Schreie Angst zu machen. Dabei hatte man jedoch eher die Pendler zur Weißglut getrieben, die Tauben zeigten sich hingegen weitgehend unbeeindruckt. Im Februar 2019 hatte es sogar eine Begehung mit Mitgliedern des Bezirksausschusses, DB-Bahnhofsmanagerin Mareike Schoppe, einem Experten der Deutschen Bahn für Schädlingsbekämpfung, Tierschützern und städtischen Vertretern gegeben. Ziel war es, einen Standort am oder um den Bahnhof für ein Tauben-Domizil auszukundschaften. Eine Idee war, es auf einem nahen Hochhaus einzurichten, dort finden jedoch gerade umfassende Bauarbeiten statt. Laut Rüdiger Schaar, Bezirksausschuss-Mitglied von der SPD, ist das Projekt Taubenhaus ins Stocken geraten. Seine Fraktion hatte noch mal eine Anfrage zum Thema gestellt, aber bislang nicht wieder etwas dazu gehört. Jutta Czeguhn

Eine Art Königsweg also, die Fronten zu versöhnen. Inzwischen gibt es 17 Taubenhäuser in der Stadt, gut die Hälfte davon auf Privat- und Betriebsgelände; es sind kleine Häuschen zumeist auf Dächern, etwa auf dem Karstadt-Gebäude an der Münchner Freiheit, am Hauptbahnhof, an der Großmarkthalle oder nahe dem Bahnhof Obermenzing. Der Vorteil: Die Population wird auf konstantem Niveau gehalten, indem die Taubeneier durch Attrappen ersetzt werden. Die Tiere erhalten kontrolliert Futter, wodurch hygienische Probleme minimiert werden, und die Tauben überdies hoffentlich die Lust verlieren, im öffentlichen Raum nach Nahrung zu suchen, sodass sie auch ihren Kot vor allem im Taubenhaus hinterlassen. "Eine Win-win-Lösung für Mensch und Tier", findet Behördenleiterin Jacobs. Laut Vorlage wurden in einem städtischen Taubenhaus pro Jahr 360 Kilo Kot entfernt und 530 Eier gegen Attrappen ausgetauscht.

Taubenhäuser sind nur ein Teil eines städtischen "Drei-Säulen-Modells" im Umgang mit den Stadttauben. Säule Nummer zwei ist eine Informationskampagne, etwa Plakate mit der Aufschrift "Bitte nicht füttern!", wie sie sich der Bezirksausschuss an der Münchner Freiheit wünscht, sowie Broschüren und eine Beratungs- und Auskunftsstelle im Referat für Gesundheit und Umwelt (Telefon 23 39 63 00). Es gilt aber auch, Säule Nummer drei, ein Taubenfütterungsverbot in der gesamten Stadt, das bis zu 1000 Euro Bußgeld vorsieht, "je nach Schwere und Wiederholungshäufigkeit", wie ein RGU-Sprecher sagt. Der Vollzug obliegt dem Kreisverwaltungsreferat, bei dem jedermann unter 233 00 oder per Mail an bussgeldstelle.kvr @muenchen.de Verstöße anzeigen kann.

© SZ vom 07.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite