Queer-feindliche TeilnehmerChristliche Fundamentalisten treffen sich während des CSD in der Matthäuskirche

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Sankt Matthäus, die Haupt- und Bischofskirche der lutherischen Protestanten in Bayern, wurde vom Kirchenvorstand einem umstrittenen Netzwerk teils evangelikaler Gruppen überlassen.
Sankt Matthäus, die Haupt- und Bischofskirche der lutherischen Protestanten in Bayern, wurde vom Kirchenvorstand einem umstrittenen Netzwerk teils evangelikaler Gruppen überlassen. Sven Hoppe

Kritiker verweisen auf die diskriminierende Haltung beteiligter Gruppen gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen. Die evangelische Kirche überlässt den Veranstaltern nicht nur eines ihrer wichtigsten Häuser – hochrangige Kirchenmänner treten dort sogar auf.

Von Martin Bernstein

Sie beten, singen, diskutieren – und lobpreisen Gott. Drei Tage lang, in der evangelisch-lutherischen Matthäuskirche in München. „Miteinander für Europa“ nennt sich das ökumenische Netzwerk, das von Freitag an „Tage der Begegnung, der Freundschaft und der Inspiration, an denen die gelebten Charismen der christlichen Gemeinschaften und Bewegungen aufleuchten“, feiern will.

Das klingt evangelikal, charismatisch und irgendwie harmlos. Doch das Recherche- und Aufklärungsprojekts „Fundi-Watch“ warnt: Viele der beteiligten Gruppierungen seien „Teil eines global nach Macht strebenden christlich-fundamentalistischen Netzwerks“. Es gehe ihnen um die „christliche Vorherrschaft“.

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Die Kirche, in der die meisten Veranstaltungen des Treffens stattfinden, ist nicht irgendein Gotteshaus. Sankt Matthäus ist die Haupt- und Bischofskirche der lutherischen Protestanten in Bayern. Und der evangelische Geistliche, der bei der Eröffnung am Freitagnachmittag dabei sein wird, ist nicht irgendein Pastor. Thomas Prieto Peral ist Regionalbischof im Kirchenkreis Schwaben-Altbayern, einer der ranghöchsten Repräsentanten der evangelisch-lutherischen Landeskirche.

Als im sich vergangenen Jahr evangelikale Gruppierungen Ende Juni in der Münchner Olympiahalle trafen, hatte Prieto Peral den LGBTIQ-feindlichen Hauptredner der „Glaubenskonferenz“ noch als „Spalter“ bezeichnet und selbst ein Grußwort beim Münchner Christopher Street Day gesprochen. Am heutigen Freitag besucht der Regionalbischof dagegen das Treffen in der Matthäuskirche. Damit unterstütze er „Netzwerke, über die diese ‚Spalter‘ weiter an Einfluss gewinnen. Wie passt das zusammen?“ fragt Fundi-Watch in einem offenen Brief.

Diesmal seien „sehr viele unterschiedliche Gruppen“ vertreten, nicht aber der Prediger Bill Johnson, dessen Positionen er entschieden ablehne, entgegnet Prieto Peral auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung. „Ich habe meine Entscheidung über eine Teilnahme lange abgewogen und auch das Gespräch mit anderen Beteiligten gesucht, die meiner Haltung nahe stehen und ebenso vertreten sind. Wir sind gemeinsam zu der Einsicht gekommen, dass wir mit unserer Position teilnehmen möchten.“ Ebenso wie der katholische Generalvikar Christoph Klingan will der evangelische Regionalbischof für etwa 15 Minuten zu einem Eingangsdialog auf der Bühne sein.

Dass das Netzwerktreffen während der CSD-Tage stattfindet, ist für den Regionalbischof lediglich ein „pragmatisch-organisatorischer“ Zufall. Der Termin sei bereits vor zwei Jahren mit dem Kirchenvorstand der Matthäuskirche vereinbart worden, der eigenverantwortlich entscheiden dürfe, wem er das Gotteshaus wann zur Verfügung stelle.

Man müsse auch mit konservativen Strömungen in den Kirchen im Dialog bleiben, schreibt der Oberkirchenrat in seiner Antwort an Fundi-Watch, denen er „viele berechtigte Sorgen“ bescheinigt. Die ablehnende bis feindliche Haltung zahlreicher beteiligter Gruppen aus dem evangelikalen Lager zur Homosexualität, oft verbunden mit einem Plädoyer für die gefährliche „Konversionstherapie“ an Schwulen, gehört zu diesen Sorgen.

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Der Regionalbischof versichert jedoch: „Der Christopher Street Day oder Fragen zu Queerness sind nicht Thema der Tagung.“ Eine Gruppierung, die praktizierte Homosexualität zumindest kritisch sieht, darf allerdings sogar einen der Themenblöcke am Samstag mit bestreiten. Bezeichnenderweise geht es dann um die „Vergewisserungen auf dem Weg zum Ja zu Ehe und Familie“.

Thomas Prieto Peral ist evangelischer Regionalbischof für München und Oberbayern. Er will mit Teilnehmern wie mit Kritikern des umstrittenen Netzwerk-Treffens in der Matthäuskirche ins Gespräch kommen.
Thomas Prieto Peral ist evangelischer Regionalbischof für München und Oberbayern. Er will mit Teilnehmern wie mit Kritikern des umstrittenen Netzwerk-Treffens in der Matthäuskirche ins Gespräch kommen. Alessandra Schellnegger

Der CSD-Umzug wird am Samstag direkt an der Matthäuskirche vorbeigehen. Bereits am Freitag um 21.15 Uhr wollen die Aktivisten von Fundi-Watch vor dem Gotteshaus gegen das evangelikal dominierte Netzwerk-Treffen demonstrieren. Bischof Prieto Peral möchte dann das Gespräch mit den Protestierenden suchen. Er teile nicht „alle Positionen aller Beteiligten“ an dem Netzwerk-Treffen, versichert der evangelische Regionalbischof den Kritikern. Auch habe er nicht vor, einem christlichen Fundamentalismus das Wort zu reden – „im Gegenteil: Ich will meine Haltung klar vertreten und sichtbar machen.“

An dem Treffen in der Münchner Matthäuskirche und im Haus des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) sind auch Freikirchen beteiligt, die keine Probleme damit haben, wenn auf einer ihrer Veranstaltungen unter dem Jubel der Gläubigen eine neue Bücherverbrennung gefordert wird: „Bücher, die falsche Lehren verbreiten, Bücher, die falsche Theologie verbreiten“. Oder wenn ein anderer Prediger offen Geschichtsrevisionismus betreibt: „I want Deutsche to be proud of being Deutsche. Who cares about history?“

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