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Corona-Auswirkungen in München:Millionenverluste durch das Virus

Sichtbar wird die Sorge vorm Coronavirus in der Innenstadt vor allem durch die vielen Menschen mit Mundschutz - wie diesen Touristen aus Malaysia.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Absage der Handwerksmesse trifft Veranstalter, Aussteller und Hoteliers mit voller Wucht, für manche ist der Schaden existenzbedrohend.

Von Heiner Effern, Wolfgang Görl, Julian Hans, Dominik Hutter und Christian Rost

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus wirkt sich auch spürbar auf München aus. Kunden stehen vor leergekauften Supermarktregalen, in der Innenstadt trifft man Passanten mit Mundschutz, Firmen schicken ihre Mitarbeiter ins Homeoffice. Überhaupt hat vor allem die Wirtschaft mit den Auswirkungen zu kämpfen.

Die Absage der Internationalen Handwerksmesse (IHM) "ist uns nicht leichtgefallen", sagt Franz Xaver Peteranderl am Dienstag. Laut dem Präsidenten der Handwerkskammer für München und Oberbayern seien die vom Robert-Koch-Institut und von der Staatsregierung geforderten Auflagen zum Schutz der Gesundheit der Besucher und Aussteller zu hoch, um einen vernünftigen Ablauf zu gewährleisten.

Die betroffenen Firmen erlitten nicht nur erhebliche finanzielle Verluste, weil sie für ihre Ausstellungsstände "viele Dinge angezahlt oder vorfinanziert haben". Sie verlören auch die Möglichkeit, ihre Auftragspolster zu erhöhen, so Peteranderl. Die Messe ist ein wichtiger Marktplatz, um Aufträge einzuwerben und Nachwuchs für die Ausbildungsberufe im Handwerk zu gewinnen. Die Veranstalter beziffern ihren Verlust in einer ersten, vorsichtigen Schätzung auf bis zu fünf Millionen Euro. Den Schaden fange keine Versicherung auf, sagt eine Sprecherin. Für einige Firmen sei der Verlust sogar existenzbedrohend.

Etliche Aussteller hätten eigens Personal eingestellt, um Stände aufzubauen und Kunden zu betreuen, sagt Peteranderl. Die Mitarbeiter müssten nun wieder entlassen oder in Kurzarbeit geschickt werden. Insgesamt schätzt der Präsident der Handwerkskammer den Verlust durch die Absage der Messe "für den Handel, die Hotellerie und die Gastronomie in München auf einen zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag".

Eine Summe kann Christian Schottenhamel, der Münchner Kreisvorsitzende des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) nicht nennen, aber er bestätigt: "Ja, es gibt leider viele Stornierungen und Absagen." Hotelbetreiber, klagt Schottenhamel, hätten erhebliche Ausfälle. Würden noch mehr Messen und Großveranstaltungen abgesagt, "setzen wir auf zügige Hilfsmaßnahmen der Politik in Bayern und im Bund". Was die Ausgehfreude der Münchner betrifft, sieht Schottenhamel noch keine Anzeichen von Verzagtheit. "Die Münchner besuchen nach wie vor unsere gastronomischen Betriebe. Wir hoffen, dass dies auch so bleiben wird."

Hamsterkäufe? - "In Bayern muss keiner verhungern"

Beobachtet man das Einkaufsverhalten in den Supermärkten, merkt man jedoch, dass sich manche auf längere Aufenthalte zu Hause einstellen - teils sind die Regale für Nudeln und Reis leergekauft. Eine Notlage bei der Versorgung der Bevölkerung sieht der Handelsverband in Bayern aber in weiter Ferne. "In Bayern muss keiner verhungern", verspricht Präsident Ernst Läuger. Gleichwohl werde der Handel die Auswirkungen noch zu spüren bekommen, etwa bei Textilien und Elektronik. "Lieferungen aus China sind noch auf den Weltmeeren in Schiffen unterwegs", beschreibt Läuger die Lage. In etwa einem Monat werde der Nachschub aber abreißen. Wann dann die nächsten Chargen eintreffen, lasse sich nicht abschätzen.

Vor Lieferengpässen warnt auch Münchens Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner, dann drohe manchem Betrieb Kurzarbeit. Er verweist aber angesichts von Firmen wie BMW oder Pro Sieben Sat 1, die Teile ihrer Belegschaft ins Homeoffice geschickt hätten, auch darauf, wie wichtig der Ausbau moderner Infrastruktur wie Glasfasernetze sei. So könnten Mitarbeiter trotz solcher Vorsichtsmaßnahmen voll arbeiten.

Wenn eine Abteilung oder ein Betrieb wegen des Virus nicht arbeiten kann, bedeutet das einen wirtschaftlichen Verlust. Was aber ist mit den Menschen, die die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten? Polizisten können schlecht vorsorglich zu Hause bleiben, um sich nicht anzustecken, sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. "Wir können und wollen als Polizei nicht den Kontakt mit der Bevölkerung vermeiden. Gleichwohl können wir uns auch nicht aussuchen, ob unser Gegenüber gesund ist."

Deshalb wurde für Polizisten, Feuerwehr und andere "nicht-medizinische Einsatzkräfte" ein Leitfaden erstellt. Für sie gilt neben den bekannten Hygiene-Regeln: Sollten sie mit einer Person Kontakt haben, bei der ein Infektionsverdacht besteht, müssen sie Mundschutz tragen und sich gegebenenfalls einem Schnelltest auf das Virus unterziehen. Nach etwa einem Arbeitstag sollte ein Ergebnis vorliegen. Bisher wurden laut Polizeisprecher Martins noch keine Kollegen getestet.

"Wählen gehen ist wie U-Bahn fahren - eine Selbstverständlichkeit"

Überhaupt lassen sich die Münchner offensichtlich nicht allesamt vom Coronavirus beeindrucken: Der Handel in der Innenstadt sei noch nicht in größerem Ausmaß betroffen, sagt Wolfgang Fischer von der Initiative City-Partner. Man registriere zwar, dass etwa die Fußgängerzone nicht gerade rappelvoll sei, doch das könnte auch an Jahreszeit und Wetter liegen. Man warte "mit Contenance" ab, wie sich das Geschäft weiter entwickle, sagt Fischer.

Und auch die hart wahlkämpfenden Politiker dürfen noch beruhigt sein: Eine Verschiebung der Kommunalwahl zeichnet sich nach Auskunft von Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle derzeit nicht ab. "Wählen gehen ist wie im Supermarkt einkaufen oder U-Bahn fahren - eine Selbstverständlichkeit. Und auch vom theoretischen Ansteckungsrisiko ist es vergleichbar", sagt Böhle. "Ich verstehe die Sorgen, die sich manche wegen der täglich neuen Meldungen machen. Was die Kommunalwahl angeht, sind sie aber wirklich unbegründet." In den 755 Wahllokalen seien flächendeckend Möglichkeiten zum Händewaschen vorhanden.

© SZ vom 04.03.2020/infu
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