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Kreativ in der Krise:Balkon-Bingo gegen den Virus-Frust

Mit dem Megafon ruft Max Auerbach die Bingo-Zahlen den Mitspielern an Fenstern und auf Balkonen zu.

Mit dem Megafon ruft Max Auerbach die Bingo-Zahlen den Mitspielern an Fenstern und auf Balkonen zu.

(Foto: Florian Peljak)

Der Giesinger Künstler Max Auerbach organisiert in seiner Nachbarschaft Spiele, um trotz Corona "zusammenzukommen". Die Aktion kommt so gut an, dass er Überstunden machen muss.

Die Szene hat etwas Irritierendes. Da steht ein Mann mit großem, roten Hut zwischen Sandkasten und Wäscheleinen auf der Grünfläche eines Giesinger Innenhofs, ruft via Megafon ein paar Zahlen in die Luft, woraufhin an den Fenstern ringsum mehrstimmiger Jubel ausbricht. Das klingt dann so: "Nummer 4." Die Jubler: "Jawoll!" Der Rothut: "Nächste Zahl ist die 30." Dreifach-Jubel für die 30. "Nummer 2." Und das Volk so: "Yeah! Juhuuu! Super!" Kann es sein, dass hier alle ein bisschen plemplem sind? Einer liest Zahlen vor und die anderen gehen ab, als hätten sie im Lotto gewonnen? Nein, plemplem ist hier keiner, die Leute spielen Balkon-Bingo.

Bunte Blüten treibt dieses Virus. In der Vor-Corona-Zeit hätte man so ein Angebot zum Miteinanderspielen wohl mit ungläubigem Kopfschütteln abgelehnt. So aber schaut man genauer hin, Kurzarbeit-Zeit genug ist bei vielen ja da. In treppenstufenreicher Kleinarbeit haben Max Auerbach - der Mann mit dem roten Hut - und seine Frau Birgit die Einladungen samt Bingokarten vor die Haustüren von rund 100 Nachbarn gelegt, "zehn Mal vierter Stock, ohne Aufzug", erzählt Auerbach. Warum? "Um irgendwie zusammenzukommen, wenn wir schon Abstand halten müssen", sagt er, "um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und trotz Corona die Leichtigkeit und Lebensfreude nicht zu verlieren."

Auerbach, Jahrgang '69, ist Mitglied des Münchner Künstlerkollektivs Foolpool, das seit mehr als 20 Jahren Straßentheater, Performances, Jonglage und Artistik aufführt. Einer aus dem Foolpool, Marcus Khashoukgi, hatte die Idee zum Balkon-Bingo, Kollege Armin Nagel setzte sie vor ein paar Tagen dann als Erster um, in seinem Viertel in Köln-Dellbrück. Nagel ist Kopf der Servicepioniere, einem Kreativensemble, das "in urbanen Interventionen Orte des Grauens in Serviceparadiese" verwandelt.

Er selbst sieht sich als "interdisziplinären Grenzgänger zwischen Kunst und Arbeitswelt", der an der Schnittstelle von Kunst und Wirtschaft forscht. "Deutschlands erster Service-Comedian" dekoriert schon mal eine ICE-Toilette mit Frühlingstapete, Rosenblättern, Deo und Zahnseide um, getreu der DB-Bitte: "Bitte verlassen Sie den Raum, so wie Sie ihn vorfinden möchten". Nagels Motto: Service darf Spaß machen!

Auch der Bingo-Spaß-Service kommt gut an, wie man an den Juchzern der gut 20 Giesinger Mitspieler festmachen kann. Max Auerbach, der Nagel schon seit der gemeinsamen Schulzeit in Freilassing kennt, sitzt jobmäßig wie so viele andere Künstler derzeit auf dem Trockenen. Die kreativen Ideen gehen ihm und seinen Mitstreitern dennoch nicht aus. Weitere Spiele wie Balkon-Schnick-Schnack-Schnuck oder Corona-Versenken seien in Arbeit.

Als sich Auerbach verabschieden will, regt sich Widerspruch - die Leute wollen eine Zugabe

Sängerin Andrea Pancur ist auch da und erzählt vom Projekt "Kultur vor dem Fenster", das in Fürth bereits läuft und womöglich auch bald in München zu erleben sein wird. Nagel betreibt zudem mit "Schöner Warten" eine Telefonhotline, bei der man spielerisch das Warten lernen kann und die 2017 schon mit dem Deutschen Callcenterpreis ausgezeichnet wurde.

Lange warten müssen die Mitspieler in Obergiesing nicht. Im Innenhof von Setzberg-, Untersberg- und Perlacherstraße lauschen die Nachbarn abends um sechs vom offenen Fenster aus - Balkone gibt es hier nämlich gar nicht. Auerbach sagt: "Dann ist heute halt Fenster-Bingo." Geht auch. Ein paar Nachbarn kommen dann aber doch runter, einige bringen Klappstühle mit, Platz ist ja genug. Ein paar Skeptiker verfolgen das Geschehen lieber hinter der Gardine, durchs geschlossene Fenster. Die Regeln sind einfach: Jeder Spieler hat eine Bingokarte vor sich, Spielleiter Max zieht nach und nach Nummern. Immer, wenn er eine Nummer ruft, kreuzt man die Zahl auf der Bingokarte an. Wer eine senkrechte oder waagerechte Fünferreihe erreicht hat, ruft "Bingo".

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In Obergiesing steht die Siegerin schon nach zehn Minuten fest: Aygün, eine Dame mit Kopftuch, hat unten auf der Parkbank zwar keinen Stift dabei, dafür einfach ein paar Blätter vom Baum gerupft und auf ihre Bingokarte gelegt. Als Auerbach "24" ruft, ist ihre Reihe komplett. Am langen Arm überreicht der Spielleiter den Hauptgewinn: eine Rolle Klopapier, schick verpackt mit Schleifchen drum. Aygün lacht.

Als Max Auerbach sich nach getaner Tat von den Nachbarn verabschieden will, regt sich Widerspruch: "Weiterspielen!", tönt es, "was ist mit Platz 2 und 3? Wir wollen Zugabe!" Bekommen sie. Und dazu die Aussicht auf ein gemeinsames Fest im Innenhof, wenn das Virus es wieder zulässt. Bis dahin gilt weiter: Lebensfreude trotz Corona!

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© SZ vom 18.04.2020/lfr
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