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Corona-Krise:Die Angst vor der Obdachlosigkeit wächst

Mit Stein beschwerter, verwitterter Zettel mit Aufschrift ich bin obdachlos, bitte um 10 Cent an der Schlafstätte eines

Wohlfahrtsverbände befürchten, dass es immer mehr Obdachlose in München geben könnte.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Immer mehr Menschen droht in München die Wohnungslosigkeit. Wohlfahrtsverbände schlagen deshalb Alarm - und wollen die Stadt in die Pflicht nehmen.

Von Thomas Anlauf

Die Corona-Krise wird in München viele Menschen in die Wohnungslosigkeit treiben. Das befürchtet Thorsten Nolting, Vorstand der Inneren Mission. So seien in München im Juni 5500 Anträge auf Wohngeld gestellt worden, ein massiver Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. "Sollten die Zahlen steigen, brauchen wir die Stadt", sagte Nolting am Donnerstag auf einer Pressekonferenz der Inneren Mission, "dann werden wir die Stadt in die Pflicht nehmen".

Denn die Freien Wohlfahrtsverbände bauen ständig ihre Beratungs-, Betreuungs- und Wohnangebote aus, das müsse auch künftig finanziert werden. Nolting befürchtet, dass schon relativ bald viele Münchner ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können und auf der Straße stehen.

Die Angst ist begründet. Das Frauenobdach "Karla 51" nahe dem Hauptbahnhof kann nur noch zehn Prozent der Frauen direkt in der Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks der Inneren Mission unterbringen. "Wir haben etwa zweitausend Anfragen pro Jahr", sagt Isabel Schmidhuber, seit 15 Jahren Leiterin des Hauses an der Karlstraße. "Wir bräuchten viel mehr Platz." In den Räumen der Karla 51 gibt es 40 Wohnplätze für Frauen und ihre Kinder, vor zwei Jahren kamen auf der anderen Straßenseite noch einmal 15 Plätze hinzu, außerdem gibt es für den Notfall einen Schutzraum zum Schlafen.

Besorgniserregend ist für Isabel Schmidhuber, dass immer mehr alleinerziehende Frauen, aber auch zunehmend alte Frauen Hilfe und Unterkunft in der Karla 51 suchen. Derzeit leben in der Erstanlaufstelle Frauen zwischen 18 und 90 Jahren. Eigentlich sollte der Aufenthalt dort auf acht Wochen befristet sein, bis die Frauen in eine Nachfolgeeinrichtung kommen oder sogar eine bezahlbare Wohnung finden. Doch das ist mittlerweile völlig unrealistisch. Durchschnittlich leben die Frauen nun vier bis fünf Monate im Haus, vor allem Mütter mit ihren Kindern bleiben meist deutlich länger. Das Problem ist bekannt: Weder die Stadt noch die freien Träger haben genügend Wohnraum.

Etwa 9000 akut Wohnungslose gibt es in München. Sie schlafen in städtischen Einrichtungen, bei Bekannten oder Verwandten oder in Einrichtungen von Sozialverbänden. Im äußersten Notfall können sie auch im kostenlosen Übernachtungsschutz der Bayernkaserne unterkommen, doch das ist natürlich keine Dauerlösung für die betroffenen Menschen, schon gar nicht für Frauen und ihre Kinder. Gerade deren Zahl nimmt seit einigen Jahren stark zu.

Um diese Menschen im Notfall besser zu unterstützen, hat das Evangelische Hilfswerk im Juli in der Schraudolphstraße die Familienberatungsstelle "Wohnen und Existenzsicherung für Familien" eröffnet. Sie unterstützt Familien bei Wohnungslosigkeit und bei existenziellen finanziellen Problemen - ein Projekt, das es bislang nach Angaben von Mario Frombeck, dem Bereichsleiter Frauen beim Evangelischen Hilfswerk, in dieser Form in München noch nicht gab.

Die Eröffnung der Stelle sei "höchste Eisenbahn gewesen. Es wird auch vom Start weg sehr gut angenommen", sagt Frombeck. Dass ein solches Hilfsangebot derart dringend benötigt wird, zeigt auch, dass sich die Wohnungssituation in München immer weiter zuspitzt.

© SZ vom 11.09.2020/lfr
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