Süddeutsche Zeitung

Schulunterricht im Freien:Bio im Biergarten und Englisch im Fußballstadion?

Politiker fordern, den Unterricht wegen der geringeren Ansteckungsgefahr nach draußen zu verlagern - doch das wäre gar nicht so einfach.

Von Jakob Wetzel

Eine Schule im südspanischen Murcia hat es vorgemacht. Damit die Kinder trotz der Corona-Pandemie Präsenzunterricht haben können, hat das Colegio Público Félix Rodríguez de la Fuente seinen Unterricht jüngst zumindest tageweise ins Freie verlegt - und zwar, weil das in Spanien nun einmal möglich ist, an den Strand. Dort saßen die Kinder mit Jacken an ihren Tischen, vorne stand eine Tafel im Sand, nebenan schwappte das Mar Menor, eine Salzwasserlagune mit geringem Wellengang. Die Kinder konnten sich sehen, Lüften war kein Problem. Kann es so gehen?

Spanischunterricht am Strand - in München hieße das zum Beispiel Mathe im Biergarten, dem einzigen hiesigen Sehnsuchtsort, der es wirklich mit dem Meer aufnehmen kann. Lernen, wo andere Urlaub machen: Die Biergärten stehen zurzeit sowieso leer, und bestuhlt sind sie auch. Möglich wäre auch Englisch im Fußballstadion: Die Arenen sind ja wohl auch noch länger für Zuschauer tabu. Platz wäre genug, jede Klasse könnte einen eigenen Zuschauerblock haben. Und wenn man das ganze Stadion nimmt, hätten die Universitäten ein Ausweichquartier für notorisch überlaufene Vorlesungen wie die für die Erstsemester in VWL.

Die Idee, den Unterricht ins Freie zu verlagern, steht in Deutschland jetzt tatsächlich wieder im Raum. In der Bild-Zeitung forderten am Montag Politikerinnen und Politiker verschiedener Parteien, dass Klassen öfter nach draußen gehen sollen, um Infektionen zu bremsen und Schulschließungen zu verhindern. Draußen sei das Infektionsrisiko schließlich niedriger.

Die Idee an sich ist nicht neu. Viele Schulen wie zum Beispiel das Schulzentrum an der Gerastraße in Moosach haben bereits kleine Freilichtbühnen oder Tribünen, die für Unterricht genutzt werden können. Andere Schulen könnten ausweichen: Das Theatron im Olympiapark zum Beispiel oder auch das sogenannte Amphitheater im Englischen Garten sind im Grunde Freiluftklassenzimmer ohne Tafel. Doch wer es ernst meint, müsste deutlich größer denken. Fast 160 000 Schülerinnen und Schüler besuchen zurzeit eine öffentliche allgemeinbildende Schule in München. Geht man von einer Klassengröße von im Durchschnitt 25 Kindern aus, käme man auf 6400 Klassen.

Organisieren müssten das die Schulen selber - also ein Anruf bei einer Münchner Schule. Beim Anblick der Bilder aus Spanien habe es sie erst einmal gerissen, sagt Stefanie Stöckle, die Rektorin der Grundschule an der Werdenfelser Straße im Bezirk Sendling-Westpark. Wenn man das nachmachen solle, müsse man erst einmal viel Sand aufschütten. Doch im Ernst: Grundsätzlich sei der Unterricht im Freien durchaus eine charmante Idee, sagt sie. Platz gäbe es in der Umgebung genug. Exkursionen wären an ihrer Schule auch nichts Neues, in Pandemiezeiten hat es bereits Sport- oder Kunststunden im Freien gegeben. Aber die ganze Schule draußen zu unterrichten, alle 13 Klassen mit 280 Schülerinnen und Schülern? "Das wäre sportlich."

Vor allem bräuchte es erst einmal wetterfeste Möbel, sagt Stöckle. Tische und Stühle aus Holz müsste man ja täglich aus dem Schulgebäude hinaus- und wieder hineintragen. Für den Unterricht in Deutsch oder Mathematik bräuchte man zusätzlich tragbare Tafeln. Toiletten sind auch ein Problem: Um auszutreten, müssten die Kinder ins Schulhaus zurück, da müsse man die Aufsicht klären. Es sei fraglich, ob sich die Kinder draußen konzentrieren können. "Sie sind es ja nicht einmal gewöhnt, dass Vögel herumfliegen." Und dann bräuchte man noch verlässlich gutes Wetter - und am besten spanische Temperaturen.

Als Lösung für den Alltag ist allerdings auch das Projekt in Spanien eigentlich nicht gedacht. Vom Schulhaus in Murcia bis zum Strand am Mar Menor sind es Luftlinie mehr als 40 Kilometer. Das entspricht etwa der Distanz von München-Schwabing zum Tegernsee.

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SZ vom 20.04.2021/syn
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