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Unterricht in Pandemiezeiten:"Wir sind froh, wieder da sein zu dürfen"

Wechselunterricht für Abschlussklassen

Nicht an allen Münchner Schulen funktioniert der Wechselunterricht für die Abschlussklassen gleich gut.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Weil die Infektionszahlen sinken und die Zeit drängt, ziehen die Abiturjahrgänge teilweise wieder in die Klassenräume ein. Das Nebeneinander von Distanz- und Präsenzunterricht bringt nun aber neue Herausforderungen.

Von Martina Scherf und Sebastian Theuner

Peter Rothmann wirkt recht entspannt. Der Direktor des Asam-Gymnasiums in Giesing freute sich, als er am Montagmorgen von Schülern seines Abi-Jahrgangs mit den Worten begrüßt wurde: "Wir sind froh, wieder da sein zu dürfen." Für die Abschlussklassen hat das Kultusministerium einen Wechsel zwischen Distanz- und Präsenzunterricht verfügt. Und während manche das in organisatorische Nöte stürzt, hat Rothmann eine einfache Lösung parat: Synchron-Unterricht. Seine Lehrer unterrichten den halben Kurs im Klassenzimmer, die andere Hälfte nimmt live zu Hause am Bildschirm teil. "Das funktioniert gut", sagt der Direktor.

Das Asam-Gymnasium hat das vergangene Jahr seit dem ersten Lockdown genutzt und technisch aufgerüstet. Es ist laut Rothmann das einzige staatliche Gymnasium im München mit starkem Wlan im ganzen Gebäude. Man habe sich das hartnäckig bei der Stadt erkämpft, sagt er. Mit Hilfe des Fördervereins wurden zudem hochwertige Raummikrofone angeschafft, sodass alle Wortmeldungen im Klassenzimmer in das Streamingportal und umgekehrt die Meldungen der Schülerinnen und Schüler zu Hause für alle verständlich ins Klassenzimmer übertragen werden. "Diese Investition hat sich auf jeden Fall gelohnt", sagt der Direktor. Die Schule nutzt Microsoft-Teams, die Lehrer wurden geschult, sie geben sich untereinander Tipps. Sie nutzen Folien, schreiben live Tafelbilder, laden Dokumente hoch, machen sogar Gruppenarbeit. Wer aber nicht selbst im Bild erscheinen will, muss sich nicht zeigen. Ton genügt. "Das entschärft Konflikte", sagt Rothmann.

Vorbildlich, möchte man sagen. Doch so läuft es längst nicht an allen Schulen. Bei Susanne Arndt, der Vorsitzenden der Landeselternvereinigung für Gymnasien, läuft wieder einmal der E-Mail-Kanal voll. Gerade bei den älteren Schülerinnen und Schülern habe der Distanzunterricht zuletzt geklappt, sagt sie - zumindest dort, wo die Technik funktioniere. Wechselunterricht hingegen bedeute für die Lehrer einen Spagat. Sie müssen laut Gesundheitsministerium die Kurse teilen, "egal, wie klein die vorher schon waren". Auch wenn sie dann nur zu fünft mit Maske im Klassenzimmer sitzen.

Sorge um die Kinder - aber auch um die Lehrer

Doppelte Arbeitsbelastung für die Lehrer heißt aber: weniger Zeit für die Jüngeren. Die kriegen dann nur Arbeitsaufträge. "Wenn solche Aufgaben gut gemacht sind, ist das okay. Aber leider legen viele Lehrer noch nicht mal Abgabetermine fest." Auch nach fast einem Jahr Corona verlaufe der Online-Unterricht höchst unterschiedlich. Manche ließen Referate und die mündliche Präsentation der Seminararbeit im Abschlussjahrgang per Video halten, andere nicht. "Das geht doch prima digital", sagt Arndt.

Leider sei aber auch die Elternschaft tief gespalten. "Die Hälfte will lieber Distanzunterricht, die andere Hälfte will Präsenz." Es gebe Eltern, die verböten ihren Kindern, am Video-Unterricht oder gar nur an Telefonkonferenzen teilzunehmen. "Wir müssen uns noch viel mehr Gedanken machen, wie wir diese Kinder auffangen", sagt die Elternvertreterin.

Martina Borgendale, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sorgt sich um die Lehrer. Die Schulöffnung für Abiturienten sei "ein Verstoß gegen die Fürsorgepflicht und den Arbeitsschutz, vor allem angesichts der neuen hochansteckenden Mutationen". Auch müssten Lehrerinnen und Lehrer dann auch den Digitalunterricht für andere Klassen aus der Schule heraus leiten. Die Leitungskapazitäten vieler Schulen reichten dafür nicht aus. Borgendale befürchtet "sporadischen Distanzunterricht" für die Klassen fünf bis elf, "weil Netz und Technik regelmäßig versagen".

"Da kommen riesige Wissenslücken zustande"

Alexander Löher hat dieses Problem offensichtlich nicht. Er folgt dem Unterricht zu Hause am Laptop, als ihn der Anruf des Reporters erreicht. "Es kann sein, dass ich zwischendurch aufgerufen werde", sagt der Vorsitzende der "StadtschülerInnenvertretung" München (SSV). Seine Schule setzt in dieser Woche noch voll auf Digitalunterricht. Doch der Schülersprecher ist überzeugt: "Präsenzunterricht ist effektiver. Man kann sich so zu 100 Prozent mit dem Stoff auseinandersetzen." Auch sei es wichtig, seine Mitschüler leibhaftig zu sehen: "Dauerhaftes Home-Schooling schlägt manchen auf die Psyche."

Sein Jahrgang mache schon den zweiten Lockdown mit, sagt Löher, "da kommen riesige Wissenslücken zustande". Aber auch den jetzigen Elft- und Zehntklässlern gehe Stoff verloren. Deren Situation gelte es ebenfalls zu berücksichtigen. Und bei halber Kursstärke sei es kein Problem, die Abstandsregeln einzuhalten. Deshalb findet der Abiturient das Wechselmodell gut. Jedenfalls besser als nur Distanzlernen.

Das findet auch Liliana Napuri Brandt. Die 18-Jährige besucht das Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger und sagt, es sei gut, dass sie jetzt wieder Klausuren schreiben könnten. Im Präsenzunterricht werde man von den Lehrern persönlich angesprochen. Zu Hause koste es "viel Kraft, Zeit und Disziplin", sich den vielen fehlenden Stoff selbst anzueignen. Aus ihrem Jahrgang seien ihr überhaupt nur zwei Corona-Fälle bekannt. Auch Peter Rothmann sagt, es seien im ganzen Jahr nur eine Handvoll Fälle gewesen. Eine Ausbreitung habe man jeweils sofort verhindert, indem man die betroffene Klasse oder den Kurs in Quarantäne geschickt habe. Das bestätigen auch andere Schulen. "Die älteren Schüler verhalten sich meiner Beobachtung nach sehr vernünftig", sagt Rothmann.

© SZ vom 02.02.2021/syn
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