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Schulübertritt während Corona:"Die Liebe zu den Kindern können wir online nicht vermitteln"

Regina Lotterschmid, Direktorin der Artur-Kutscher-Realschule, Gerastr. 6

Regina Lotterschmid, Direktorin der Artur-Kutscher-Realschule an der Gerastraße, gibt sich viel Mühe, ihre Schule online ins rechte Licht zu rücken. Doch sie ahnt, dass das nicht alles ersetzen kann.

(Foto: Florian Peljak)

Informationsabend? Tag der offenen Tür? Das gibt es in diesem Jahr nur eingeschränkt. Die Frage, welche Schule die richtige für ihr Kind ist, ist für viele Eltern deshalb besonders schwer zu beantworten.

Von Kathrin Aldenhoff

Schulleiterin Regina Lotterschmid hat die Powerpointpräsentation verlängert, auf 54 Seiten. Das, was sie sonst am Infoabend erzählt, hat sie aufgeschrieben und auf ihre Homepage gestellt. 54 Seiten über die Artur-Kutscher-Realschule in Moosach; die Präsentation zeigt Bilder aus dem Computerraum, dem Musikraum, von getöpferten Tieren aus dem Werkunterricht. Was sie nicht zeigen kann: "Unsere Empathie, die Liebe zu den Kindern können wir online nicht vermitteln", sagt Regina Lotterschmid. "Wir haben sonst einen wunderbaren Infoabend, wir präsentieren unsere Filetstücke, zeigen, was wir alles Schönes machen. Die Bläserklasse tritt auf, die Tutoren treten auf. Die ganze Gefühlsebene, die Begeisterung, die unsere Lehrkräfte für die Schüler haben, das kommt nicht so gut rüber."

Die Präsentation zeigt dafür einen Beispielstundenplan, sie erklärt, was ein Lernhaus ist und was ein Lernbüro. Und erzählt von dem großen Projekt, der zweiwöchigen Reise einer Gruppe Zehntklässler nach Nepal. Die im vergangenen Jahr ausfallen musste, wegen Corona, klar. So wie der Infoabend, den Regina Lotterschmid und ihr Kollegium für die Eltern von Viertklässlern am 1. Februar geplant hatten.

Die Kinder und ihre Eltern stehen in diesem Jahr vor einer schwierigen Entscheidung. Welche Schule ist die richtige? An welcher Schule wird sich mein Kind wohlfühlen, welche Schule passt zu uns? Die Schule um die Ecke oder die Schule, die so ein tolles pädagogisches Konzept hat, aber weiter weg ist? In Pandemiezeiten ist die Entscheidung noch schwieriger: Die Informationsabende, bei denen die Schulen sich Eltern und Kindern vorstellen, fallen aus, finden höchstens online statt. Mal durch die Gänge laufen, gucken was die Theater-AG so macht, die Klassenzimmer anschauen und Atmosphäre schnuppern, all das ist gerade nicht möglich.

"Eltern können die Entscheidung für eine Schule rational treffen, aber für die Schüler ist der emotionale Eindruck wichtig", sagt Anke Sponer, Vorsitzende des Gemeinsamen Elternbeirats der Grundschulen München (GEB). Es geht schließlich darum, welche Schule sie in den nächsten fünf bis neun Jahren besuchen.

Eine zentrale Plattform, auf der sich die Schulen kurz und übersichtlich präsentieren, ihre Angebote vorstellen, grundlegende Fragen zum Thema Nachmittagsunterricht oder zu ihren Werten beantworten, das fänden sie und Anita Störmann, ihre stellvertretende Vorsitzende im GEB, wünschenswert. "Klar kann man sich die meisten Infos auch so im Internet zusammensuchen", sagt Anita Störmann. "Aber das dauert, und Zeit haben Eltern mit Homeoffice, Home-Schooling und Notbetrieb in den Kitas im Moment gar nicht."

Am Michaeli-Gymnasium in Berg am Laim wird der Infoabend in diesem Jahr online stattfinden. Kurze Videos sollen den Alltag an der Schule zeigen, sagt Schulleiter Frank Jung. Und gleichzeitig einen Eindruck von der Expertise der Schule im Bereich Medien vermitteln. "Wir wollen auch deutlich machen, wie stabil und gut hier der Distanzunterricht läuft", sagt Frank Jung. Und klar, auch die Besonderheiten der Schule, unter anderem Chorklassen, Bläserklassen und Tabletklassen sowie der offene Ganztag sollen angesprochen werden.

"Die Eltern sind die Experten in der Einschätzung ihres Kindes, das ist nun noch mehr in den Vordergrund gerückt"

Es geht für die Familien aber nicht allein um die Wahl der richtigen Schule, es geht auch um die Wahl der richtigen Schulart: Mittelschule, Realschule oder Gymnasium, was passt? Die Grundschullehrer müssen Empfehlungen für Kinder abgeben, die sie vielleicht wochenlang nicht gesehen haben; statt 22 Probearbeiten gibt es wegen der Corona-Pandemie nur 14; nicht alles, was im Lehrplan steht, kann in Pandemiezeiten und im Distanzunterricht behandelt werden. Die Grundschulen seien informiert, so teilt es das Kultusministerium mit, dass die Fächer Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachunterricht gegebenenfalls prioritär behandelt werden sollen.

"Nach außen hin ist es im Moment sicherlich schwieriger für die Eltern, eine Schule für ihr Kind zu wählen, weil die Notengebung auch erschwert ist", sagt Regina Lotterschmid von der Artur-Kutscher-Realschule. "Aber es ist schon länger so, dass die Noten nicht das wahre Leistungsvermögen eines Kindes zeigen. Die Eltern sind die Experten in der Einschätzung ihres Kindes, das ist nun noch mehr in den Vordergrund gerückt."

Die Viertklässler stünden unter massivem Druck, sagt Anita Störmann vom GEB. Auch wenn es nur 14 statt 22 Probearbeiten gebe. Und ihre Kollegin Anke Sponer gibt zu bedenken: "Wenn es weniger Tests gibt, haben die Kinder auch weniger Chancen, Leistung zu bringen." Sie befürchtet: "Den Lehrkräften fehlt am Ende eine wichtige Grundlage, um zu entscheiden, welches Kind auf welche Schule geht." Sie findet, man könnte die Krise nutzen, um ein neues Format für den Übertritt zu finden. Eines, bei dem Schüler, Eltern und Lehrer gemeinsam entscheiden.

Die Pandemie als Chance, den Übertritt anders zu denken, weg von dem Prüfungsgedanken zu kommen, das hätte sich auch Martin Schmid, Vorsitzender des Münchner Lehrerinnen- und Lehrerverbands gewünscht. "Das Aussortieren nach der vierten Klasse ist völlig falsch", sagt er. Besser wäre es, die Eltern mehr in die Verantwortung zu nehmen, gemeinsam zu entscheiden, was das Beste für das Kind ist, statt nur auf die Noten zu gucken.

Die Münchner SPD und die SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag forderten am Freitag, das Übertrittszeugnis in diesem Jahr abzuschaffen, Schulen und Familien die Entscheidung zu überlassen und nicht nur nach den Noten zu gehen. Kinder und Familien seien wegen der Pandemie stark belastet und stünden hinsichtlich des Übertritts zusätzlich unter Druck.

Martin Schmid sagt aber auch, dass Eltern dem Urteil der Lehrer vertrauen können. "Die Lehrkräfte kennen die Kinder eineinhalb Jahre, sie kennen sie noch vom Präsenzunterricht, und können ihre Leistungen einschätzen." Was den Übertritt in diesem Jahr angeht, empfiehlt er den Lehrern, sich gut mit den Eltern abzusprechen, pädagogische Freiräume zu nutzen und im Sinne der Kinder zu entscheiden.

© SZ vom 13.02.2021/lfr, van
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