bedeckt München 26°

Coronavirus:Keine Politiker zum Derblecken

Schauspieler Thomas Limpinsel verlässt die Pressekonferenz zur Salvatorprobe.

Schauspieler Thomas Limpinsel verlässt die Pressekonferenz zur Salvatorprobe. Eigentlich wollte Limpinsel, der die Rolle von Grünen-Chef Habeck hat, erzählen, wie er sich sein Debüt vorstellt. Stattdessen wurde verkündet, dass das Derblecken wohl abgesagt werden muss.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch der traditionelle Starkbier-Anstich wird von der Corona-Krise getroffen. Oberbürgermeister Reiter fordert unterdessen Nachschub an Schutzkleidung, in ein paar Tagen werde es eng.

Von Wolfgang Görl und Julian Hans

Die bayerischen und Berliner Politiker, die am 11. März zum Derblecken auf dem Nockherberg geladen waren, können den Termin aus ihrem Kalender streichen. Wegen des Coronavirus findet die Salvatorprobe wohl nicht statt, jedenfalls nicht in der gewohnten Form. Andreas Steinfatt, der Chef der Paulaner-Brauerei, teilte am Freitag mit, das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit LGL habe allen Politikern empfohlen, dem Starkbier-Anstich fernzubleiben. Steinfatt fügte hinzu: "Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber die Signale sind hoffnungslos." Noch offen ist, ob Singspiel und Salvatorrede ohne Publikum im Fernsehen gezeigt werden.

Derzeit gebe es vom Freistaat noch keine bayernweite Handreichung, wie mit großen Veranstaltungen umzugehen sei, erklärte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. Bisher werde das von Fall zu Fall entschieden. Immer mehr Veranstalter entschieden aber von sich aus, abzusagen, weil sie davon ausgehen müssten, dass das Publikum aus Angst vor Ansteckung wegbleibe.

Auf dem Nockherberg wollten die Singspiel-Regisseure Stefan Betz und Richard Oehmann sowie Fastenprediger Maxi Schafroth am Freitag bei einer Pressekonferenz eigentlich Hinweise geben, was das Publikum erwartet. Doch dann geschah erst einmal eine gute halbe Stunde lang gar nichts. Man warte noch auf Steinfatt, hieß es. Als der endlich eintraf, war seiner Miene zu entnehmen, dass er nichts Gutes zu verkünden hatte. Blass führte er eine Geste vor, mit der Schiedsrichter Fußballspiele beenden. Nur der Abpfiff blieb aus.

"Sie sehen mich erschöpft und enttäuscht und frustriert", leitete Steinfatt ein. Und dann kam es: LGL-Präsident Andreas Zapf habe den Politikern empfohlen, die Salvatorprobe zu meiden, und auch die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml, mit der er bis zuletzt telefoniert habe, sei der Auffassung, das Politiker-Derblecken besser abzusagen. Dies allerdings sei Sache des Veranstalters, also der Paulaner-Brauerei und des Bayerischen Rundfunks.

Steinfatt versicherte, dass die Brauerei und die Nockherberg-Wirte alles getan hätten, um die Veranstaltung zu retten. Man hätte aufs obligatorische Händeschütteln verzichtet, ausreichend Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt und keine Brotzeitbrettl auf den Tischen platziert. Den Gesundheitsbehörden hat das offenbar nicht genügt. "Wir sind tief betroffen", sagte Steinfatt. Die Veranstaltung zu verschieben, komme aus organisatorischen Gründen nicht in Frage.

Auch Gesundheitsministerin Huml bedauert, dass das Politiker-Derblecken wohl nicht in der gewohnten Form stattfinden kann. Aber: "Der Schutz der Bevölkerung hat für uns oberste Priorität", sagte sie. Auch bei einer Veranstaltung wie dem Starkbieranstich "folgen wir den medizinischen Empfehlungen des bayerischen Coronavirus-Krisenstabs".

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter reichen Empfehlungen nicht. Er fordert vom Freistaat und von der Bundesregierung Unterstützung bei der Ausstattung mit Schutzausrüstung für Kliniken und Ärzte. "Wir haben noch für ein paar Tage ausreichend Schutzkleidung, aber es wird eng", sagte er am Freitag, "wir brauchen dringend Nachschub". Eine Bestellung der München Klinik bei einem Hersteller in Frankreich sei kürzlich auf Anweisung der französischen Regierung storniert worden.

Mit Blick auf eine vermutlich schnell steigende Zahl von Infektionen forderte Reiter, dafür zu sorgen, "dass leichte oder symptomfreie positiv getestete Corona-Fälle nicht mehr automatisch ins Krankenhaus müssen, sondern dass die auch zuhause in Quarantäne bleiben dürfen". Dass das derzeit noch anders gehandhabt werde, könne die Krankenhäuser jedoch sehr schnell an die Grenzen ihrer Kapazitäten bringen. "Dann haben Sie irgendwann einen Engpass bei denen, die tatsächlich Symptome zeigen und ärztliche Hilfe brauchen", so Reiter, der an alle Krankenhäuser in München appellierte, auch Betten für Infektionsfälle mit Covid-19 bereitzuhalten. Bislang trage das städtische Klinikum München die Hauptlast. Laut Münchens Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs wurden bis Freitagmittag 15 Uhr in der Stadt 26 Personen positiv getestet. Sie gehe aber davon aus, dass die Zahl in den nächsten Tagen deutlich schneller steigen werde als bisher. "Wir haben derzeit eine sehr dynamische Situation", sagte die Gesundheitsreferentin.

Münchner, die in einem Risikogebiet waren und keine Symptome zeigten, sollten 14 Tage zuhause bleiben. Wer im Risikogebiet war und Grippe-Symptome an sich beobachte, solle nicht zum Arzt gehen oder in eine Klinik, sondern den ärztlichen Notfalldienst unter 116117 anrufen, der veranlasse alles Weitere - vom Corona-Test bis zur ärztlichen Versorgung.

© SZ vom 07.03.2020/flud, wean
Zur SZ-Startseite
Messe Berlin

Quarantäne
:Wie Unternehmen mit dem Coronavirus umgehen

Viele Firmen aktivieren Notfallpläne wegen der Infektionskrankheit, Chefs entdecken dabei die Vorteile des Home-Office. Verändert jetzt ein Virus die Arbeitskultur?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB