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Coronavirus in München:Zeit für Lockerungsübungen

Luise Kinseher (von links) freut sich ebenso wie Christian Lehner darauf, dass die Außengastronomie wieder aufsperren darf. Till Hofmann baut eine Open-Air-Bühne am Deutschen Museum auf. Katharina Stadler hofft, dass die Öffnungen von Dauer sind. Fotos: Stephan Rumpf, Alessandra Schellnegger, privat

Wenn die Inzidenz mitspielt, darf die Außengastronomie in der kommenden Woche wieder öffnen. Die Sehnsucht nach Begegnung ist groß - aber auch die Unsicherheit über das Regelwirrwarr. Und doch spürt man eine neue Hoffnung.

Von Franz Kotteder

Die gute Nachricht lautet: Jetzt demnächst fängt dann eventuell tatsächlich bald der Frühling an. In München macht man diesen Termin von Alters her nicht am 20. März fest (oder, um genau zu sein, rein kalendarisch auch mal einen Tag davor oder danach), sondern dann, wenn die Lokale ihre Tische und Stühle vors Haus stellen. Das beginnt meist schon mit Eintritt der Schneeschmelze.

Dann setzen sich umgehend hellauf begeisterte Münchner in Funktionsjacken dort hin, bestellen ein Getränk, zücken ihr Handy und versenden eine Whatsapp-Nachricht mit Bild vom Masskrug und dem Text: "Die Biergartensaison ist eröffnet!" Andere Quellen machen den Frühlingsbeginn daran fest, dass die Sitzreihen vor dem Tambosi am Odeonsplatz wieder lückenlos besetzt sind mit blasierten Blondinen und großmäuligen Schnöseln, die allesamt Sonnenbrillen aufhaben.

Beides hat schon 2020 aus bekannten Gründen nicht ganz geklappt, und in diesem Jahr ist es bisher auch noch nichts geworden. Jetzt hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den Frühlingsbeginn aber frühestens auf den 10. Mai gesetzt. Dann darf die Außengastronomie im Freistaat wieder öffnen, wenn die Inzidenz lange genug unter 100 liegt - und für München könnte das am Dienstag so weit sein. Wer nun jedoch glaubt, die Wirte ließen schon die Champagnerkorken knallen und putzten die Schanigärten festlich heraus, täuscht sich gewaltig.

Christian Lehner zum Beispiel hat mit dem Parkcafé einen großen Biergarten mitten in der Stadt und mit dem Bad ein Wirtshaus direkt an der Theresienwiese. Von Haus aus ist er eine Frohnatur, die so leicht nichts umwirft. "Klar, ich bin glücklich und voller Vorfreude", sagt er, und dann: "Im Bad fangen wir erst einmal mit to go an, und im Parkcafé bauen wir eine Corona-Teststation auf." Mit anderen Worten: Er geht die Sache mit Vorsicht an, "man weiß ja nicht, ob es dann gleich wieder heißt: an jedem Tisch nur maximal zwei Haushalte". Er will seine Betriebe dann so nach und nach hochfahren, sagt er. Die Politik stelle sich das so einfach vor und liefere die Regeln nur kurz vor knapp: "Hätten die nicht einfach mal irgendeinen depperten Wirt fragen können, ob man von heute auf morgen überhaupt aufmachen kann? Stattdessen gibt es jetzt in jedem Kuhdorf andere Regeln."

Wirt Christian Lehner vom Bad am Bavariaring hofft, bald wieder öffnen zu können.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Klage hört man fast überall, wenn man mit Wirtinnen und Wirten spricht, und bei den potenziellen Gästen erst recht. Reicht die Erstimpfung schon oder ein Schnelltest? Darf der höchstens 24 oder 48 Stunden alt sein, und wann beginnt die Frist genau? Gibt's die Halbe in meinem Stammlokal vielleicht sogar nur per Click & Collect? Und muss ich beim Friseur jetzt eine Urinprobe des Großvaters mütterlicherseits vorweisen oder reicht eine FFP2-Maske mit Zertifikat? All das sind Fragen, die darauf hindeuten, dass die Bistro- und Biergartengarnituren am nächsten Dienstag nicht gleich aus dem Boden schießen werden wie die Ölfontänen in einem Lucky-Luke-Comic.

"Open Air geht ja wahrscheinlich, aber alles, was in Theatern stattfinden soll, steht auf der Kippe"

Dabei gibt es ja eine große Sehnsucht nach Begegnung, bei vielen zumindest. Die Videokonferenz hat längst ihren Reiz verloren (womöglich hatte sie den mal, aber heute erinnert sich keiner mehr daran). Vor allem die Besserverdienenden sind Kachelgucker geworden und starren ganztags in Bildschirme, während ihre Kinder Homeschooling erdulden. Die anderen können keine Leute mehr sehen, weil sie die ohnehin schon dauernd sehen: als Kassiererinnen an der Supermarktkasse, die sich viel öfter anraunzen lassen müssen als früher, als Paketausfahrer oder Krankenschwestern. Alle sagen sie, dass die Menschen gereizter sind als früher.

Und trotzdem ist die Stimmung in den vergangenen Tagen erkennbar eine andere geworden. Anstelle der ersten Bilder aus dem Biergarten werden nun stolz Fotos von der ersten Impfung gepostet. Eine leichte Hoffnung ist spürbar, dass die Normalität langsam zurückkehrt. Die Kabarettistin Luise Kinseher ist "zumindest optimistisch, dass der Sommer wieder so wird wie letztes Jahr, wo das Westend dank der Schanigärten eine einzige große Freischankfläche war". Beruflich ist sie noch skeptisch, sagt sie. Zwar hat sie im Juni schon wieder eine Reihe von Terminen, aber da wurden auch schon einige wieder abgesagt: "Open Air geht ja wahrscheinlich, aber alles, was in Theatern stattfinden soll, steht auf der Kippe." Die liebste Open-Air-Veranstaltung ist ihr der Biergarten: "Mit ein paar Leuten an einem Tisch, eine warme Brezen, ein kaltes Bier - omei, des waar' schee!"

Unter weitgehend freiem Himmel wird sie auch auftreten, und zwar am 18. Juni im Innenhof des Deutschen Museums. Der Veranstalter Till Hofmann baut dort gerade seinen "Eulenspiegel Flying Circus" auf, eine Open-Air-Bühne mit Abstand, die vergangenes Jahr schon recht erfolgreich lief, im Rahmen des Möglichen und mit umfassendem Sicherheitskonzept. Am kommenden Donnerstag soll's losgehen, mit täglich wechselndem Programm bis in den Herbst hinein.

Til Hofmann baut gerade die Eulenspiegel Flying Circus Bühne im Innenhof des Deutschen Museums auf. Wenn alles gut geht, kann dort bald vor Publikum gespielt werden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Hofmann, der in München normalerweise das Lustspielhaus, die Lach- und Schießgesellschaft und das Vereinsheim betreibt, ist ein Mensch von bemerkenswerter Gelassenheit und großem Optimismus, was in seiner Branche momentan nicht verkehrt ist. "Wir haben 170 Veranstaltungen geplant", sagt er, "hier im Innenhof und mit der Lach- und Schießgesellschaft in der Seidlvilla, aber auch in ganz Bayern." Zwei mobile Bühnen hat er jetzt im Einsatz, "zur Not ziehen wir um und spielen dort, wo die Inzidenz am niedrigsten ist". Er hofft auf den Impffortschritt und darauf, dass es keine vierte Welle gibt. Dann würde es auch für ihn und besonders seine Künstler kritisch: "Da gibt es ja jetzt schon viele, bei denen wird es sehr, sehr eng mit dem Geld."

Es bleibt also noch viel Ungewissheit, überall. Auch bei Katharina Stadler. Sie hat erst vor fast drei Jahren die Konditorei Kustermann mit Café in der Lindwurmstraße übernommen; die Pandemie hat sie hart erwischt. Immerhin: "Das To-go-Geschäft hat sich gut entwickelt." Besonders in der Faschingszeit. Da gingen die Krapfen weg wie, nun ja: warme Semmeln, nachdem ein Online-Magazin sie in den höchsten Tönen gelobt hatte. Schon im Jahr davor wollte ihr die Bezirksinspektion die Freischankfläche an der Lindwurmstraße nicht genehmigen, "wir hätten genau einen Zentimeter zu viel Platz gebraucht, hieß es".

Bei Katharina Stadler mischt sich in die Hoffnung auch Ungewissheit.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dann gab's 2020 eine Ausnahmegenehmigung. Im Lockdown hatten die Behörden offenbar Zeit noch einmal nachzumessen, diesmal waren es sogar drei Zentimeter zu viel. Stadler ist ums Eck ausgewichen und hat auch einen Schanigarten hinter der Backstube genehmigt bekommen. Aber eigentlich braucht sie dafür extra Personal, und das rentiert sich nicht, wenn sich die Gäste fürs Hinsetzen registrieren müssen, einen Fragebogen ausfüllen und den Impfpass oder ein Schnelltestergebnis vorlegen sollen. "Für einen schnellen Cappuccino macht keiner einen Test." So viel Mehraufwand für so wenig Umsatz, und dann sagen die Leute auch noch, wenn die Tische nicht aufgestellt sind: Die haben's wohl nicht nötig. "Ich würde ja Vollgas geben", sagt Stadler, "wenn ich wüsste, ich könnte das den ganzen Sommer über durchziehen." So aber sei das noch zu riskant.

Auch Christian Lehner geht die Sache behutsam an. Vom Personal ist kaum jemand abgesprungen, im letzten halben Jahr, das ist schon mal positiv. "Ich hoffe, unsere Gäste bringen auch etwas Langmut mit." Alles müsse sich erst wieder einspielen, nach sechs Monaten Pause. So richtig klar geworden ist ihm das erst vor ein paar Tagen. Da hat er noch mit zwei anderen im Parkcafé umgebaut und renoviert, und als sie sich zwischendrin einen Kaffee aus der Maschine ließen, wären sie beinahe an der Hightech-Kasse mit integriertem Bestell- und Boniersystem gescheitert: "Da standen wir dann zu dritt davor und fragten uns: Wie funktioniert das gleich wieder?"

© SZ vom 08.05.2021/lfr
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