Coronavirus:Intensivstationen voll - München führt schärfere Maßnahmen ein

Lesezeit: 4 min

Corona-Intensivstation in der München Klinik Schwabing, Schwabinger Krankenhaus

Die Intensivstationen in München sind am Anschlag.

(Foto: Florian Peljak)

Die Lage an den Kliniken spitzt sich zu, das Gesundheitsamt kommt der Flut an neuen Corona-Fällen nicht hinterher. In der Gastronomie gilt künftig 2 G - was sich sonst noch ändert.

Von Nicole Graner und Ekaterina Kel

München reagiert auf die schwierige Corona-Lage in den Kliniken mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) verkündete eine Reihe von neuen Regeln für die Stadt, die teilweise schon kommende Woche in Kraft treten sollen. "Die aktuelle Situation kann nur noch als dramatisch bezeichnet werden", sagte er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Rathaus.

So soll für die Münchner Gastronomie sowohl im Außen- als auch im Innenbereich bereits ab kommender Woche die 2-G-Regel gelten. In Cafés, Bars und Restaurants kommen dann nur noch Geimpfte und Genesene rein. Für Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren soll es bis Ende des Jahres noch eine Übergangsfrist mit einer 3-G-Plus-Regel geben. Er halte diesen Schritt angesichts der ausgereizten Kapazitäten und der hohen Ansteckungsraten "für unumgänglich" und wünsche sich denselben auch von den umliegenden Landräten, sagte OB Reiter.

Auch der Christkindlmarkt wird davon betroffen sein: Es soll laut Reiter sogenannte Gastro-Inseln geben, in denen 2 G gelte. Außerdem wird es eine generelle FFP2-Maskenpflicht für den gesamten Markt geben. Härtere Regeln seien nötig, aber: "Stand heute plane ich nicht den Markt abzusagen", bekräftigte Reiter.

Coronavirus - Bayern

Chefarzt Clemens Wendtner (von links), Axel Fischer, Geschäftsführer der München Klinik, und Oberbürgermeister Dieter Reiter informieren über die Corona-Situation.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Axel Fischer, Geschäftsführer der München Klinik, und Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing, warnten zudem bei der Pressekonferenz vor einem Kollaps der Notfallversorgung in der Stadt. 50 Prozent der planbaren Eingriffe müssten derzeit an der München Klinik verschoben werden, so Fischer. Das betreffe auch sensible Bereiche.

Erst am Mittwoch sei für einen 81-jährigen ungeimpften Corona-Patienten auf Intensivstation eine Herz-OP abgesagt worden. "Ich möchte nicht, dass Münchner im Notfall fürchten müssen, stundenlang mit dem Helikopter durch ganz Bayern geflogen zu werden", sagte OB Reiter. Deshalb will er "alles dafür tun", um den Münchner Pflegekräften eine weitere Zulage so schnell wie möglich zukommen zu lassen - die möglichen rechtlichen Schritte müssten vollkommen ausgeschöpft werden. So sei etwa eine schnellere Einstufung in eine höhere Tarifstufe denkbar.

Wie die Kontaktnachverfolgung klappen soll

Zudem plant die Stadt weitere Schritte zur Optimierung der Kontaktnachverfolgung. So gebe es bereits erste Gespräche mit großen Unternehmen, an die die ganze Aufgabe der Contact-Tracing-Teams abgegeben werden könnte, sagte Reiter. Alternativ sollen bis zu 200 Stellen kurzfristig geschaffen werden, um die Fallzahlen und die Kontaktpersonen wieder zuverlässig bearbeiten zu können. "Ich will, dass die Zahlen, die München meldet, aktuell sind", so der OB.

Zuletzt hatte die Stadt Probleme, die hohe Zahl der positiven Corona-Fälle zeitnah zu bearbeiten. Dies hat zur Folge, dass die offizielle Sieben-Tage-Inzidenz des Robert-Koch-Instituts für München seit Wochen wesentlich niedriger ausfällt, als sie in der Realität sein dürfte. Während in den umliegenden Landkreisen die Inzidenzen stetig gestiegen sind und momentan um die 350 liegen, sinkt der Wert in München - auf aktuell 93,3.

Druck aufs Gesundheitsreferat kam am Mittwoch von Oberbürgermeister Reiter. Es sei für ihn "nicht akzeptabel", kritisierte er, dass es derzeit nicht zuverlässig gelinge, das Infektionsgeschehen in München tagesaktuell darzustellen. Seit Montag unterstützen 50 Mitarbeiter der Bundeswehr die Stadt dabei, die Fälle zu bearbeiten und die Kontakte zu verfolgen. Dies werde nicht reichen, schätzt Reiter. Man habe, so erklärt die Leiterin des Gesundheitsreferats, Beatrix Zurek im Gesundheitsausschuss, sofort Personal angefordert, als die hohen Zahlen absehbar gewesen seien. Auf Grund der hohen Zahlen gebe es immer wieder neue Nachmeldungen. Täglich kämen 170 neue Fälle hinzu. "Wir gehen davon aus, dass wir in München im Moment eine Inzidenz von an die 300 haben werden." Zurek hofft, dass sich in den nächsten sieben Tagen die Inzidenzmessung wieder korrekt aufbaue. Das Interesse an Impfungen ziehe deutlich an, auch Erstimpfungen seien wieder gefragt. Von etwas mehr als 3000 Impfungen beispielsweise am Mittwoch seien 700 Erstimpfungen gewesen, 800 Zweitimpfungen und 1500 Auffrischungsimpfungen.

Außerdem sollen die Alten- und Pflegeheime sowie Behinderteneinrichtungen besser geschützt werden: Die Stadt will künftig mit einer Allgemeinverfügung einen wöchentlichen PCR-Test von Beschäftigten und Besuchern verlangen. Insgesamt 16 Einrichtungen seien derzeit von Corona betroffen, so Wolfgang Schäuble im Bericht des Stabs für außerordentliche Ereignisse (SAE). 51 Bewohnerinnen und Bewohner und 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien positiv getestet worden. Außerdem soll auch das Corona-Servicetelefon der Stadt "deutlich aufgestockt" werden.

"Es ist ernst, sonst gäbe es auch keinen Katastrophenfall."

Seit Wochen schon befinden sich die großen Münchner Krankenhäuser wieder im Ausnahmezustand: Bereits seit Längerem könne man nicht mehr von einem Regelbetrieb sprechen, sagte Axel Fischer, Chef der kommunalen München Klinik, vor wenigen Tagen in einem Interview mit der SZ. "Bei uns sind die Intensivkapazitäten komplett ausgereizt", so Fischer. Die vierte Welle mit überwiegend ungeimpften Corona-Patienten treffe zudem auf ein ausgelaugtes Pflegepersonal - ein Drittel der Intensivbetten sei wegen Pflegemangels gesperrt. Deshalb sei ein Ausbremsen der vierten Welle dringend geboten. Berichte über volle Intensivstationen aus dem ganzen Bundesgebiet und besonders in Bayern häufen sich. 54 Prozent der an Covid-19 erkrankten Patienten seien unter 65 Jahren und lägen daher länger auf der Intensivstation. "Die Entwicklung geht in die falsche Richtung. Es sieht nicht rosig aus für diesen Winter", wiederholt Fischer im Gesundheitsausschuss.

Am Mittwoch hat Bayern nun zum dritten Mal den Katastrophenfall ausgerufen, unter anderem, um die Rettungskräfte besser koordinieren zu können. Außerdem kündigte auch schon Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) verschärfte Kontrollen zur Einhaltung der 2-G-Regel an. "Die Menschen müssen jetzt wieder verstehen: Es ist ernst, sonst gäbe es auch keinen Katastrophenfall."

Wolfgang Schäuble appelliert, die Hygiene-Maßnahmen einzuhalten. Auch macht er deutlich, und beruft sich dabei auch auf den Kabinettsbeschluss vom 8. November, dass die Polizei im öffentlichen Raum "massiv" Kontrollen durchführen werde. Falls sich Einrichtungen nicht an die aktuellen Corona-Regeln halten würden, schrecke man auch nicht vor Schließungen zurück. Die Impfungen sollen auf 6000 täglich hochgefahren werden. Die Auffrischungsimpfung sei für jeden möglich, dessen zweite Impfung sechs Monate oder länger zurückläge. Insgesamt seien bis zum 8. November 1 910 893 Impfungen in Bayern durchgeführt worden. Davon waren 982 873 Erstimpfungen und 928 020 Zweitimpfungen. Auch die Arztpraxen leisteten einen "großen Anteil", sagt Schäuble. Denn zu viel auf einmal müsste geleistet werden. Die Folgen: Das Personal, aber auch die Patienten seien "stark gereizt", sogar auch aggressiv. Die Praxen agieren, laut SAE-Bericht, an oder über der Belastungsgrenze.

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