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Coronavirus in München:Dritter Tag unter 100

Coronavirus - Biergarten Englischer Garten

Auch der Biergarten am Seehaus im Englischen Garten könnte am Dienstag öffnen - wenn die Inzidenz unter 100 bleibt.

(Foto: dpa)

Münchens Inzidenz liegt am Freitag bei 94,1. Bleibt der Wert unter 100, öffnen am Dienstag die Biergärten und die Schüler kehren in den Unterricht zurück.

Von Heiner Effern

Wolfgang Schäuble, der Chef des Münchner Corona-Krisenstabs, konnte endlich mal etwas verkünden, an das er zuletzt nicht mehr gewöhnt war: "Erfreuliches tut sich", sagte er am Mittwoch im Münchner Stadtrat. Die Inzidenz in München sei just am Tag seines Pandemieberichts in der Vollversammlung unter die Grenze von 100 gefallen, nämlich auf 99. Und seitdem sinkt sie weiter: 98,3 betrug der Wert laut Robert-Koch-Institut am Donnerstag, 94,1 am Freitag.

Die Reproduktionszahl - sie gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person statistisch gesehen ansteckt - liegt inzwischen deutlich unter eins. Und der Blick auf die über 80-Jährigen bestätigt: Impfen hilft, die Zahl der Erkrankungen reduziert sich in dieser Altersklasse enorm. Dennoch mahnten Schäuble und die Stadtpolitiker zur Vorsicht. "Die Stimmung darf gut sein", sagte Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek (SPD), "aber auf keinen Fall leichtsinnig."

Warum die Inzidenz in den vergangenen Tagen so stark gefallen ist, weiß man nicht genau. "Diffus" seien die Gründe, an bestimmten Vorschriften oder Schließungen sei der Abfall nicht direkt festzumachen, sagte Zurek. Am Montag meldete die Stadt noch einen Wert von 126,4, am Dienstag fiel er auf 112,4 - und nun liegt er drei Tage in Serie unter 100.

Fünf Tage am Stück müsse die Inzidenz nun unter 100 liegen, damit die für Lockerungen nötige "Stabilität" gegeben ist, so Schäuble. Dann könnten am übernächsten Tag - in diesem Fall wäre das der Dienstag - die Erleichterungen greifen, die Bund und Land erlauben: Öffnung der Biergärten und Terrassen der Gastronomie, Rückkehr von Schülern in den Wechsel- und teils in den Präsenzunterricht. Beim Einkaufen bleibt es beim "Click and Meet", aber die Testpflicht fällt weg.

Einig war man sich, dass eine Mischung aus Einschränkungen und Vernunft der Münchner viel dazu beigetragen haben, dass die Corona-Zahlen wieder gesunken sind. Schäuble führte das am Beispiel der Mobilität aus: Wenn weniger Leute unterwegs sind, stecken sich weniger an. Vor der Pandemie waren an einem Mittwoch gut zwei Millionen Fahrgäste in den öffentlichen Verkehrsmitteln der MVG unterwegs. Am letzten Mittwoch im vergangenen November waren es 1,5 Millionen, also 75 Prozent des normalen Aufkommens. Und am letzten Mittwoch nun im April sank die Zahl auf 1,1 Millionen (55 Prozent). Der motorisierte Verkehr auf der Straße ging im April auf 70 Prozent zurück.

Dass Impfen zunehmend zu einem Faktor im Kampf gegen Corona wird, bestätigen die Zahlen im Pandemiebericht. Mehr als eine halbe Million Münchnerinnen und Münchner sind zum ersten Mal geimpft, exakt waren es zum Stichtag des Berichts 541 406. Doch davon dürfe man sich nicht täuschen lassen, warnte der Chef des Krisenstabs - den vollen Schutz nach der zweiten Impfung hätten bis jetzt vorwiegend die über 80-Jährigen. Das sei "noch nicht wesentlich" für die allgemeinen Zahlen.

Auch Gesundheitsreferentin Zurek hat große Sorge, dass sich der "Irrglaube" breitmacht, dass das Problem Corona mit der Impfung gelöst und "das Leben wie vorher" sei. Diejenigen, die schon den Schutz haben, dürften keinesfalls auf die Masken und die nötigen Abstände verzichten.

Die Koalition aus Grünen und SPD freute sich am Mittwoch über anstehende Lockerungen, will damit aber ebenfalls zurückhaltend umgehen. Wenn es zu schnell gehe, mache er sich Sorgen, dass die Zurückhaltung der Münchner, die für die erfreulichen Zahlen verantwortlich sei, schnell wieder weiche, sagte Dominik Krause, Fraktionsvize der Grünen.

Auch Anne Hübner, die Vorsitzende der SPD im Rathaus, bremste die Euphorie. Ja, es mache sich Hoffnung breit, aber man dürfe auch nicht vergessen, dass viele Angehörige gerade um ihre erkrankten Liebsten bangten. Es gehe darum, "maßvoll zu öffnen". Und vor allem auch die Solidarität zu wahren mit all denjenigen, die erst später geimpft würden. "Besonders Kinder und Jugendliche werden sehr lange darauf warten müssen." Sollte Sorglosigkeit die Ansteckungszahlen wieder nach oben treiben, müssten diese nicht nur wieder auf Unterricht im Wechsel oder Präsenz verzichten, sondern auf vieles, was sonst ihr Leben ausmache: Freunde, Schwimmbad, Partys. "Glück und Lebensfreude müssen zu den jungen Menschen zurückkehren."

Den Hang zum Ausleben des eigenen Glücks beobachten die Mitarbeiter in den Impfzentren bei ihren Besuchern bereits. "Erstgeimpfte machen ungeheuren Druck", sagte der Chef des Krisenstabs. Diese wollten so schnell wie möglich die zweite Spritze erhalten, um in den Genuss der in Aussicht gestellten Freiheiten zu gelangen. Dem stehe jedoch die neue Impfstrategie in Bayern gegenüber, den Zeitraum zwischen den Spritzen möglichst weit zu strecken. Schon mit der ersten Impfung haben Menschen nämlich gute Chancen, dass die Krankheit weniger schwer verläuft.

Besonderes Augenmerk will die Stadt beim Impfen auf sozial Schwächere richten. Denn die Infektionszahlen in den Stadtbezirken zeigen Unterschiede: Die wenigsten Fälle verzeichnete zum Stichtag am 31. März die Maxvorstadt mit 2449, die meisten Aubing-Lochhausen mit 4467.

Die Unterschiede zwischen den Vierteln fallen in München deutlich geringer aus als in anderen deutschen Großstädten. "Das zeigt, dass wir mit unserer Strategie richtig liegen", sagte Zurek. Seit vielen Jahren bemüht sich die Stadt um eine Sozialpolitik, die Brennpunkte vermeidet. Dazu gebe es niederschwellige Angebote und man schicke mobile Impfteams etwa auch in Gemeinschaftsunterkünfte oder Einrichtungen, sagte Zurek.

Es gebe aber trotzdem auch in München den "bedauerlichen" Zusammenhang: "Je schlechter die soziale Lage ist, desto höher ist die Inzidenz." Prekäre Verhältnisse beim Wohnen oder am Arbeitsplatz sorgten für mehr Ansteckungen, ebenso chronische Vorerkrankungen oder sozialer Stress. Um diese Menschen will sich die Stadt nun verstärkt kümmern, damit sie mehr und bessere Informationen bekommen und sich die teilweise geringe Impfbereitschaft erhöht.

© SZ.de/infu/sonn/van
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