Coronavirus in MünchenKaum Entspannung auf den Intensivstationen

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In Münchner Kliniken werden derzeit etwa 80 Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation behandelt - Ende April waren es noch 120.
In Münchner Kliniken werden derzeit etwa 80 Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation behandelt - Ende April waren es noch 120. (Foto: Florian Peljak)

Bei den aktuell sinkenden Neuinfektionen sollte man meinen, dass sich die Lage in den Krankenhäusern verbessert - doch so einfach ist es leider nicht.

Von Ekaterina Kel

Draußen, in der Welt jenseits der Krankenhausmauern, herrscht so etwas wie vorsichtige Euphorie: Es stecken sich spürbar weniger Menschen mit dem Coronavirus an, gleichzeitig werden immer mehr immunisiert. Cafés und Fitnessstudios öffnen wieder. Das Ende der dritten Welle naht, manch ein Optimist denkt schon über das Leben nach der Pandemie nach. Und drinnen? Herrscht noch eine andere Stimmung. In den Krankenhäusern hütet man sich davor, von echter Entspannung zu sprechen. Ja, es gibt einen Rückgang, jedoch ist Covid-19 noch lange nicht vorbei.

"Man muss diese Welten trennen", sagt Frank Eberhardt. Er ist Oberarzt an einer Klinik für Innere Medizin im Krankenhaus Barmherzige Brüder. Trotz der spürbaren Entspannung im öffentlichen Leben werde es für die Krankenhäuser "weiterhin sehr anspruchsvoll" - und zwar noch über Monate hinweg. Denn Corona sei weiterhin da und Menschen mit schweren Lungenentzündungen aufgrund einer Corona-Infektion müssten weiterhin behandelt werden. Gleichzeitig müsse der Normalbetrieb wieder aufgenommen werden. "Das wird der Knackpunkt der kommenden Wochen", sagt Eberhardt. Diese Balance zu schaffen zwischen Covid- und Nicht-Covid-Patienten. Personell sei das eine große Herausforderung. Wie verteilt man die Fachkräfte?

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Hinzu kommt eine große Unbekannte: "Wir können nicht absehen, welche Folgen die Öffnungen oder weitere Mutationen zeigen werden", so der Pneumologe, der die Verdacht-, Normal- und Intensivstation für Covid-Patienten im Blick hat. Deshalb müsse weiterhin ein Isolationsbereich vorgehalten werden, um schnell auf steigende Infektionszahlen reagieren zu können. "So ganz optimistisch für die kommenden Wochen im Krankenhaus bin ich noch nicht", sagt Eberhardt.

Das deckt sich mit dem Bericht des Krisenstab-Leiters Wolfgang Schäuble, der am Donnerstag über die Lage in den Krankenhäusern sagte: "Lässig ist was anderes." Die Situation sei nach wie vor angespannt, auch wenn die Patientenzahlen zurückgingen. So behandelt man in den Münchner Krankenhäusern zurzeit etwa 80 Intensivpatienten, auf dem Höhepunkt der dritten Welle Ende April waren es etwa 120. Jedoch sei jetzt ein Plateau erreicht, die Zahl sinke nicht weiter.

Es gibt noch weitere Gründe, die gegen Entspannung in den Kliniken sprechen: Es gebe eine "vermehrte überregionale Anfrage nach ECMO-Betten", erklärte Schäuble. Hier wird ein Patient an eine Art künstliche Lunge angeschlossen, sein Blut wird außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert und dann wieder zurückgeführt. "Ein sehr kompliziertes Verfahren", so Schäuble. Etwa 25 Patienten würden in München zurzeit so behandelt.

Ein weiterer Grund für die gestiegene Behandlungsdauer: Es stecken sich mehr jüngere Menschen an. Und bei jüngeren Patienten gebe es einen "höheren Wunsch nach Maximaltherapie und damit automatisch eine längere Behandlung", berichtet Thomas Felbinger, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Operative Intensivmedizin und Schmerztherapie der München Klinik in Neuperlach und Harlaching. Weil die meisten seiner Patienten in der dritten Welle zwischen Anfang 50 bis Mitte 60 Jahre alt seien, könne man oft mehr therapeutische Maßnahmen anwenden, so Felbinger. In der ersten und zweiten Welle seien dagegen viele ältere Menschen mit einer Patientenverfügung oder mit sehr schlechten Überlebenschancen gekommen.

"Wenn Sie schwere Atemnot haben, dann gehören Sie in unsere Hände"

Und noch eine Besonderheit steche heraus: Während in den ersten beiden Wellen etwa jeder fünfte Patient auf eine Intensivstation musste, sei es mittlerweile jeder zweite. Teilweise nehme die Lungenfunktion innerhalb eines Tages rapide ab und der Patient müsse beatmet und engmaschig überwacht werden. Ein Grund dafür könnte sein, so Felbinger, dass jüngere Patienten zu lange zu Hause ausharrten, selbst wenn sie schon Atemnot hätten, bevor sie ins Krankenhaus gingen.

Eine "Fehleinschätzung", so der Intensivmediziner. In einigen Fällen könne man bei früherem Eingreifen schwere Verläufe verhindern. Er appelliert daher an die Corona-Kranken zu Hause: "Wenn Sie schwere Atemnot haben, dann gehören Sie in unsere Hände."

Also heißt es fürs Klinikpersonal: Noch länger ausharren? Eine Phase der Entspannung will auch Felbinger nicht verkünden. Dort, wo weniger Covid-Kranke behandelt werden, werde sofort das Non-Covid-Geschäft wieder hochgefahren, viele wichtige OPs, die in den vergangenen Wochen verschoben wurden, müssten nachgeholt werden. Und die Pflegekräfte erwiderten ihm: "Wir sind einfach nur noch fertig", sagt Felbinger. Auch ihnen fehle die Luft zum Atmen.

© SZ vom 22.05.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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