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Obdachlose und Corona:"Je niederschwelliger das Angebot, desto höher wird die Impfrate sein"

Mobiles Impfteam in einer Flüchtlingseinrichtung

Begehrte Spritzen: Obwohl das Vakzin von Johnson & Johnson schon seit zwei Monaten zugelassen ist, ist es in München noch rar.

(Foto: Jonas Güttler/dpa)

Der Impfstoff von Johnson & Johnson muss nur einmal gespritzt werden. Die wenigen Dosen, die bisher geliefert wurden, reserviert die Stadt München deshalb für Obdachlose, die schwer für zwei Termine zu erreichen sind.

Von Ekaterina Kel

Eine einzige Spritze - und fertig. Der Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson hat den Vorteil, dass er schon nach einer Impfung den vollen Schutz entfaltet und kein zweiter Termin nötig ist. Doch der Impfstoff ist in München bisher rar: Obwohl er schon seit zwei Monaten zugelassen ist, hat die Stadt nach eigenen Angaben erst diese Woche die ersten 2500 Dosen erhalten. Für den Vektorimpfstoff wurde zwar die Priorisierung aufgehoben, so dass er theoretisch von Hausärzten an alle Münchner verimpft werden könnte, doch die Stadt hat die wenigen gelieferten Dosen schon reserviert: Es gibt noch einigen Aufholbedarf in Wohnungslosen- und Flüchtlingseinrichtungen.

"Die Tatsache, dass eine Impfung für die vollständige Herstellung des Impfschutzes ausreicht, prädestiniert Johnson & Johnson für bestimmte Einsatzbereiche", heißt es vom Gesundheitsreferat. Die Dosen von Johnson & Johnson gingen deshalb von kommender Woche zunächst überwiegend an obdachlose Menschen. Auch der Einsatz in Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge sei denkbar. "Schon einen einzigen Termin fürs Impfen zu organisieren, ist kompliziert", sagt Cevat Kara, Leiter der Münchner Anlaufstelle Open.med für Obdachlose von Ärzte der Welt. Sie bietet Nichtversicherten in prekären Verhältnissen medizinische Hilfe und soziale Beratung. Die Kommunikation mit vielen Wohnungs- oder Obdachlosen sei ohne Handynummer oder fixe Adresse erschwert, so Kara. Zudem hätten viele Obdachlose noch andere Probleme, etwa Suchtdruck. Da sei eine Einzeldosis auf jeden Fall realistischer. "Je niederschwelliger das Angebot, desto höher wird die Impfrate sein", sagt Kara.

Wie also organisiert man ein möglichst zügiges und unbürokratisches Impfangebot für Menschen, die oft wenig Deutsch können, nicht immer Zugang zu Internet oder Telefon haben und dazu für die Mehrheitsgesellschaft unsichtbar sind? Wie stellt man sicher, dass die Information die Menschen wirklich erreicht? "Es wird nicht helfen, den Leuten einfach einen Infoflyer in die Hand zu drücken", sagt Savas Tetik. Er leitet das Infozentrum Migration und Arbeit der Awo, eine Beratungs- und Anlaufstelle für Arbeitsmigranten aus Bulgarien und Rumänien.

Er kennt die Menschen, die im Bahnhofsviertel auf dem Tagelöhnermarkt ihre Arbeitskraft anbieten, meist schwarz auf dem Bau oder bei der Reinigung. Die meisten von ihnen schlafen im Übernachtungsschutz in der Bayernkaserne. Fester Wohnsitz, Krankenversicherung, Identitätsnachweis? Schwierig. Deshalb steht der Appell der Behörden, die Impfberechtigten sollen sich doch individuell bei der Impfsoftware Bayimco für einen Termin anmelden, ziemlich schief. "Man muss dort hingehen, wo die Menschen sind, nicht warten, bis sie kommen", sagt auch Tetik.

Geeigneter wären spezielle Aufklärungskampagnen. Und zwar idealerweise im Einzelgespräch, in der jeweiligen Sprache, mit dem nötigen medizinischen Fachwissen und mit viel Zeit und Verständnis für die Ängste. Die Skepsis gegenüber der Corona-Impfung sei bei Wohnungs- und Obdachlosen sehr hoch, sagt Cevat Kara. Es kursierten die wildesten Gerüchte. Eine Umfrage unter den Patienten habe aber ergeben, dass die meisten "vielleicht" ankreuzten, er schließe daraus, dass sie keine generellen Impfverweigerer seien, sondern vor allem noch zu viel Angst oder Misstrauen gegenüber der Impfung hätten. "Es fehlt einfach das Wissen", sagt Kara und formuliert damit auch eine Kritik an den Behörden, die aus seiner Sicht bei diesen Gruppen bisher nicht für ausreichend Information und Aufklärung gesorgt haben.

Das Sozialreferat verweist jedoch auf die Anlauf- und Beratungsstellen, die die Information und Motivation übernehmen sollen. Es gebe außerdem mehrsprachiges Informationsmaterial und Videos, heißt es. Zudem seien Impfaufklärungstermine mit der Organisation "Mit Migranten für Migranten" in Planung.

Ob das ausreichen wird? Und wer kümmert sich um die Nachsorge bei Impfnebenwirkungen wie Fieber oder Schmerzen? Hier seien die Arztpraxen für Obdachlose, die Straßenambulanz und die Streetworker gefragt, heißt es beim Sozialreferat. Man biete obdachlosen Personen außerdem an, nach der Impfung im Haus an der Pilgersheimer Straße oder im Four-Point-Hotel ein paar Nächte verbringen zu können.

© SZ vom 15.05.2021/syn
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